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Abhinav Agarwal im Gespräch
Die resiliente Stadt

Santa Meyer-Nandi (links) und Abhinav Agarwal (rechts)
Santa Meyer-Nandi (links) und Abhinav Agarwal (rechts) | Fotos (Ausschnitt): Santa Meyer-Nandi

Ich freue mich, Euch heute einen Dialog über resiliente Städte zu präsentieren, und zwar mit dem Innovationsexperten Abhinav Agarwal, der – meiner Meinung nach – im Hinblick auf die Vielfalt an Netzwerken und Aktivitäten einer der am besten vernetzten Menschen in Paris ist. Ich bin natürlich auch dabei beim Dialogieren. Abhinav lebt in Paris und ist frugaler Unternehmer, Redner und Trainer.
Abhinav und mich verbindet mittlerweile auch eine tiefe Freundschaft – hey, wir haben uns gegenseitig gecoacht. Und wir haben bei verschiedenen Events zu Themen wie Achtsamkeit, Innovation, Nachhaltigkeit und Growth Hacking zusammengearbeitet.

Abhinav, dann wollen wir auch gleich loslegen.
Sprechen wir doch mal über Rituale, Routinen und Regeneration. Auf individueller Ebene ist klar, dass Achtsamkeit, wie etwa Meditation, Dankbarkeit und Savouring – also bewusstes Genießen –, (wissenschaftlich belegte) Auswirkungen auf unser Wohlbefinden hat – und auf die Qualität unseres Handelns. In uns selbst zu investieren und den inneren Schweinehund zu überwinden lohnt sich also für uns und die Menschen um uns herum absolut. Könnten wir auch einen Begriff für das Wohlbefinden und die Qualität des Handelns von Systemen sowie für das Überwinden des inneren System-Schweinehunds prägen? Wie könnte das im Kontext Stadt-System aussehen?


Ein interessanter Punkt, Santa! Wenn wir in der Lazy Economy, der Bequemlichkeitswirtschaft, auf Autopilot schalten, entwickeln wir bequeme Gewohnheiten und treffen unachtsame Entscheidungen, die systemische Auswirkungen auf die Stadt haben. Eine Routine bedeutet, eine Handlung wiederholt auszuführen. Wenn man beispielsweise jeden Tag zuhause kocht und beschließt, freitags Essen zu bestellen, um den Beginn des Wochenendes zu genießen, ist das eine schöne Routine oder Gewohnheit. Aber wenn man ein klein wenig Intention in diese Routinen hineinbringt, kann man sie in Rituale verwandeln. Man kann bewusst gesundes Essen bestellen, das ethisch produziert und ausgeliefert wird, und den Freitagabend zu einer fröhlichen, ganz besonderen Zeit mit Familie oder Freund*innen machen. Ein Ritual bedeutet, dass man Aufmerksamkeit, Intention und Wiederholung hineinbringt.

Wir reden von Traditionen; in Indien haben wir das ganze Jahr über eine ganze Reihe von Traditionen und Festen, ebenso gibt es Frankreich oder Deutschland andere Traditionen wie etwa Weihnachten und Neujahr. Wenn wir anfangen, Traditionen oder die Intention hinter den Traditionen zu vergessen, beginnt eine Kultur Erinnerungen zu verlieren, die über Generationen hinweg weitergegeben wurden. Ob das nun religiöse Traditionen, Kochrezepte oder traditionelles ökologisches Wissen sind. Wenn wir also diese Idee von Ritualen in unser Alltagsleben einbringen können, sei es, wenn wir uns morgens Kaffee kochen, unseren Kolleg*innen täglich einen guten Morgen wünschen oder am Samstagvormittag auf dem Markt einkaufen gehen, können diese kleinen Rituale dafür sorgen, dass wir gesund und glücklich bleiben, und dieses kollektive intentionale und bewusste Verhalten wird sich auf städtischer Ebene widerspiegeln – und umgekehrt. Wachsende Städte müssen definieren, was sie unter Wachstum verstehen und ob sie dabei auch ein Anwachsen des Glücks, des Wohlbefindens, berücksichtigen können, während sie die Ökologie rehabilitieren.

Das ist echt spannend, Abhinav! Lass uns ein bisschen konkreter werden. Persönlich wie professionell versuchen wir beide, (auf verschiedenen Ebenen) resiliente und gesunde Denkweisen und Umgebungen zu etablieren. Und ich weiß, dass wir beide auch eine Faszination dafür teilen, wie das Individuum den systemischen Ebenen begegnet. Machen der Begriff „resiliente“ Stadt, die Metapher des „guten Immunsystems“ und wie die Wissenschaft kürzlich über die Bedeutung einer gesunden Darmflora und positiver Helferbakterien gesprochen hat, die uns vor den bösen Bakterien schützen, irgendeinen Sinn? Was würde eine Stadt resilient machen, um wieder das Bild eines guten Immunsystems heranzuziehen, das Erschütterungen und Störungen abwehrt und vor ihnen schützt?

In der Tat lassen sich Parallelen zwischen dem intestinalen Mikrobiom und der Resilienz einer Stadt ziehen. Diversität ist der Schlüssel zu Resilienz.

Das intestinale Mikrobiom ist ein Ökosystem, das alle Bakterienarten, die den Magen-Darm-Trakt permanent kolonisieren, sowie eine große Anzahl anderer Mikroorganismen aus der Umgebung umfasst. Diese Millionen von Mikroorganismen können durch eine ganze Reihe externer und interner Faktoren aus dem Gleichgewicht geraten. Die Zusammensetzung des intestinalen Mikrobioms unterscheidet sich je nach Ernährungs- und Essgewohnheiten, die eng mit der geografischen Lage zusammenhängen. Wir sind, was wir essen.

Genau, Abhinav. So kann man dann auch die eine oder andere Gourmandise gut verkraften, wenn das gute Mikrobiom im Lot ist.

So ist es, Santa. Genauso hängt die Resilienz einer Stadt von ihrer soziokulturellen, wirtschaftlichen und ökologischen Vielfalt und ihrer Verbindung mit den umliegenden Nachbarstädten ab. Je mehr Vielfalt, desto resilienter ist die Stadt gegenüber wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Erschütterungen. Die Autonomie einer Stadt bestimmt auch ihre Resilienz. Autonomie definiert sich über das Gleichgewicht, mit dem die Stadt ihren Strom an Lebensmitteln, Gütern und Dienstleistungen, Energieverbrauch, wirtschaftlicher Aktivität und sozialem Zusammenhalt aufrechterhält und steuert. Die COVID-19-Pandemie hat unterstrichen, wo die Schwächen unseres Systems liegen und wo wir unsere Energie, unsere Bemühungen durch die Konzentration auf das Wesentliche hinlenken müssen. Wie können wir die lokale Wirtschaft stärken? Wie können wir lokal essen? Wie können wir in unserem Viertel zusammenarbeiten und sozialer werden?

Für Leute, die in dem Thema nicht so drin sind, mag sich das abgedreht anhören. Gleichzeitig trägt diese Parallele zwischen dem Immunsystem eines Individuums und dem der Umwelt/von Städten eine unglaubliche Wahrheit und Weisheit in sich. Wenn ein Immunsystem stark ist, kann es Erschütterungen leichter abwehren und sich schneller erholen, wie eine solide gebaute Festung oder in der Geschichte von den drei kleinen Schweinchen. Und als Experte für Wohlbefinden und Nachhaltigkeit weiß ich, wie gesunde Routinen und, ja, Rituale in Bezug auf Ernährung, aber auch im Hinblick auf Achtsamkeitsrituale und Freundlichkeit unsere Systeme auf verschiedene Weisen kräftigen. Und wenn sie in die DNA von Schulen, Unternehmen und natürlich der Gesellschaft als Ganzes integriert werden, könnte dies auf einer ganz anderen Ebene für Resilienz und Wohlbefinden sorgen, denn momentan liegt der Großteil der Verantwortung in den Händen des Individuums, das auch die Last einer Gesellschaft trägt, die immer noch sehr stark von extrinsischen Belohnungssystemen (die nachweislich kontraproduktiv sind und die Kreativität verringern) und Leistungsgrundpfeilern beherrscht wird, die Wohlbefinden und die Qualität unseres Handelns als entscheidende Messgrößen vermissen lassen. Wir verfügen über die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die untermauern, dass intrinsische Motivation und Wohlbefinden uns langfristig effizienter und resilienter machen, aber Veränderung und Vertrauen kommen nur langsam und gegen Widerstand.

Zurück zu den Fragen an Dich: Was macht eine nicht-resiliente Stadt aus? In Indien beispielsweise benutzten die Leute früher Teller aus Blättern oder Lehm, die man einfach auf den Boden fallen lassen konnte, wo sie verrotteten. Heute werfen die Leute ihren Müll immer noch auf den Boden, aber jetzt besteht er aus Plastik und Aluminium (das von großen internationalen Konzernen wie Nestle und Co. eingeführt wird), was auf sehr vielen Ebenen Schaden anrichtet. Aber Mentalität, kollektive Gewohnheiten und das „Immunsystem“ konnten die Erschütterung nicht abfedern und so wurde das System geschwächt. Hier bei uns habe ich das Gefühl, dass wir mit der „Uberisierung“ und „Amazonifizierung“, die einem Großangriff auf lokale Geschäfte gleichkommt, einen Preis zahlen, und wenn wir davon sprechen, wie einfach UberEats etc. Essenslieferungen gemacht haben, die Unmengen an Müll produzieren, dann ist das für mich obsolet und kapert zudem unser systemisches Ökosystem, das nicht stark genug war, damit umzugehen. Und klar, als Einzelne können wir davon absehen, Essen zu bestellen, aber in meinen langen Jahren als Aktivistin habe ich gelernt, dass es extrem hilfreich ist, wenn es auch irgendeinen systemischen Puffer gibt.

Genau, in den letzten 10 bis 15 Jahren sind wir im Alltagsleben, wo sich die Technologie nahtlos in unser Leben integriert hat und uns auf Arten auffrisst, die wir ignorieren, wesentlich bequemer geworden. Ich nenne das die Lazy Economy, wo mit nur einem Klick Essen verfügbar ist, Transportmittel verfügbar sind, und für Leute, die viel zu tun haben, sogar Bio-Fastfood. Wir haben aufgehört, zu hinterfragen und bewusste Entscheidungen dazu treffen, wie wir unser Leben leben wollen. Eine kollektive Bequemlichkeitswirtschaft führt zu einer bequemen, nicht-resilienten Stadt, und ein bewusster Lebensstil führt zu einer bewussten Stadt. Kritisches Denken, Neugier und Kreativität helfen uns dabei, uns des Schadens bewusst zu werden, den wir anrichten, wenn wir unsere Städte verschmutzen oder Lebensmittel oder Verpackungsmaterial verschwenden. Indem wir uns unserer Handlungen bewusst sind, können wir unsere Städte durch Crowdsourcing zu einem schöneren Ort machen, an dem man mit netten Menschen leben kann und sich nicht schuldig zu fühlen braucht, weil man die Umwelt verschmutzt und natürliche Ressourcen verschwendet. Eine nicht-resiliente Stadt wäre in dem Fall eine Stadt, die über keinen sozialen Zusammenhalt verfügt, die in jeder Hinsicht fragmentiert ist, mehr konsumiert, als sie produziert, ein Defizit verzeichnet, Verschmutzung verursacht, ihre lokalen Ressourcen nicht geschickt einsetzt und keine symbiotischen Beziehungen mit ihren Nachbarn hat.

#Storytelling: Wie Ihr (damit meine ich Dich, Abhi, und auch Euch, meine lieben Leser*innen) wisst: Ich male mir gerne „ideale“ Szenarien aus und glaube, dass wir dadurch UND natürlich durch den Aufbau von Wissen mithilfe verschiedener Expert*innen wie Dir und wie Christian BergMichael AdlerLaura FogliaKelly Saunders in früheren Interviews diesen Schwung finden, wo Wissen auf Aktion trifft und zum „Sein“ wird. Würdest Du Dir daher bitte zusammen mit mir diesen wunderbaren städtischen Mikro- und Makrokosmos vorstellen, in dem sich Werte, Kollaboration und Teilen in der Arbeit und der Schule ebenso wiederfinden wie in grünen Umgebungen? Wo sie in die Lehrpläne ebenso eingebettet werden wie in die Gestaltung von Gebäuden und Parks sowie in unsere Herangehensweise an Lebensmittel und Abfall?

Und siehst du Wege, von denen Du das Gefühl hast, dass sie uns dort hinführen könnten?


Absolut, Santa, in der Tat gibt es eine riesige Kluft zwischen Wissen und Aktion, wir wissen von vielem, dass es nicht gut für uns oder den Planeten ist, aber nicht viele sind mutig und kühn genug, konkrete Maßnahmen zu ergreifen.

Die Natur hat alle Antworten und wenn wir einfach die Natur beobachten und mit ihr in Verbindung treten, dann können wir mit unserer eigenen Natur in Berührung kommen. Wenn wir uns der Natur erst einmal bewusst werden, ihrer Anfälligkeit und ihrer Resilienz, dann können wir resiliente Gebäude errichten, die die Nutzung von Ressourcen optimieren, lokale, ökologische Materialien einsetzen, über die Gestaltung des Gebäudes natürliche Beheizung und Beleuchtung optimieren und den menschlichen Austausch fördern. Nichts ist nutzlos, jeder Bestandteil hat eine ins Design integrierte Funktion.
Genauso müssen die Werte, die wir in den Schulen vermitteln möchten, explizit in die Lehrumgebung eingebettet sein, von den Klassenräumen bis zum Schulessen, der Lehrplan muss umgestaltet werden, um bei den Kindern den Keim der Neugier anzulegen. Das sind alles kleine Schritte, die wir als Individuen, Familien, Baufirmen, Schulen tun und die sich auf der Makroebene auf die Stadt auswirken können.

Das ist fantastisch, Abhinav, und ich bin sicher, unsere Leser*innen sehen das auch so. Was sind Eure Gedanken dazu, wie Städte, Länder und die Welt resilienter werden können? Was sind Ihre Hacks, um selbst resilienter zu werden? Ich bin super gespannt, von Ihnen zu hören und mehr über Ihre Ideen zu erfahren.

Und jetzt verbleibe ich, mit ganz viel Liebe, Mut und Resilienz für uns alle,
Eure Santa

 

Abhinavs Smaragdgarten

Vielleicht interessiert euch in diesem Zusammenhang, dass Abhinav derzeit eine Stunde außerhalb von Paris an einer Mikro-Biosphäre mit dem Namen Smaragdgarten arbeitet, einem Projekt auf 16 Hektar Land, das auch über einen zauberhaften kleinen See verfügt. Die Idee dahinter ist, alles, was wir diskutiert haben, in die Praxis umzusetzen, von Ritualen über Permakultur bis zu ökologischem Bauen und Energieerzeugung. Es wird Workshops zu Ökoverpackungen, Wohlbefinden, Pflanzenmedizin, einfühlsamer Innovation und vielem mehr geben. Dieser Ort heißt Kinder jeden Alters, Vereine, Individuen und Firmen willkommen. Zudem wird dort versucht, eine Dynamik mit dem lokalen Ökosystem der Normandie herzustellen, um regenerative Praktiken einzuführen.

Abhinavs frugale Firma

Mach mit!

Was sind deine Tipps für eine humanere und nachhaltigere Stadt? Poste deine Fotos mit dem Hashtag #GoetheFSEcoChallenge auf Instagram oder Facebook und nimm an dieser Challenge teil. Ich freue mich auf Eure Ideen! Auf www.findingsustainia.org findet Ihr auch weitere Tipps rund um ein Leben, das sich nachhaltig reich anfühlt.

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