Michael Roher Der Fluss

„Der Fluss“ von Michael Roher © Verlag Jungbrunnen Ein minimalistischer Text mit philosophischen Fragen und offenen Antworten; suggestive Bilder, die eine Geschichte
erzählen - beides verbindet sich zu einem Kunstwerk, das auf mehreren Ebenen lesbar ist. Der Fluss, das fließende Gewässer, ist zugleich der Fluss des menschlichen Lebens, von der Zeugung bis zum Tod. Diese traditionsreiche Metapher setzt Roher auf kindgemäße und ästhetisch überzeugende Weise in diesem schmalformatigen Bilderbuch um. Wie in der klassischen Rhetorik greift er zu Apostrophe und Personifizierung: Ein „Ich“ spricht den Fluss direkt an: „Wo fängst du an? Vielleicht, denke ich, vielleicht im Himmel“. Das Ich möchte den Fluss erkunden, erlebt ihn als Abenteuer, Hüter der Geheimnisse und Ort der Begegnungen, als Ort, der das menschliche Leben in seinen unterschiedlichen Phasen begleitet.

Die Bilder sind vielschichtig – nicht nur, weil Roher mit seinen mixed-media Collagen ganz konkret mehrere Schichten sich überschneiden und überlagern lässt, sondern auch weil sie erstens den Fluss abbilden, zweitens eine individuelle Lebensgeschichte erzählen und drittens Bilder für das menschliche Leben schlechthin finden. Dazwischen gibt es viel Raum für eigene Assoziationen. So wirkt die erste Doppelseite, ein blauer Materialdruck, auf den ersten Blick zugleich wie eine Satellitenaufnahme von den Weltmeeren, wie das Weltall oder wie eine mikroskopische Aufnahme von einem Wassertropfen. Mancher wird erst bei genauerem Hinsehen erkennen, dass der weiße Kreis, der zunächst wie der Mond, eine Wasserblase oder eine Insel aussieht, eine Eizelle ist, auf die sich eine kleines kaulquappenähnliches Wesen zubewegt. Danach entfalten sich die einzelnen Lebensstationen von Säugling, Kleinkind, Teenager, Mutter und Großmutter auf den Wogen, in den Tiefen und an den Ufern des Flusses.

Ein wiederkehrendes Bildelement bietet noch eine weitere Interpretation an: das kleine Papierfaltschiffchen, das Textfragmente in Frakturschrift über viele Seiten fahren lässt. Es steht für den Text- und Lesefluss, für all die Reisen, auf die Bücher wie dieses uns entführen können. 

Nikola von Merfeldt, „Pinselfisch“