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Traces of Resistance
Notizen zu einer Geometrie des Widerstands in Lyon

Straße mit bemalter Hauswand
Straße bei Bar de la Taverne | © Fabian Saul

Seit fünf Jahren ist Fabian Saul in Europa unterwegs. Für seine Recherchen begibt sich Saul auf die Straße. Sie wird Ausgangs- und Bezugspunkt seiner Erzählungen. Zu ihr kehrt er immer wieder zurück. Saul verwendet die Methode des Flanierens und trifft dabei auf die unterschiedlichsten Akteure, um gemeinsam die Erzählungen des Widerstands, die oft eine unsichtbare Geometrie der Stadt offenbaren, ausfindig zu machen. Sein Roman, der 2021 erscheinen soll, widmet sich den verschiedenen Geschichten des Widerstands anhand der besuchten Straßen. Der folgende Text versteht sich als Recherche-Notiz nach seinen Besuchen in Lyon.

SO LONG, MARIANNE

 
01
Lyon. Perrache. Du steigst aus dem Zug, nimmst die Rolltreppen auf den Place Carnot – an der Mariannen-Statue steht: À La Gloire de la République. Gegenüber ziehen sie zur Demonstration, Samstagnachmittag, ein Banner wird entrollt: Lasst unsere Gefangenen frei.
 
02
Lazare Carnot ist ein Politiker der Revolutionsjahre und Mathematiker. Seine Schriften legen die Grundlage zur Geometrie der Lage. Bis ins 20. Jahrhundert ist es üblich, den Kosinussatz der Trigonometrie als Kosinussatz von Carnot zu bezeichnen. 1889 wird der Place Carnot nach ihm benannt und im selben Jahr die Statue der Allegorie der Republik vom seinem Enkel, dem französischen Präsidenten Sadi Carnot, eingeweiht.
 
03
Fünf Jahre später, es ist seine zweite Reise nach Lyon, wird Sadi Carnot vom italienischen Anarchisten Sante Geronimo Caserio auf offener Straße ermordet.
 
04
Caserio lehnt das Angebot, auf Geisteskrankheit zu plädieren ab und akzeptiert sein Todesurteil mit den Worten: Sie, die sie die Vertreter der bürgerlichen Gesellschaft sind – wenn Sie meinen Kopf wollen, nehmen Sie ihn. Und auf dem Weg zur Guillotine: Mut, meine Vettern, lang lebe die Anarchie! Die Gesetze gegen die Anarchisten, auf die das Attentat eine Reaktion war, werden danach noch verschärft.
 
05
Die Demonstranten ziehen weiter. Ein neues Banner: ACAB? So long, Marianne.
 
06
Du zeichnest eine Linie zur Bar de la Taverne im Stadtteil Guillotière; du wirst erwartet. Geometrie der Lage. Und dann noch eine zweite Linie: Von der Taverne zur Bar Le Court Circuit, Kurzschluss – der Weg führt von der Rue Gutenberg zur Rue Sébastien Gryphe, vom König des Buchdrucks zum Prince des libraires lyonnais.
 
07
Sebastian Gryphius, französisch Sébastien Gryphe, ist nicht nur Buchdrucker sondern auch überzeugter Humanist, als er im 15. Jahrhundert von Reutlingen über Venedig nach Lyon kommt. Sein Haus und seine Werkstatt werden zum Zufluchtsort für viele verfolgte Schriftsteller.
 

PLACE DU PONT

 
08
In der Bar de la Taverne an der Rue Gutenberg: Die Künstler*innen sind weitergezogen, die Bar ist leer. Jemand sagt: Wo es Reiche gibt, muss es auch die Armen geben, die die Reichen reich gemacht haben. Happy Hour. In den oberen Stockwerken Bilder, wartend, in leeren Zimmern. Draußen ein Mural, an den Zinnen steht: Wake up.
 
09
Du folgst der Straße der Freiheit, dem Cours de la Liberté, zum Place Gabriel Péri, den alle nur Place du Pont, den Brückenplatz, nennen. Place du Pont ist der Ort, an dem Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit verhandelt werden: Wartend, die Dealer, die Verkäufer; Gelegenheiten, die kommen; Absolutionen, die nie erteilt werden. Doch der Brückenplatz ist schon lange nicht mehr am Wasser, einige Hundert Meter Land sind gewonnen wurden zwischen ihm und der Pont de la Guillotière, die lange die einzige Brücke über die Rhône gewesen ist. Der Anachronismus hat sich in der Sprache gehalten, Ort und Zeit verweigern ihre Synchronisation. Gabriel Péri war Widerstandskämpfer, verraten und von den Nazis ermordet. Du gehst ein paar Meter Richtung Fluss - an der Place Raspail, in der Nummer 2, hat Jean Moulin, der die Résistance zusammengeführt hat, gewohnt. Es war seine letzte Adresse in Lyon. Lyon stand irgendwo zwischen dem Frankreich des Widerstands und dem der Vichy-Kollaborateure. Was sind 40 Millionen Vichy-Anhänger gegenüber 7000 Widerstandskämpfern?, hörst du jemanden in der Taverne sagen. Am Ende haben sie auch Moulin getötet. An den Verletzungen der Folter in den Gefängnissen der Nazis stirbt er auf dem Weg nach Deutschland, wo ihn das Konzentrationslager erwartet hätte.
 
10
Du verfolgst die Linie zurück zum Bahnhof Perrache. Südlich der Gleise, die die Halbinsel teilen, da wo die Wasser der Rhône und der Sâone zusammenfließen – an der Confluence – bauen sie die neue Stadt auf dem künstlichen Land, das hier einst für die Industrie gewonnen wurde. Hier, hinter den Bögen, am Bahnhof standen die verdrängten Orte der modernen Stadt, ausgelagerte Erzählungen: Das Gefängnis, das Schlachthaus, die Fabriken, die Polizei, später die Prostituierten, Van an Van, Kerzen im Fenster, und manchmal heute noch. Die Böden sind vergiftet, daher baut man heute nicht mehr sehr tief, nur noch hoch. Am Ende der Halbinsel, genau da, wo die Flüsse zusammenfließen, an der Confluence, verliert sich eine letzte unbrauchbare Schiene im Wasser.
 
  • Lyon. Perrache. Mariannen-Statue © Fabian Saul
    Lyon. Perrache. Mariannen-Statue
  • Dachgeschoss mit an Schnüren aufgehängten Fotos © Fabian Saul
    Bar de la Taverne
  • Großflächiges Foto von Fußballfans und Deckenbeleuchtung © Fabian Saul
    Bar de la Taverne
  • Straße mit bemalter Hauswand © Fabian Saul
    Straße bei Bar de la Taverne
  • 21.06.43 - auf die Wand in einem Treppenhaus geschrieben © Fabian Saul
    21.06.43 - das Datum, an dem Jean Moulin verhaftet wurde
  • Straßenkreuz beim Bahnhof Perrache © Fabian Saul
    Straßenkreuz beim Bahnhof Perrache
  • Schienen laufen ins Wasser an Landspitze zwischen Rhône und Saône © Fabian Saul
    Confluence
  • Musée des Confluences © Fabian Saul
    Musée des Confluences
  • Drei Schilder an Wand über Mülltonne, Roller und Abfall © Fabian Saul
    Hôtel Noailles
  • Blick von Croix-Rousse Richtung Innenstadt © Fabian Saul
    Blick von Croix-Rousse Richtung Innenstadt
  • Historischer Webstuhl der Seidenweber © Fabian Saul
    Historischer Webstuhl der Seidenweber
  • Unterführung © Fabian Saul
    Unterführung
  • Plakate an Mauer © Fabian Saul
    Plakate an Mauer

A LA GARDE DE DIEU

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Auf dem Weg vom Place du Pont zum Court Circuit den falschen Weg genommen; plötzlich in einer Passage: der Hintereingang des Hôtel de Noailles. Ein E-Roller liegt auf einem Stein, der die Autos fern halten soll, leere Mülltonnen, Europaletten, Orangensaft, der langsam auf den Boden fließt, eine Kugellampe erinnert an eine Strandpromenade. A la Garde de Dieu steht an der Wand und: Ehemals Rue des Passants, nach dem Namen eines Krankenhauses, in dem von 1562 bis 1792 Pilger und arme Passanten aufgenommen wurden. Schließlich ein drittes Schild: Hôtel Noailles Parking.
 
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Im Stadtviertel Noailles in Marseille stürzen am Morgen des 5. November 2018 zwei Gebäude in der Rue d’Aubagne ein, acht Menschen kommen dabei ums Leben. Das Ereignis löst eine Diskussion um Verfall, Missmanagement und Korruption aus, viele Menschen müssen ihre Häuser verlassen. Auch ein Jahr nach dem Unfall sind noch Hunderte von evakuierten Haushalten in Hotels untergebracht.
 
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Du gehst weiter. Auf der Suche nach dem richtigen Weg gehst du bis zum Place Emir Abd El-Kader. Als die französische Armee im Januar 1831 die algerische Küstenstadt Oran erreicht, beginnen Abdelkader El Djezari und sein Vater einen bewaffneten Widerstand. Später wird er zum Emir gewählt.
 
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1831, im selben Jahr da Abdelkader seinen Freiheitskampf gegen die Franzosen beginnt, wird Lyon zum Schauplatz des ersten großen Arbeiteraufstands des Industriezeitalters in Frankreich. Die Seidenweber, die sogenannten Canuts, sind seit Beginn des 19. Jahrhunderts an den Hängen von Croix-Rousse im Norden Lyons in schmalen Häusern mit sehr hohen Decken, die extra für die modernen mechanischen Webstühle gebaut wurden, untergebracht. Die Arbeitsbedingungen sind hart, die Abhängigkeit von den reichen Besitzern groß. Schließlich ziehen sie mit dem Satz Vivre en travaillant, ou mourir en combattant (Arbeitend leben oder kämpfend sterben) nach Lyon. Der Aufstand wird blutig niedergeschlagen. Walter Benjamin schreibt in seinem Passagenwerk, erst die Pariser Kommune habe die Illusion beendet »daß es Aufgabe der proletarischen Revolution sei, Hand in Hand mit der Bourgeoisie das Werk von 1789 zu vollenden. Diese Illusion beherrscht die Zeit von 1831 bis 1871, vom Lyoner Aufstand bis zur Kommune.«
 
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Zur Zeit des Arbeiteraufstands macht Seide aus Lyon etwa ein Drittel der Exporte Frankreichs aus. Im Winter 1709 erfriert ein Großteil der Kastanienbäume in den Cevennen südlich von Lyon. Danach werden statt Kastanien Hunderttausende Maulbeerbäume gepflanzt, die das Futter für die Aufzucht von Seidenraupen liefern. Das Geschäft mit der Seide macht Lyon zu einer industrialisierten Stadt noch vor der Industrialisierung Frankreichs.
 

COURT CIRCUIT

 
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Am Place Emir Abd El-Kader endet die Avenue Félix Faure unvermittelt. Die Stadt Lyon hat über Jahrzehnte versucht, die Straße bis zum Fluss fortzuführen; die Häuser, die dem im Weg standen, wurden strategisch verwahrlost, abgerissen, gekauft, aber die Straße wurde schließlich nie gebaut. Auf dem Satellitenbild erkennt man heute eine Schneise von Grünflächen, kleinen Fußwegen und Flachbauten, die diese Straße, die es nie gab, in die Stadtlandschaft eingravieren. Du zeichnest also eine letzte Linie vom Place Emir Abd El-Kader durch diese Schneise zurück zum Bahnhof. Geometrie der Lage.
 
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Durch die Schneise zurück, vorbei an kollektiven Gärten und Garagen. Verfolgt man die Linie weiter, kommt man an der 72 Rue de la Charité vorbei, eine andere Wohnung Moulins, der mit Decknamen und wechselnden Wohnungen, und in den versteckten Wegen der Traboules eine eigene, verborgene Karte der Stadt zeichnete.
 
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Im Court Circuit kommt ein Mann auf dich zu und spricht, doch du verstehst nur Wortfetzen. Er versucht es am benachbarten Tisch, aber seine Worte sind allen ein Rätsel. Von Tisch zu Tisch geht er, gestikuliert und scheint es eilig zu haben. Als er gerade aufgeben will, kommt einer der Kellner zu ihm, leise tauschen sie unverständliche Worte aus, dann lachen sie. Vor der Bar lässt der Mann sich vom Kellner fotografieren, durch die Scheiben sehen wir ihm zu. Dann geht er.
 
19
Zurück zum Place du Pont. Bevor du in die Metro hinab steigst, bleibst du noch einmal stehen. Du denkst an Jean Moulin, wie er wartet, den Schal im Gesicht. Wie er durch seine Scheiben, an der alten Brücke über die Rhône, die Scheiben, die man mit blauer Farbe bedeckt hat, so dass sie nicht von der Luft aus gesehen werden können, immer den blauen Himmel sieht. Eine Tram mit der Schnauze eines Beluga-Wals schiebt sich fast geräuschlos über den Platz. Auf einem Kebap-Shop steht: L’arc en Ciel. Regenbogen.
 
20
Als Jean Moulin zum ersten Mal von den Nationalsozialisten im Sommer 1940 festgenommen wird, versucht er sich die Kehle mit einer Glasscherbe aufzuschneiden. Der Selbstmordversuch hinterlässt später eine Narbe, die er zeitlebens mit einem Schal verdeckt.
 

CAFÉ SUSPENDU

 
21
Du gehst in das kleine Café in der Nebenstraße. Der Kellner schaut genervt zu dir herüber, das Café ist leer. Lange  Zeit sitzt ihr euch gegenüber ohne etwas zu sagen. Als du gehst, es ist spät geworden, bezahlst du noch einen zweiten Café, Café Suspendu; für jemanden, der noch kommen wird und sich keinen Café leisten kann. Du nickst und er nickt jetzt zurück, als wüsstet ihr, und du betrittst die Stadt in der Dunkelheit.


 

Zum Autor

Fabian Saul © Alle Rechte vorbehalten Fabian Saul, geboren 1986, ist Autor, Komponist und seit 2013 Chefredakteur des Magazins Flaneur. Das Heft, das sich in jeder Ausgabe einer anderen Straße in der Welt widmet, verfolgt einen nomadischen und interdisziplinären Ansatz, der sich auch in Sauls Arbeit wiederfindet. Er studierte Kulturwissenschaft und Philosophie. Er lebt in Berlin, seine Arbeit führt ihn jedoch regelmäßig an andere Orte.

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