Henrik Spohler im Gespräch Mensch und Technik – Fotografie und Fiktion

Projekt „In Between“, Containerterminala Hamburg
Projekt „In Between“, Containerterminala Hamburg | © Henrik Spohler

Die Beziehung des Menschen zur Technik, die er geschaffen hat, steht im Mittelpunkt der künstlerischen Arbeit Henrik Spohlers und seiner Ausstellung „When Millennium begins“ in der Galerie Barlach.

„Der Tag wird kommen … an dem das Jahrtausend beginnt.“ Während sich viele Fotografen, deren Arbeiten im Rahmen der Triennale der Photographie in Hamburg gezeigt wurden, auf die sozialen bzw. persönlichen Aspekte der Frage nach der Zukunft in der Fotografie konzentrierten, zeichnete sich die Ausstellung von vier Serien des Hamburger Fotografen Henrik Spohler in der Galerie Barlach durch einen scheinbar objektiveren Ansatz aus. Henrik Spohler interessiert sich seit Beginn seiner Karriere 1992 für die Infrastrukturen und technischen Systeme, die der Mensch geschaffen hat. Mit der Serie „0/1 Dataflow“ blickt Henrik Spohler hinter die Kulissen der Informationsgesellschaft. In „Global Soul“ beschäftigt er sich mit Produktionsunternehmen, während „The Third Day“ die hochspezialisierten Techniken der industrialisierten Landwirtschaft darstellt. Seine letzte Serie „In Between“ zeigt die kalte, standardisierte Welt der Logistik. Die Aufnahmen dieser im Allgemeinen für die Öffentlichkeit unsichtbaren Welten sind von einem poetischen Blick und einem harmonischen Bildaufbau geprägt. Dennoch verlässt der Betrachter die Ausstellung nicht ohne ein beklemmendes Gefühl angesichts dieser Welten, in denen es keinen Menschen gibt und wo sich die Technik in die Beziehung zwischen ihm und seiner Umwelt zu drängen scheint.

Herr Spohler, von „o/1 Dataflow“ über „In Between“ bis hin zu „Global Soul“ und „The Third Day“: Zwischen Ihren verschiedenen Fotoserien besteht eine klare Kohärenz. Woher kommt Ihr Interesse für die Welt der Logistik und der Infrastrukturen?

Projekt „0/1 Dataflow“, Ohne Titel Projekt „0/1 Dataflow“, Ohne Titel | © Henrik Spohler In meinem ersten Projekt 0/1 Dataflow aus den Jahren 2000/2001 zeige ich Server-Knotenpunkte des Internets, die die technische Basis für unsere Informations- und Dienstleistungsgesellschaft darstellen. Hier ist es das immaterielle Produkt Information, das sich weltumspannend bewegt. In meiner neuesten Fotoserie In Between geht es um ganz materielle Dinge wie Rohstoffe, Industriegüter und Konsumgüter, die sich in einem steten Fluss von Kontinent zu Kontinent bewegen. Logistik ist zum Rückgrat für die moderne wirtschaftliche Globalisierung geworden. Mich interessiert an Häfen, Frachtflughäfen oder Rangierbahnhöfen die Frage: Wie sehen sie eigentlich aus, diese Orte, die in jedem Detail dem wirtschaftlichen Funktionieren entsprechen. Areale und Verkehrswege, die sich stetig ausbreiten und Landschaften durchschneiden. 

Wie haben Sie die Orte in Ihren Fotografien ausgewählt?

Jedes Projekt ist, schon bevor ich fotografiere, inhaltlich und bildlich gründlich recherchiert. Online verfügbare Ansichten geben da eine grobe Orientierung. Wenn ich nach Bilbao, Rotterdam oder Shanghai reise, dann weiß ich in etwa, welche Möglichkeiten mich dort erwarten. Aber die Überraschungen und die eigentliche spannende Arbeit beginnen natürlich erst vor Ort.

Durch das Licht, die Arbeit mit den Farben sind Ihre Werke von Poesie geprägt, obwohl Poesie selten zu purer Technik passt. War Ihnen diese Verbindung von Anfang an bewusst?

Projekt „Global Soul“, Montagelinie Projekt „Global Soul“, Montagelinie | © Henrik Spohler Ja, denn ich bilde nicht Realität ab, sondern ich konstruiere in meinen Fotografien eine fiktionale Welt. Mit allen Nuancen einer bildlichen Erzählung.

Den Menschen, der diese Infrastruktur geschaffen hat, kann man in Ihren Fotografien allerdings nicht sehen. Warum haben Sie ihn aus der von ihm erschaffen Welt verbannt?

Der Mensch hat sich in den Motiven selbst abgeschafft. Durch seine technischen Systeme, die zu stetiger Rationalisierung führen. Nun, ich habe bewusst die Entscheidung getroffen, dass sich der Mensch als Betrachter mit dieser menschenleeren Welt konfrontieren muss.

Vor den Fotografien schwankt der Zuschauer zwischen einer Art Wille zur Macht über die technische Vollendung und der Angst vor einer zu perfekten und zu sauberen Maschinenwelt. In welche Richtung entwickelt sich Ihrer Meinung nach das Verhältnis zwischen Mensch und Technik?

Ich möchte da keine Prognosen abgeben, sondern mit meinen Fotoprojekten Fragen stellen. 
Meine Fotoserien sind als bildliche Untersuchungen und Interpretationen unserer heutigen Lebenswirklichkeit zu verstehen. In China habe ich eine Insel fotografiert, auf der vor 15 Jahren Fischer lebten. Die sind heute umgesiedelt, die Insel ist durch die weltlängste Brücke mit dem Festland verbunden, riesige künstliche Landflächen wurden dem Meer abgerungen, auf denen heute ein Containerhafen steht - größer als der von Hamburg. Das sagt eine Menge aus. Über die gegenwärtigen Verhältnisse zwischen Mensch, Technik und Umwelt.

Welche Fotografen haben Ihren schöpferischen Prozess angeregt?

Projekt „The Third Day“: Tomatenrispen in Middenmeer, Niederlande Projekt „The Third Day“: Tomatenrispen in Middenmeer, Niederlande | © Henrik Spohler Es waren weniger einzelne Fotografen, die mich geprägt haben. Ich fotografiere sehr intensiv seit meinem Studium an der Folkwang Universität der Künste Essen, danach folgten Jahre der kommerziellen Fotografie, eh ich ab 2000 mit meinen Projekten begann. Diese intensive Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie, das Beobachten von historischen und aktuellen Strömungen - das alles hat natürlich Einfluss darauf, wie ich heute arbeite. 
 
Sie leben mit Ihrer Familie in Hamburg. Welchen Ort in Hamburg finden Sie am inspirierendsten?

Ganz klar das Elbufer: In Hamburg kann man im Sommer sehr gut am Strand liegen, ein kühles Bier trinken, in die Sonne blinzeln und alles vergessen. Bis man plötzlich das gegenüberliegende Ufer der Elbe nicht mehr sieht, weil ein riesiges Containerschiff vorbeizieht und man sich fragt: Hat dieses Schiff vielleicht meine neuen Sportschuhe aus China an Bord?
 

Henrik Spohler wurde 1965 geboren, wohnt in Hamburg und unterrichtet Fotografie an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft. Nach seinem Abschluss an der Folkwang Universität der Künste in Essen begann er 1992 seine Karriere. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ist Teil öffentlicher und privater Sammlungen.