Kinder- und Jugendbuch Zeitgemäss Geschichten erzählen

Deutschsprachige Jugendbücher
Deutschsprachige Jugendbücher | © Goethe-Institut

Vom beißfesten Hartpappenbilderbuch für die Allerkleinsten bis zum identitätsumkreisenden Adoleszenzroman, vom graphisch illustrierten Kinderroman bis zum fundiert recherchierten Sachbuch für ein Publikum 'allen Alters': Die Titel des deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchmarktes sind ausgesprochen vielfältig und weisen eine bunte Palette an hochwertigen literarischen Angeboten auf. Auch wirtschaftlich ist dieser Sektor vielversprechend: Jährlich kommen rund 9.000 Titel als Neuerscheinungen auf den Markt; der Anteil der übersetzten Titel, insbesondere aus dem englischsprachigen Raum, ist dabei erheblich. Dennoch können sich die deutschsprachigen Titel im internationalen Vergleich gut sehen lassen.

Einige interessante Tendenzen sollen im Folgenden skizziert werden. So fällt zum einen ganz grundlegend auf, dass die kinder- und jugendliterarischen Medien sich weiterhin (denn diese Tendenz kann man bereits seit den 1980er Jahren beobachten) den Entwicklungen der Belletristik annähern. An Bestsellern wie Wolfgang Herrndorfs Tschick (2010) oder Bov Bjergs Auerhaus (2015) wird ablesbar, wie die Grenzen zwischen 'Erwachsenen'-Literatur und Angeboten für jugendliche Leserinnen und Leser zunehmend transparenter werden. Titel dieser Ausrichtung werden als Crossover-Literatur bezeichnet und erreichen ein breit gefächertes Lesepublikum; d.h. sie können von Jung wie Alt gleichermaßen mit Gewinn gelesen werden. Insbesondere wird diese Entwicklung an Fantasy-Titeln ablesbar, sei es an den englischsprachigen Megasellern von J.R.R. Tolkien, J.K. Rowling oder Suzanne Collins, aber ebenso an deutschsprachigen Longsellern wie Michael Endes Die unendliche Geschichte (1979) oder Walter Moers Zamonien (1999 mit Die Stadt der träumenden Bücher, weitere sieben Titel hierzu bis 2019), und an aktuellen Titeln wie Cornelia Funkes Tintenwelten (2003-2007).

Zum anderen fällt eine veränderte inhaltliche Ausrichtung auf. In der Gegenwartsliteratur (gemeint ist hier Literatur für erwachsene Leserinnen und Leser) lässt sich in den letzten Jahren ein neues Engagement beobachten; verstärkt wird bei diesen Texten eine Konzentration auf gesellschaftspolitische Zeitbezüge sowie auf zeitgeschichtliche Themen wahrnehmbar. Ein Blick auf die aktuelle Kinder- und Jugendliteratur zeigt, dass sich diese Entwicklung auch auf diesen Buchmarktsektor übertragen lässt (z.B. bei Grit Poppe Weggesperrt (2009) oder Christian Linker Dschihad Calling (2015). Interessant erscheint dabei, dass insbesondere im Bereich Bilderbuch, der sich traditionell an die jüngsten der jungen Leserschaft wendet, nun eine Vielzahl an Büchern erscheinen, die vergleichsweise 'schwere' Themen aufgreifen und sich z.B. intensiv mit Krieg und Vertreibung oder transkulturellen Fragestellungen auseinandersetzen. Kirsten Boies Bestimmt wird alles gut (2016) lässt sich exemplarisch hierfür nennen, aber ebenso Titel von Anja Tuckermann wie Nusret und die Kuh (Illustration von Mehrdad Zaeri/Uli Krappen, 2016). Diese hoch relevanten gesellschaftlichen Aspekte werden nicht in pädagogisierendem Duktus verhandelt, sondern in künstlerisch-ästhetischen Umsetzungen diskutiert und in parabelhafte Geschichten transponiert, die Offenheit und Toleranz gegenüber Andersseiendem unterstreichen (z.B. Armin Greders Die Insel, 2015). In diesem Zusammenhang zu nennen wäre auch der 'tiefbegabte' Rico (aus der wunderbaren Rico-Oskar-Reihe von Andreas Steinhöfel, 2008 beginnend) der im Sturm die Herzen seiner Leserschaft erobert hat.

Hinzuzufügen wäre zu dieser Entwicklung, dass sich gerade im Bereich der Bildmedien eine neue Generation deutschsprachiger Künstlerinnen und Künstler ausmachen lässt, die so genannte graphische Erzählungen verfassen. Bei diesen im Format als Graphic Novels ausgewiesenen Texten dominieren ebenso zeitbezogene und gesellschaftspolitische wie zeitgeschichtlich relevante Themen und autobiographisches Erzählen. Zu nennen wären hier insbesondere Reinhard Kleist mit Der Boxer. Die wahre Geschichte des Hertzko Haft (2012) oder Der Traum von Olympia (2015); die Geschichte der DDR thematisieren insbesondere Mawil mit Kinderland (2014) oder Simon Schwartz mit Drüben (2009), höchst interessante Adaptionen von Klassikern wie von Münchhausen liefert der Künstler Flix, der auch mit Spirou in Berlin (2018) einen legendären Klassiker des Genres in ein neues Gewand gekleidet hat.

Jugend ohne Ende und 'on the run'

Last but noch least sei noch eine weitere Tendenz angemerkt. Im Bereich Jugendliteratur finden sich immer mehr Titel, die als Erfolgsbücher die Bestsellerlisten erobern. Der turbulente Lebensabschnitt der Adoleszenz mit allen Höhenflügen und Bruchlandungen, die die heranwachsenden Figuren durchleben und durchleiden, scheint ein besonders beliebter Lesestoff zu sein, der von all denjenigen geschätzt wird, die diese Passage noch vor sich haben, aber ebenso von denen, die diesem Transitraum entkommen sind oder sich für immer in ihm eingerichtet zu haben scheinen. An diesen Titeln wird ablesbar: Die Zeit der Jugend im 21. Jahrhundert ist oftmals geprägt von lebensgeschichtlichen Störungen, d.h. von der Erfahrung familiärer oder kriegerischer Gewalt, von traumatischen Erlebnissen bedingt durch Flucht und Vertreibung oder Ausgrenzung und Diskriminierung, so z.B. Alina Bronskys Scherbenpark (2008); Susan Krellers Elefanten sieht man nicht (2012) oder Julya Rabinowichs Dazwischen: Ich (2016). Deutlich wird aber auch: Die Zeit der Adoleszenz führt auf vielgestaltige Reisen, die schmerzliche Abschiede bedeuten können (Elisabeth Steinkellners Rabensommer, 2015; Tamara Bach vierzehn, 2016), sich als Passage lesen lassen (Nils Mohl Es war einmal Indianerland, 2011) oder eine ständige Suchbewegung darstellen, deren imaginärer Zielpunkt im Inneren der adoleszenten Figuren selbst zu verorten ist (Nataly Elisabeth Savina Meine beste Bitch, 2018). So scheint Jugend 2.0 in diesen Romanen hier nicht nach dem Slogan forever young sondern vielmehr lebenszeitlich on the run angelegt zu sein.