Britta Treckentrup Alle Wetter

„Alle Wetter“ von Britta Treckentrup © Verlag Jacoby & Stuart Sachinformation über Wetter kommt meist ein standardisierten Piktogrammen daher: Wir kennen sie aus den Wetterberichten im Fernsehen oder der Wetter-App auf dem Smartphone (weltweit die am häufigsten genutzte App!). Von den Bildschirmen wandern sie in die Sachbuchwelt der internationalen Reihenproduktionen. Dort wird Wetter in der Regel dramatisch präsentiert, am besten als Katastrophe: Orkane, Wirbelwinde, Überschwemmungen. Oder praktisch: Anleitungen, wie man sich eine eigene Wetterstation baut und Beobachtungen festhält. Das ist alles sehr nützlich und lehrreich, aber der Mensch tritt in diesen Büchern entweder als Opfer von Naturkatastrophen oder als Wissenschaftler auf. In Britta Teckentrups „Alle Wetter“ dagegen steht der Mensch im Mittelpunkt: „Das Wetter kann uns fröhlich oder traurig machen“, heißt es im Vorwort, „und es bestimmt auch die praktischen Dinge unseres Lebens: unsere Kleidung, unsere Speisekarte, unser Ausgehverhalten.“ Während der sehr persönlich gehaltene Text treu Sachinformation über die wichtigsten Wetterphänomene gibt (z.B. Luftdruck, Reifnächte, Altocumuluswolken), verzichten die Bilder gänzlich auf Piktogramme. Stattdessen stehen sie ganz bewusst in der Tradition der Maler Turner, Caspar David Friedrich und Vincent van Gogh, die „mit Wetter-‚Stimmungen‘ auch menschliche Gefühle auszudrücken“ wussten. So verbindet das Buch in Text und Bild auf ungewöhnliche Weise Sachinformation mit Stimmungsdichte und ästhetischem Anspruch.

Kein Wunder also, dass das Buch beim stilbewussten Verlag Jacoby & Stuart erscheint und bibliophile Herzen höher schlagen lässt: Angefangen vom Format, das kleiner und intimer ist als das Standard-Sachbilderbuch, über den gelben Leinenrücken, bis hin zur Druckqualität der Bilder. Auch die Kapiteleinteilung – I. „Eitel Sonnenschein“, II. „Regen bringt Segen“, III. „Eis und Schnee“ und IV. „Unwetter“ – macht deutlich, dass hier weder wissenschaftliche Kategorien noch Reihenmuster die Komposition vorgeben, sondern Stimmung und Design. So nehmen die Bilder, gleich einem slow-motion Daumenkino oder Trick-Stummfilm, die Leser mit auf Stimmungsreisen durch (einem mitteleuropäischen Leser) vertraute Landschaften: sattgelbe Felder, Mondlicht-durchflutete Wälder, vom Regen verwaschene Städte. Und natürlich jede Menge Wolkenlandschaften. Bestimmte Motive wiederholen sich – z.B. die kleine Scheune auf dem Hügel inmitten Felder –, schaffen einen visuellen Rhythmus und eröffnen ein emotionales Spektrum, Farben changieren langsam, so wie der Himmel bei Wetterumschwüngen.

„Alle Wetter“ ist somit ein Beispiel dafür, dass Sachbilderbücher etwas leisten können, was keine noch so interaktive App schafft. Im klug genutzten Buchformat vermittelt es auf unaufgeregte Weise grundlegendes Sachwissen, das auf ästhetischem Weg die Brücke zum Alltag und zum eigenen Empfinden schlägt. Nicht zuletzt bietet es sich als perfekte generationenübergreifende Lektüre an, die nicht nur Anlass zu meteorologischen Exkursen (und Exkursionen), sondern auch zum Teilen zu Wetter- und Kunsterinnerungen gibt.

Nikola von Merfeldt, „Pinselfisch“