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Interview mit Volt-Mitbegründer Damian Boeselager
Eine Liste für Europa?

Damian Boeselager
© privat

Die junge paneuropäische politische Partei Volt tritt bei den Europawahlen an und möchte sich abgrenzen von den anderen Gruppen im Europäischen Parlament. Aber wofür steht Volt? Wie findet man paneuropäische Lösungen für komplexe Probleme? Ein Interview mit dem deutschen Spitzenkandidaten und Mitbegründer Damian Boeselager.

Was ist Volt, wofür steht Volt und warum haben Sie Volt mitgegründet?

Ich bin Damian, 30 Jahre und habe VWL und Philosophie studiert. Dann habe ich erstmal verschiedene Praktika gemacht. Bevor die Idee zu Volt entstand, habe ich mit zwei Freunden eine Europareise gemacht. Dabei haben wir junge Leute gefragt, was ihre Vision von Europa ist. Anschließend habe ich einen Master in öffentlicher Verwaltung in Deutschland und den USA gemacht. Das war im September 2016 nach dem Brexit und des Erstarken von Marie Le Pen in Frankreich. In den USA war ich mit einer Freundin auf die Wahlkampfnacht von Hillary Clinton eingeladen. Danach haben wir ganz lange diskutiert. Was könnte man machen? Wir waren uns schnell einig, dass wir zumindest für Europa eine europäische Lösung brauchen. Wir haben einen Glauben an positive Politik und dessen Umsetzung. Dadurch ist Volt entstanden. Zunächst wollten wir uns Vox nennen, um den Menschen eine Stimme zu geben. Dann haben wir aber mitbekommen, dass es schon eine rechte Partei mit ähnlichem Namen gibt. Deshalb kam es zu Volt. Der Name steht für eine neue Energie für Europa, er ist nicht politisch vorbelastet und funktioniert in allen Ländern. Er ist ein Begriff, den man positiv assoziiert.

In wie vielen Ländern ist Volt vertreten, unter anderem auch in Nicht-EU-Staaten?

Ja, wir sind in allen EU-Ländern vertreten, aber auch in Albanien und der Schweiz. Wir wollen eine sinnvolle Zusammenarbeit schaffen. Vor allem geht es uns darum, Politik zu verbessern, um in einer Gesellschaft leben zu können, in der wir gerne leben wollen. Dazu gehört mehr Mitbestimmung für Bürger. Wir sind keine reine Europa-Partei. Wir sind eine paneuropäische Partei. Das heißt, wir planen nicht nur bis zur Europawahl, sondern auch darüber hinaus.

Was sind eure fünf paneuropäischen Hauptpositionen?

Ich nenne 5+1 Hauptpunkte unseres Programmes. Zum einen geht es uns um einen „smart state“: wie können wir einen Staat transparenter und vor allem auch nachhaltiger gestalten? Als zweiten Punkt stehen wir für „economic renaissance“: wie kann man strukturschwachen Staaten besser helfen, Jugenarbeitslosigkeit bekämpfen und wie sieht Wohlstand nach Wachstum aus? Der dritte Punkt ist „social equality“: wir sind für gleiche Rechte für alle. Das zählt Randgruppen, diskriminierte Gruppen, aber auch LGBTIQ und Gender-Fragen dazu. Der vierte Punkt ist „global balance“: welche Verantwortung muss ein Staat oder auch die EU global übernehmen? Dazu gehört für uns besonders der Klimaschutz, aber auch Außenhandel, Migration und Asyl, als auch die Entwicklungszusammenarbeit. Der fünfte Punkt ist „citizen empowerment“: es geht darum, die politische Partizipation zu stärken, eine sogenannte „citizen assembly“ einzuführen, aber auch mehr Transparenz für politische Prozesse zu schaffen und direkte Demokratie auf lokaler Ebene einzuführen. Für alle Länder übergreifend stehen wir aber alle für das + 1: EU-Reform. Wir haben zwar unterschiedliche Vorstellungen, sind uns aber alle einig, dass die EU sich verändern muss.

Social equality ist kein einfaches Thema, wie kriegt man das in ein Wahlprogramm, ohne dass es zu breit gefächert ist?

Man muss ganz klar Position beziehen. Wir wollen dem steigenden Nationalismus etwas entgegensetzen. Dazu gehört auch seine Positionen zu schärfen und zu formen. Bei Volt sind unterschiedliche Länder vertreten, aber wir repräsentieren ein Wertekonstrukt. Wir ziehen natürlich zu allererst Leute an, die hinter diesem stehen. Aber man muss natürlich auch darauf schauen, was in welchem Land umsetzbar ist.

Was unterscheidet euch von anderen europäische Organisationen wie den JEF, Stand up for Europe, Pulse of Europe oder Diem25?

Wir arbeiten problemorientiert und möchten für Probleme auch Lösungen anbieten. Man hat ja meistens so Grundsatzfragen versus Klein-Klein-Politik. Was uns von anderen europäischen Organisationen unterscheidet ist einfach: unsere Hauptagenda ist es nicht, Europa zu vereinigen, wie die Young European Federalists sich das zur Aufgabe gemacht haben. Stand up for Europe oder Pulse of Europe sind zivilgesellschaftliche Gruppen. Wir wollen in der Politik aktiv sein. Diem25 haben berühmte Politiker wie Yanis Varoufakis oder auch Julian Assange mit ins Boot geholt und bekommen natürlich durch solche Sponsoren viel Geld. Außerdem sind sie nicht wirklich in ganz Europa aktiv, sondern meist in Griechenland. Volt ist eher ein „no name“-Produkt, wir wollen auch nicht so finanziert werden.

Wo verortet ihr euch selber im politischen Spektrum?

Wir wollen uns nicht im klassischen links-rechts-Spektrum verorten lassen. Da passen wir auch nicht so richtig rein. Wenn es um das Thema Digitalisierung geht, dann hat Estland Deutschland enorm viel voraus. Die müssen nur noch wegen Heirat oder Scheidung aufs Amt – alles andere funktioniert auch online. Warum klappt das bei uns nicht so? Wir möchten die Fortschritte in verschiedenen Ländern zusammenbringen. Die zentrale Frage, mit der wir uns beschäftigen ist vor allem: wie kann man mit Veränderungen umgehen? Daher würde ich behaupten, dass Volt eine progressive Bewegung ist, die für pragmatische Lösungen und deren Umsetzung steht.

Sind eure Mitglieder schon mal politisch aktiv gewesen? Oder waren sie eher politisch desinteressiert?

Ich würde sagen, dass 70 Prozent vorher nicht aktiv war und 30 Prozent schon einmal politisch tätig waren. Ich selber gehörte eher zu denen, die sich für Politik interessiert haben, aber nie aktiv werden wollte. Vor allem der Brexit war für mich eine Art Weckruf. Die meisten von Volt waren genervt von den ewigen Grabenkämpfen der klassischen Parteien. Außerdem haben wir einfach gemerkt, dass da in nächster Zeit große Herausforderungen auf einen zukommen. Es gibt einfach Bedarf und neue Möglichkeiten, sich zu engagieren.

Wer ist eure Zielgruppe? Wie erreicht ihr Leute, die sonst eher nicht politikinteressiert oder politikverdrossen sind? Wen habt ihr bisher erreicht?

Erstmal wollen wir grundsätzlich alle erreichen. Und dann sind es vor allem diejenigen, die sich für Europa interessieren. Da sind auch viele junge Menschen dabei, Erstwähler und anfangs auch eher Akademiker. Mittlerweile sind bei uns jedoch die unterschiedlichsten Leute vertreten. Wir haben im Durchschnitt Mitglieder um die dreißig, aber immer mehr auch welche mit 65 Jahren. Es sind vor allem die Leute, die Veränderungen wollen und diese auch wirklich umsetzen möchten.

Was sind eure Aktionen?

Wir arbeiten sehr viel in persona. Aber auch über Social Media und die klassischen Medien sind wir aktiv. Es geht uns aber vor allem um die reelle Aktivität, den persönlichen Kontakt. Wir haben über 200 lokale Teams, die sich wöchentlich treffen und Aktionen planen. Wir sind der Meinung, dass jeder einzelne Mensch ein Mitspracherecht hat. Daher ist auch der Kern von Volt: jeder kann und darf mitmachen! Unser Ziel ist es, Politik und Mitsprache wieder attraktiver zu machen.
 
Euer Ziel für die Europawahl? Ist es über eine lokale Strategie möglich, so viele Leute zu erreichen?

25 Sitze aus allen Ländern zu gewinnen. Unsere grundsätzliche Motivation ist, dass Volt gerade jetzt gebraucht wird. Nach der Wahl werden vor allem neutrale oder Anti-Integrationsparteien im Parlament sitzen. Für dieses Kräfteringen wollen wir jetzt schon kämpfen. Unser langfristiges Ziel ist es, eine paneuropäische Bewegung aufzubauen, daher ist die Europawahl ein Ziel, aber nicht das letzte. Das müssen wir auch vermitteln. Wir müssen ernst genommen werden. Wir werden im Wahlkampf viele coole Aktionen machen, aber auch seriös wirken. Daher ist es nur in einer Kombination mit Social Media und lokaler Kontaktaufnahme möglich.

Ihr habt mittlerweile eine Kampagne für Crowdfunding gestartet. Wie kam es dazu?

Natürlich ist der Kern unserer Bewegung immer noch das ehrenamtliche Engagement. Aber wir haben erkannt, dass wir professioneller werden müssen. Vor allem die Kapazität für die Organisation leidet. Daher würden wir uns dafür Festangestellte wünschen, die das für uns besser planen können. Der Traum wäre natürlich, dass wir so ungefähr zehn bis zwanzig Leute auf europäischer Ebene anstellen können und fünf bis zehn auf nationaler Ebene. Das kostet natürlich. Daher benötigen wir das Crowdfunding.

Möchtet ihr im Europaparlament eine eigene Fraktion bilden oder schließt ihr euch einer bereits Vorhandenen an?

Wenn wir tatsächlich 25 Sitze bei der Europawahl gewinnen würden, dann möchten wir eine eigene Gruppe bilden. Wenn wir das nicht schaffen, müssen wir noch einmal gucken. Entweder sitzen wir dann als unabhängige Abgeordnete im Parlament oder schließen uns einer Fraktion an. Aber das wissen wir noch nicht.

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