Alexander Kluge Grasbüschel und Bombenkrater

Alexander Kluge (1942 10 Jahre alt) zeigt uns unterschiedliche Perspektiven zum Ende des Zweiten Weltkrieges, er schwankt zwischen ungewisser Zukunft, unklaren Verantwortungen und Hoffnungsschimmer.

© Alexander Kluge │ dctp.tv
© Alexander Kluge │ dctp.tv

Der Nachtmarsch nach Neu-Breisach
Ein Kommentar von Alexander Kluge

Wir marschierten zügig, sagte Heidegger. Die Nacht hindurch ist das Volkssturmbataillon mit Gepäck und Waffen in Richtung Neu-Breisach unterwegs. Die ersten vier Glieder der Kolonne sind Akademiker. Zwei Fälle von Krebs, dreimal Entzündung der Prostata, eine Fußverletzung aus dem Ersten Weltkrieg. Heidegger schritt in der ersten Reihe der Truppe. (Die in den ersten Reihen können ihren Rhythmus selber bestimmen. Die letzten in der Kolonne müssen rennen, um den Anschluß zu halten.) Man hörte feindliche Nachtjäger, die aber die Straße nicht fanden. Diese überall jagenden Flugzeuge waren der Grund für den Nachtmarsch.

Die Waffen der Männer dieses Volkssturms waren ungeeignet, den Übersetzversuch einer französischen Panzerarmee über den Rhein, der erwartet wurde, abzuwehren. Einige trugen Panzerfäuste auf der Schulter, alle besaßen sie Gewehre.
Briefe waren unterwegs, den Philosophen zu retten. Freunde bemühten sich beim Reichsdozentenführer, der gleichzeitig als Gauleiter tätig war, einen Entlassungsschein für Heidegger zu erhalten. Heidegger hatte dem nicht zugestimmt, weil eine Aufgabe so genommen werden muss, wie sie gestellt ist. Die Freunde hatten trotzdem geschrieben. Die Antwort blieb hinhaltend. Der Reichsdozentenführer war als Heideggers Gegner bekannt.

Wir hatten gegen fünf Uhr früh jedes »Wozu?« aus uns herausmarschiert, berichtete Heidegger. Nur noch ein Wo-immer-es-hingeht trieb uns voran. Dann lagen wir in Scheunen in der Nähe von Neu-Breisach.
Die Kolonne lag müde hingemäht da. Die Körper der acht Akademiker ruhten beieinander im Traum. Traum liegt nah am Tod. Am anderen Morgen die Nachricht, dass der französische Vorstoß aus den Vogesen zum Rhein nach Norden in Richtung Straßburg abgeschwenkt sei. Es handelte sich um die Truppen des Generals Leclerc. Der Befehl zum Rückmarsch nach Freiburg in der kommenden Nacht traf mittags ein. Es gab einen Brei aus Erbsen. Wie Zinnfiguren herumgeschubst. Kein Kontakt zu mir selbst. Keiner zum Feind. Keiner zum Land, das wir verteidigten. Wie Lemuren.

Ein provisorisches Leben
Ein Kommentar von Alexander Kluge

Ein Emigrant des alten Frankreichs, der Arzt und Dichter Celine, gegen den seit Herbst 1944 der Haftbefehl eines Untersuchungsrichters des »freien Frankreichs« bestand, war von seinem Sitz in Sigmaringen von Frauen, die ihn beschützten (ähnlich wie heute Sarah Harrison Edward Snowden behütet), nach Dänemark gebracht worden. Was und für wen sollte er dichten? Lässt sich ein Schriftsteller verpflanzen? Bis dahin hatte er unterhalb der Burg von Sigmaringen seine Arztpraxis betrieben. Ein dänischer Anwalt erreichte für Celine im dänischen Innenressort eine vorläufige Aufenthaltserlaubnis für Dänemark.

Befreiung Europas
Ein Kommentar von Jacques Mandelbaum

70 Jahre nach der Befreiung Europas von der Zuchtrute der Nazis gehört Alexander Kluge (1942 war er zehn Jahre alt) zu jener Generation, die den Zweiten Weltkrieg nicht nur aus den Schulbüchern kennt. Für die die Fragen nach den unübertroffenen Gräueltaten, nach dem moralischen Bruch in der Geschichte der westlichen Welt und nach seinem problematischen Ende tiefe Spuren hinterließen, quälend und für immer präsent bleiben. In seinem Kurzfilm drückt Alexander Kluge dies in sechs Minuten aus und bringt die Dinge auf den Punkt. Er legt eine markerschütternde Partitur über das dialektische Thema von Tod und Wiedergeburt, welches im Mittelpunkt des Films steht. Welcher Wiederaufbau ist möglich, welche Erneuerung denkbar – im körperlichen als auch moralischen Sinne – auf dem europäischen Schlachtfeld, das die Barbaren-Nazis hinter sich gelassen haben? Welche Brüderlichkeit, welche Liebe, welche Gerechtigkeit? Auf einem der plakativen Zwischentitel, an denen Kluge ihre grafische Ausdruckskraft mag, erscheint plötzlich ein entsetzlicher Satz, mit dem er den internationalen Aufmarsch der amerikanischen Arbeiterbewegung kommentiert: „Wird es Emanzipation (für wen und durch was) nach den Verwerfungen dieses Krieges geben?“ Die Metaphorik der immergrünen Pflanze und der Frühlingsblüte zieht sich durch den gesamten Film. In jenem Frühling der Niederlage sprießen wieder Blumen in der Hölle von Nürnberg, dem Versammlungsort der NSDAP. Grasbüschel, vermutlich fiktiv, wachsen um den Rand eines Bombenkraters. Vielleicht ernähren sie sich von der umgegrabenen Erde. Man wird feststellen, dass uns alles in der Gegenwart gezeigt und kommentiert wird. 70 Jahre zuvor hat sich die Welt wieder in Gang gesetzt, blühte die Natur erneut, aber für Kluge gebietet die Unsicherheit über die Lektion, die wir aus diesem Horror gezogen haben.

Tiefenbohrung eines Datums
Ein Kommentar von Joseph Hanimann

Neben den Daten, an denen Geschichte ruckartig in einem Ereignis sich entlädt wie am 14. Juli 1789 in Frankreich oder am 9. November 1989 in Deutschland, gibt es andere, an denen sie zögert und stockt. Der 30. April 1945, Tag des entscheidenden Selbstmords im Berliner Führerbunker, war auch in Griechenland, Norwegen, Saint-Nazaire, Grönland, Nürnberg, München ein 30. April – jedes Mal ein anderer. Beiläufiges, Kurioses, Wichtiges, Selbstverständliches kullert an solchen Tagen durcheinander, als wüsste die Geschichte nicht recht weiter. Bürgerkrieg auf der Akropolis? Dritte Internationale in Kalifornien? Wetterumschlag auf Grönland? Oder letzte Inspektion des Gärtners auf dem Nazi-Parteigelände in Nürnberg, jenes Mannes, der angeblich nie Uniform trug und statt ihrer nur die Gärtnerschürze ablegte? Während zwischen den schon blühenden Vergissmeinnicht in Nürnberg die ersten GIs die Siegesfahnen schwingen bzw. „herumlungern“, wie der Gärtner es sieht, lässt die Geschichte in einem kurzen Moment des Zögerns die Natur gewähren. Die alliierten Befreiungstruppen sind nur noch sechs Kilometer von der Innenstadt Münchens entfernt, eine neue Zeit wird beginnen. Doch verdient in diesem Moment auch das Grasbüschel, das am Rand eines Bombenkraters wächst, volle Aufmerksamkeit – und sei es, weil es an Albrecht Dürers berühmtes „Rasenstück“ erinnert. Woher die unter ihm aufgeworfene Erde kommt, ist für dieses Grasbüschel unerheblich. Das hat die Natur so an sich: In Gartenbeeten und Trümmerlandschaften gedeiht sie gleich gut, wie die Fotos von blühender Frühlingspracht inmitten der ausgebombten deutschen Städte des Frühjahrs 1945 zeigen. Uns Verehrern der Geschichtsmuse Klio ist eine solche Gleichgültigkeit eine Herausforderung, wir brauchen Hierarchien und Zusammenhänge. Sollte der durch die Bombe aus der Tiefe des Erdreichs geworfene Stoff für das Grasbüschel so nahrhaft gewesen sein, weil in der anderen Tiefe eines Berliner Bunkers eine Massenmörderexistenz gerade zu Ende ging? Tage wie der 30. April 1945 erinnern mit ihren wirren Ereignisspuren daran, dass Geschichtsbetrachtung aus lauter Hypothesen besteht, die einander ergänzen oder ersetzen, je nachdem, wie tief man bohrt.