Kritik 2.0 Wie Booktuber in Frankreich Jugendlichen Lust aufs Lesen machen

Viele alte Bücher in einem französischen Antiquariat

„Salut, wenn man an klassische Literatur denkt, fällt einem sofort das ein“, lanciert Bulledop ihr neustes Video. Die etwa 20-jährige Booktuberin hat ihre wilden schwarzen Locken streng nach hinten gebunden, trägt eine hochgeschlossene Streifenbluse und fuchtelt mit einem Lineal herum.
 

„Öffnen Sie ihre Bücher, Seite 35, liebe Emily, Sie werden uns das jetzt einmal vorlesen …“, mimt sie eine Lehrerin aus dem vorigen Jahrhundert, um in der nächsten Einstellung, wieder ganz sie selbst, die Top 5 ihrer Lieblingsklassiker vorzustellen – auf ihre Weise, versteht sich. Homers Odyssee zum Beispiel. Cover und Klappentext werden eingeblendet, und Bulledop schießt los. „Also, das erinnert eher an ein Gedicht (…) Ich hatte das Gefühl, einen Song zu hören, echt super, und dazu kommt dann diese Stimme wie aus einer anderen Zeit, die dir die Geschichte von Odysseus und seinen Freunden aus dem Off erzählt …“

„Kauft es, ihr werdet mir dankbar sein!“

So sieht es aus, wenn Jugendliche ihren Altersgenossen ihre Lieblingsbücher vorstellen. Lange hatte die Buchbranche überlegt, wie sie diese Computerspiel-süchtige Altersgruppe wieder mehr fürs Lesen begeistern kann, und das also scheint die Antwort zu sein. Über 27 300 Follower hat Bulledop. Angefangen haben die Booktuber in den USA, große Communities gibt es mittlerweile auch in Lateinamerika und Spanien. In Frankreich sind sie rund 30 und ein Dutzend von ihnen hat mehr als 10 000 Fans. „Ich spreche mit den Leuten wie mit einer guten Freundin, und das Video-Format verstärkt das noch. Ich muss den Eindruck vermitteln, das Buch quasi in die Kamera zu werfen, um den Leuten zu sagen, kauft es, kauft es, kauft es, vertraut mir, ihr werdet mir dafür dankbar sein! Ich glaube, darum geht es in diesem Medium“, erklärt Myriam, 30, aus Paris, die, wie fast alle Booktuber zunächst mit einem Blog im Internet begann und nun versucht, mit ihrem YouTube-Channel den Wünschen ihrer Community noch besser gerecht zu werden.

„Das ist wie Weihnachten“

Neben klassischen Buchrezensionen gibt es dort zum Beispiel die „Book Hall“, in der sie alle Bücher vorstellt, die sie innerhalb eines Monats bekommen oder gekauft hat, , auch wenn sie sie noch nicht gelesen hat. In der Rubrik „Unboxing“ packt sie Buchpakete vor der Kamera aus, um den Überraschungseffekt mit „anderen Book-addicts“ zu teilen. „Das ist wie Weihnachten“, schwärmt sie, die bei ihrer Auswahl darauf achtet, Bücher vorzustellen, die nicht von herkömmlichen Medien besprochen werden. Kinder- und Young Adult-Literatur vor allem, aber auch Krimis und Bücher für ein breites Publikum. Ein Thema liegt der ehemaligen Kunst- und Architekturstudentin dabei besonders am Herzen: Geschichte. „Ich liebe es, in fremde Länder und Zeiten abzutauchen. Meine Spezialität ist es geworden, mit dem Mythos des verstaubten Historienromans aufzuräumen. Das ist Quatsch; es gibt wirklich tolle Historienromane, egal, ob Sie sich für Jugendbücher, Science Fiction, Liebes- oder Actionromane interessieren.“
 

YouTube is coaching you

Auffällig ist, wie gut gemacht die Videos auf BookTube sind. Trotz Selbstironie und Lässigkeit steckt viel Ambition und durchaus auch Kritiker-Tradition dahinter! Bezeichnenderweise stehen die Booktuber fast alle vor prallgefüllten Bücherregalen. „Und wir reden seit zehn Jahren davon, dass das Buch als Objekt aussterben wird, lacht Solène Perrono, Marketing-Beauftragte im Pariser Verlag Cherche Midi, die ganz begeistert ist von der Professionalität dieser neuen Kritiker-Generation.

Und tatsächlich lesen die Booktuber viel und haben auch viel zu sagen. Ihre Videos sind montage-technisch einwandfrei und es wird großen Wert auf Selbstinszenierung gelegt, wobei jeder seinen eigenen Stil hat. Autodidakten sind sie allerdings nur am Anfang. Denn das US-Videoportal YouTube wacht über die Qualität seiner Performer. Weltweit hat das Unternehmen sogenannte „Spaces“ eröffnet, Studios, in denen Youtuber umsonst geschult werden. Je mehr Follower, desto umfangreicher ist das Coaching.

Mitten ins Herz der Zielgruppe

Das Resultat ist oft so gut, dass sich in Frankreich seit etwa einem Jahr immer mehr Verleger für die Booktuber interessieren. Sie schicken ihnen Kataloge und Neuerscheinungen. Vor allem Young Adult-Verlage haben das Potential dieser Sprachrohre begriffen. „Wenn ein Journalist in Télérama eine Kritik über ein Jugendbuch schreibt, richtet er sich an die Eltern. Die Booktuber wenden sich direkt an die Zielgruppe; das ist eine gute Vitrine für ein Buch“, weiß Solène Deltelle aus der Presseabteilung von Albin Michel Jeunesse.

Myriam hat es durch ihr passioniertes Auftreten sogar geschafft, aus ihrem Hobby einen Beruf zu machen. „Manche Verleger fanden meine Art, Bücher vorzustellen, so überzeugend, dass ich jetzt englischsprachige Manuskripte für sie prüfe, also Lesegutachten erstelle und auf diese Weise ein Wörtchen mitsprechen kann bei der Auswahl dieser Titel.“ Leben kann Myriam von dieser Arbeit noch nicht, aber die Verlag täten gut daran, wenn er den heißbegehrten und durch die BookTuber garantierten Kontakt zu jungen Lesern bald auch ausreichend honorieren würde.