Future Perfect Nächstes Weihnachten: Baum adoptieren!

In der Pflanzstätte regenerieren sich Nordmanntannen ca. drei Jahre lang, bevor sie von einer neuen Familie zu Weihnachten adoptiert werden
In der Pflanzstätte regenerieren sich Nordmanntannen ca. drei Jahre lang, bevor sie von einer neuen Familie zu Weihnachten adoptiert werden | (CC BY-SA) ASFNN/Valhor

Auch nach den Feiertagen können Weihnachtsbäume weiterleben. Dafür vermietet das französische Unternehmen Treezmas Weihnachtsbäume im Topf. Sie werden wieder gepflanzt oder recycelt, um der Verschwendung Einhalt zu gebieten.

Den Weihnachtsbaum nicht mehr als reines Konsumobjekt sehen, sondern als vollwertiges lebendiges Wesen: Das ist der Wunsch hinter dem Konzept von Treezmas, das 2012 von vier Jungunternehmern gegründet wurde. Ziel des französischen Startups ist es, „eine alternative Verbraucherlösung“ für das Weihnachtsfest anzubieten. Das Prinzip steht in großen Lettern auf der Homepage: „Adoptieren Sie einen Tannenbaum: Sie wählen, wir liefern, Sie genießen, wir kümmern uns um das zweite Leben Ihres Baums.“
 
Das Unternehmen, das nur Topfbäume verkauft – damit die Wurzeln des Baums bewahrt werden –, holt nach den Feiertagen die verkaufte Tanne wieder vom Kunden ab. So endet das Leben des Baums nicht mit seinem Aufenthalt im Wohnzimmer. Das Konzept von Treezmas geht also noch weiter als das von immer mehr Städten in Frankreich, die inzwischen Weihnachtsbaum-Sammelpunkte zur Wiederverwertung der Tannen eingerichtet haben – allein in Paris gibt es davon 141. Je nach Gesundheitszustand der Tannen recycelt das Unternehmen Treezmas sie entweder (zu grünem Kompost oder Mulch) oder pflanzt sie bei Partnerbaumschulen wieder ein. Dort erholen sich die Tannen etwa drei Jahre lang, dann können sie wieder verkauft werden. „Das Ziel hierbei ist, das Praktische und Digitale mit verantwortlichem Handeln gegenüber dem Leben zu verbinden,“ sagt Stéphane D’Halluin, Beauftragter für nachhaltige Entwicklung bei Botanic. Frankreichs viertgrößter Anbieter für naturnahen und biologischen Gartenbau hat das Start­up Treezmas im letzten Oktober übernommen.

  • Weihnachtsbaum Leon in seinem aktuellen Zuhause bei der Pariserin Louise (CC BY-SA) Laure Hänggi/Reporterre
    Weihnachtsbaum Leon in seinem aktuellen Zuhause bei der Pariserin Louise
  • Lebende Tannen zu schmücken macht noch viel mehr Freude (CC BY-SA) Arnaud Childeric
    Lebende Tannen zu schmücken macht noch viel mehr Freude
  • Die Bäume von Treezmas sind für ein paar Wochen ein Familienmitglied; danach bekommen sie ein neues Zuhause (CC BY-SA) Arnaud Childeric
    Die Bäume von Treezmas sind für ein paar Wochen ein Familienmitglied; danach bekommen sie ein neues Zuhause
  • In der Pflanzstätte regenerieren sich Nordmanntannen ca. drei Jahre lang, bevor sie von einer neuen Familie zu Weihnachten adoptiert werden (CC BY-SA) ASFNN/Valhor
    In der Pflanzstätte regenerieren sich Nordmanntannen ca. drei Jahre lang, bevor sie von einer neuen Familie zu Weihnachten adoptiert werden

Im vergangenen Jahr wurden über die Treezmas-Website mehr als 1000 Tannen bestellt. Noch ist das ein Tropfen auf den heißen Stein der insgesamt 6 Millionen Weihnachtsbäume, die durchschnittlich jedes Jahr in Frankreich gekauft werden – davon sind 5 Millionen echte Bäume. Doch das Konzept hat Rückenwind. „Wir sind die Opfer unseres eigenen Erfolgs; uns ist ziemlich oft der Bestand ausgegangen“, sagt ein begeisterter Hanen Jamaï, Verantwortlicher für digitales Marketing bei Botanic, immer noch ganz erstaunt über den Hype, den das Konzept ausgelöst hat. „Zwischen 2012 und 2015 haben sich die Verkaufszahlen vervierfacht!“

Jahrelanges Gedeihen für ein Ende auf dem Gehweg?

Und doch sind von den Millionen von Tannenbäumen, die jedes Jahr gekauft werden, nur 10 Prozent Topfbäume. Die meisten werden gefällt, zum Verkauf in einen halbierten Baumstamm gesteckt und können nach den Festtagen nicht wieder gepflanzt werden. „Früher habe ich immer gefällte Bäume gekauft und nie in Frage gestellt, was danach passiert. Als ich aber darüber nachgedacht habe, wurde mir klar, wie dramatisch es eigentlich ist, wenn eine Tanne, die jahrelang gediehen ist, tot auf dem Gehweg liegt“, gesteht Louise, eine Pariserin um die Dreißig. Auch sie ließ sich von dem „intelligenten, großzügigen und verantwortungsvollen“ Konzept des „Tannen-Adoptionsdienstes“ überzeugen. „Was mir daran gefällt“, fährt sie fort, „ist, eine noch lebende Tanne zu adoptieren, die danach weiterlebt. Man sollte sich auch Gedanken um Dinge machen, die banal erscheinen. Auf Lebensmittel zu achten ist ja gut, aber man muss sich auch allgemeiner darüber bewusst werden, was man verbraucht.“
Der praktische Aspekt der Lieferung spielte für Louise auch eine, wenn auch „nebensächliche“ Rolle: „Ich habe kein Auto, wohne im vierten Stock und konnte mir den Baum um 21 Uhr liefern lassen.“ Seit einigen Tagen thront also der siebenjährige Léon mitten in Louises Wohnzimmer. Es handelt sich um eine der Tannen aus dem Sortiment von Treezmas, zu dem auch Arthur, Camille oder Victor zählen. „Dass wir den Bäumen Namen geben und ihr Alter angeben, ist eine amüsante Art, den Leuten ein Verantwortungsgefühl für ihre Adoption zu geben“, erklärt Stéphane D’Halluin.
Mit der gleichen Absicht wird mit dem adoptierten Baum auch ein Heft mit Pflegehinweisen geliefert, denn zum Wiedereinpflanzen „braucht er viel Pflege“, so Hanen Jamaï. „Stehen die Bäume zu nahe an einer Wärmequelle, sind sie nicht mehr zu retten. Deswegen versuchen wir, die Kunden gut zu beraten, damit wir die Bäume in möglichst gutem Zustand wiederbekommen und sie nachher wieder einpflanzen können.“

„Made in France“ als Verkaufsargument

Die Bäume, die hauptsächlich Nordmanntannen und Omorika-Fichten sind, können in ganz Frankreich geliefert werden. Das hat seinen Preis. „Für die kleinste Tanne – Arthur –, die 54 Euro kostet, berechnen wir für Lieferung und Abholung etwa 30 Euro. Letztlich verdienen wir am Online-Verkauf eines Arthur ungefähr das Gleiche, was ein Topfbaum im Laden einbringt. Das kommt nicht von ungefähr, wir haben die Preise so kalkuliert, dass sich der Dienst auch rentiert,“ erklärt Stéphane d’Halluin von Botanic. Deswegen kosten die Bäume auf der Online-Plattform durchschnittlich mehr als Topfbäume im Laden. „Klar sind unsere Kunden eher besserverdienende Stadtbewohner“, gibt Hanen Jamaï zu.
Das Unternehmen setzt außerdem auf das Verkaufsargument „Made in France“ und garantiert, dass die Bäume aus französischen Gebieten wie Rhône-­Alpes, der Bretagne oder dem Morvan stammen. Das haben die Bäume von Treezmas gemeinsam mit 80 Prozent aller anderen Weihnachtsbäume . Die französische Herkunft ist für drei von fünf Franzosen ein wichtiges Kriterium, für das sie laut einer Studie der Afsnn (Französische Vereinigung für natürliche Weihnachtsbäume) aus dem Jahr 2013 auch einen kleinen Aufpreis zu zahlen bereit sind.
Die oft hartnäckige Auffassung, der Kauf eines Weihnachtsbaums führe zur Rodung von Wäldern, stimmt übrigens nicht. Die für Weihnachten bestimmten Bäume werden eigens für diesen Zweck gezüchtet. Unter dem Strich ist es also ökologischer, einen echten Baum zu kaufen als einen künstlichen, denn letzterer wird aus erdölbasiertem Material hergestellt und ist schwierig zu recyceln. Man müsste einen künstlichen Baum über 20 Jahre behalten, damit er sich ökologisch weniger schädlich auswirkt als ein echter Baum. Die meisten Verbraucher behalten jedoch ihren künstlichen Baum durchschnittlich nur sechs Jahre lang.
Treezmas setzt indessen auf ein verantwortlicheres und vernünftigeres Konsumverhalten. Aktuell wird bei dem jungen Projekt ein Drittel der verkauften Bäume wieder eingepflanzt. „Ich hoffe, dass der Anteil bald steigt“, bekräftigt Stéphane D’Halluin. In der Zwischenzeit will der Verantwortliche bei Botanic keine Däumchen drehen: „Unser Ziel heute ist es zu sensibilisieren; zu vermitteln, wie bizarr und schade es ist, dass wir Weihnachtsbäume einfach als Verbrauchgegenstände nutzen. Wir müssen der lebendigen Vegetation mit Respekt begegnen.“