Deutschquote im Radio Die endlose Debatte

Der Appell zur Deutschquote stößt meist auf taube Ohren.
Der Appell zur Deutschquote stößt meist auf taube Ohren. | Foto (Ausschnitt): © FreedomMan - Fotolia.com

Sollte man Radiosender dazu verpflichten, deutschsprachige Musik zu spielen? Seit 20 Jahren streiten Künstler, Politiker und Redakteure über eine gesetzliche Deutschquote – dabei ist diese heute möglicherweise längst überflüssig.

Seit Mitte der Neunzigerjahre wird in Deutschland immer wieder über eine gesetzliche Quote für deutschsprachige Musik im Radio diskutiert. Die Befürworter der Quote kritisieren, dass Radiosender überwiegend englischsprachige Musik spielten. Deutsche Musikerinnen und Musiker, vor allem Nachwuchskünstler, würden dadurch benachteiligt. Die Gegner sehen in der Quote wiederum eine Form staatlicher Bevormundung und einen Eingriff in die Freiheit des Rundfunks.

„Deutschtümelei und Heimatduseligkeit“

In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel stößt der deutsche Liedermacher Heinz Rudolf Kunze 1996 die öffentliche Diskussion an. Zwar sei er ein Freund angloamerikanischer Musik und „ekle“ sich sogar vor der Quote, doch „die Flut von ausländischer Musik und eben auch ausländischem Schund“ sorge dafür, dass der deutsche Nachwuchs nicht mehr gehört werde. Etablierte Musiker wie Herbert Grönemeyer schließen sich seiner Forderung nach einer Quote an, doch gerade die weniger bekannten Bands, denen Kunze zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen will, wenden sich gegen ihn. Sven Regener von der Berliner Band Element Of Crime erinnert an die diktatorisch regierte DDR, in der eine Quote von 60 Prozent für einheimische Musik galt. Die Hamburger Popband Blumfeld erklärt in einer Stellungnahme, „dass wir für derartigen Populismus und Vaterlandsliebe jedweder Art nach wie vor nicht zur Verfügung stehen“. Ähnlich äußert sich später die Rockgruppe Tocotronic, die die Deutschquote als eine Form von „Deutschtümelei und Heimatduseligkeit“ bezeichnet.

Geschmacksurteile mischen sich in die Diskussion

Wirtschaftliche Argumente verschärfen die Debatte, als die Musikindustrie nach der Jahrtausendwende in eine Krise gerät. Mehr Chancen für deutsche Musikproduzenten fordert 2002 zum Beispiel die konservative bayerische Regierungspartei CSU. Auch private Initiativen wie der Verein Deutsche Sprache (VDS) kritisieren einen zu geringen Anteil deutschsprachiger Musik im Radio und machen sich für die Quote stark.

Im Jahr 2004 stellen sich die Bundestagsfraktionen der Sozialdemokratischen Partei (SPD) und der linksliberalen Partei Bündnis 90/Die Grünen mehrheitlich hinter die Quote. Geschmacksurteile mischen sich in die Diskussion. So beklagt die Grünenpolitikerin Antje Vollmer die Eintönigkeit des Radioprogramms, „das Gedudel“ und „das unsägliche Formatradio“. Der Deutsche Bundestag erlegt den Radiosendern eine Selbstverpflichtung auf, möglichst 35 Prozent deutschsprachige Musik zu spielen. Doch der Appell trifft bei den Sendern meist auf taube Ohren.

Die Quote französischer Art – ein Vorbild?

Die Befürworter der Quote verweisen oft auf Frankreich: Dort müssen Radiosender seit 1994 rund 60 Prozent der Spielzeit europäischen Produktionen, und insgesamt 40 Prozent französischen Produktionen einräumen – wobei es sich bei der Hälfte davon um Neuerscheinungen handeln muss. Das Gesetz geht auf den damaligen Kulturminister Jacques Toubon zurück, der die französische Sprache vor Anglizismen schützen will und die Einführung der Quote auch damit begründet, dass die Produktion französischer Musik in den Vorjahren gesunken sei. Bis heute ist die Quote in Frankreich umstritten: Vor allem private Radiosender wehren sich gegen die gesetzliche Regelung, andere meinen, man verdanke dem Gesetz den Erfolg einheimischer Künstler. „Ohne die Quote hätten wir nicht seit mehr als 20 Jahren eine solche Vielfalt“, teilt die französische Gesellschaft Sacem mit, die die Rechte von mehr als 100.000 Musikern vertritt.

Streit um die „Helene-Quote“

In Deutschland setzt sich die Debatte im Februar 2015 fort: Franz-Robert Liskow, ein Politiker der konservativen Jungen Union im Nordosten des Landes, fordert „mehr deutsche Musik und besonders Schlager“ im Radio, da die deutsche Musikindustrie in den vergangenen Jahren immer mehr deutsche Lieder produziert habe. Liskow schlägt deshalb eine Quote von 30 bis 35 Prozent deutscher Musik vor, zu der sich die Rundfunkanstalten wiederum selbst verpflichten sollten. Da er sich dazu bekennt, Fan der erfolgreichsten deutschen Schlagersängerin Helene Fischer zu sein, macht sein Vorschlag unter dem Begriff „Helene-Quote“ die Runde.

Die Kritik lässt nicht lange auf sich warten: Der Leiter einer Musikredaktion aus Nordrhein-Westfalen (NRW) etwa hält dagegen, deutsche Schlager stießen bei den Hörern auf wenig Zustimmung. Der Anteil deutschsprachiger Popmusik sei aber auch ohne eine gesetzliche Quote gewachsen, Künstler wie Mark Forster oder Andreas Bourani würden immer beliebter.

Brauchen wir die Quote heute überhaupt noch?

Tatsächlich mehren sich die Stimmen, die die Quote ablehnen, da deutsche Popmusik heute ohnehin populär sei. „Niemanden würde es mehr verwundern, wenn ihm beim Einschalten des Radios deutsche Popmusik entgegenschallt“, schreibt die Süddeutsche Zeitung 2012. Die Globalisierung des Musikmarkts habe zwar zu einer Monokultur des Mainstream-Pops geführt, die deutschen Künstler setzten dem aber nationale Vielfalt entgegen. Die deutsche Sprache sei zudem in allen Genres vertreten – ob Hip-Hop, Punk, Rock oder Pop.

Die Statistiken bestätigen diese Popularität: Nach einem Bericht des Bundesverbands Musikindustrie waren im Jahr 2015 acht der Top-10-Alben in den offiziellen deutschen Jahrescharts deutschsprachig, in den Top 100 immerhin 60 Prozent. Zu den erfolgreichsten Künstlern zählen neben Helene Fischer auch Pop-Sängerin Sarah Connor, DJ Felix Jaehn oder Rapper Cro. Radiosender, so heißt es weiter, spiegelten das allerdings mehrheitlich kaum wider. Zumindest aus wirtschaftlicher Perspektive müssen sie das auch nicht mehr, denn deutschsprachige Musik hat es längst aus eigener Kraft – ohne die Quote – zurück in die Mitte der Gesellschaft geschafft.