Wolf Erlbruch Die Welt aus Wuppertaler Perspektive

„Das Bärenwunder“
„Das Bärenwunder“ | Foto (Ausschnitt): © Peter Hammer Verlag GmbH

Wolf Erlbruchs Bilderbücher machen Kindern und Erwachsenen in der ganzen Welt Spaß. Das liegt auch daran, dass der Illustrator seine Kunst ernst nimmt. Nun wurde er mit dem Astrid Lindgren Memorial Award ausgezeichnet.

Wolf Erlbruch Wolf Erlbruch | Foto (Ausschnitt): © Françoise Saur Wolf Erlbruch kommt von der Werbung her, aber auch von der Kunst. Dass er vor allem als Bilderbuchillustrator bekannt geworden ist, darf man nur konsequent nennen: In dieser Profession verbindet sich das kundenorientierte Arbeiten eines Werbers mit dem ästhetischen Anspruch eines Künstlers – wenn der Illustrator sein Metier ernst nimmt. Und Erlbruch nimmt es sehr ernst. Dafür sind ihm die höchsten Auszeichnungen seines Fachs verliehen worden: vom Deutschen Jugendbuchpreis über den Gutenberg- und e.o.plauen-Preis sowie gleich dreimal den Silbernen Griffel bis hin zum Astrid Lindgren Memorial Award, der höchstdotierten Kinderbuchauszeichnung der Welt, die Erlbruch als erster Deutscher überhaupt 2017 zugesprochen bekam.

Übersetzungen in mehr als 30 Sprachen

Erlbruch, geboren 1948, nimmt sein Metier so ernst, dass er seine erste Professur für Illustration an der Fachhochschule Düsseldorf 1997 aufgab, als er einen Ruf an die Universität Wuppertal bekam. Nicht die größere Reputation oder die Tatsache, dass Wuppertal seine Heimatstadt ist, waren für den Wechsel entscheidend. Ihn reizte die Möglichkeit, fortan Kunst zu lehren statt Illustration, denn Erlbruch wollte nicht auch noch in der Lehre ständig wiederholen, was er doch seit mehr als 20 Jahren schon beruflich machte. Er war ja nicht nur einer der erfolgreichsten deutschen Werbegrafiker, dessen gezeichneter Maulwurf mit Nickelbrille für die Deutsche Bahn AG Furore auf Plakaten und in Anzeigen des Unternehmens gemacht hatte, weil diese Figur mit Witz über die dauernden Bauarbeiten an den Strecken hinwegtröstete. Nein, er hatte auch 1989 eines der weltweit erfolgreichsten Bilderbücher gezeichnet, und wieder war darin ein bebrillter Maulwurf Protagonist gewesen. Die von Werner Holzwarth geschriebene Geschichte Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemachte hatte wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt und machte Erlbruch und dessen grafischen Stil berühmt. Dabei war es erst sein zweites Bilderbuch.
 
Erlbruchs erstes Bilderbuch war 1985 erschienen und beruhte auf einem in Deutschland zuvor unveröffentlichten Text des aus Ghana stammenden, dann aber in Amerika lebenden James Aggrey (1875–1927). Er hatte in Der Adler, der nicht fliegen wollte eine moralische afrikanische Legende erzählt, die nun übersetzt und illustriert im Programm des auf exotische Literatur spezialisierten Peter Hammer Verlags erscheinen sollte. Da das Unternehmen seinen Sitz in Wuppertal hat, lag die Wahl des dort lebenden Erlbruch als Illustrator nahe. Aus dieser ersten Publikation entwickelte sich eine bis heute anhaltende Zusammenarbeit von Verlag und Zeichner, die nicht nur Bücher umfasst, sondern auch den jährlichen Kinderzimmerkalender, den Erlbruch mehr als zwei Jahrzehnte lang gestaltete. Für das Jahr  2018 hat diese Aufgabe sein Sohn Leonhard übernommen, der als Illustrator in die Spuren des Vaters getreten ist.

Keine Festlegung auf einen Stil

Die Arbeit an den Kalendern trug dazu bei, Erlbruch vor der Festlegung auf seinen berühmt gewordenen Maulwurf-Stil zu bewahren. Seine ersten selbstgeschriebenen Bilderbücher, Die fürchterlichen Fünf,  Leonhard und Das Bärenwunder, die Anfang der 1990er-Jahre erschienen, waren noch ganz in diesem Stil gehalten. Danach entwickelte er, nicht zuletzt auch unter dem Einfluss seiner Kunstprofessur, eine Collagetechnik als Markenzeichen, die unterschiedlichste Papiere und Musterbögen miteinander kombinierte. Die Figuren entstanden in Legetechnik, statt gezeichnet zu werden. Anstelle des Stifts wurde die Schere zum zentralen Accessoire. Zugleich aber ergänzte Erlbruch seine Collagen durch Zeichnungen, und dieses Mixed-Media-Prinzip wurde zum neuen Markenzeichen.
 
Am vollendetsten setzte er es ein in Ente, Tod und Tulpe, dem 2007 erschienenen zweiterfolgreichsten Erlbruch-Buch, das er wieder selbst geschrieben hatte. Das darin behandelte Thema des Todes war ungewöhnlich für deutsche Kinderliteratur. Aber auch seine Bücher nach Vorlagen von Autoren wie Goethe, Gottfried Benn, Karl-Philipp Moritz oder James Joyce brachen mit der üblichen Harmlosigkeit auf diesem Feld. Bisweilen ist es schwer zu entscheiden, ob Erlbruch eher für Kinder oder für Erwachsene arbeitet. Aber beide Gruppen danken es ihm, indem sie seine Bücher lesen.
 
In den vergangenen Jahren hat Erlbruch seine Aktivität als Illustrator reduziert; in seinem Wuppertaler Wohnhaus hat er eine Stiftung für die Bewahrung des eigenen Werks eingerichtet, die auch Unterkunfts- und Arbeitsplätze für Forscher bietet. Da er zu den international berühmtesten Vertretern seiner Kunst gehört, sind die Besuche in Wuppertal zahlreich. Auf neue Bücher wartet die ganze Welt.