Alexander Kluge Überwachung

Videoüberwachung als Vorwand des Staates, uns schützen zu wollen? Alexander Kluge lässt Jeffrey Clark, Mihail M. Sedow und andere Staatsgrößen auf ironische Weise zu Wort kommen.

 

Ein brandheißes Thema in Europa
Ein Kommentar von Jacques Mandelbaum

Aktuell im Goethe-Institut Paris: „Überwachung“ erweist sich als brandheißes Thema in Europa. Wer erinnert sich nicht an den jüngsten Abhörskandal der Streams National Security Agency (NSA), von dem die wichtigsten europäischen Partner der Vereinigten Staaten und insbesondere Angela Merkel höchstpersönlich betroffen waren? Alexander Kluge, als deutscher Staatsbürger, als kritischer Denker, als ein Mann des Wortes und des Bildes, konnte diesen Ereignissen gegenüber nicht gleichgültig bleiben. Sie bilden den Gegenstand seines zweiten filmischen Blogbeitrags, der das Verlangen des Künstlers nach dialektischen Diptychen bestätigt. Eine „ernste“ Ausstellung greift einer poetischen und clownesken Entwicklung vor, gleichwohl sie von nicht weniger Relevanz geprägt ist, als Ersteres.
Ein Gespräch mit dem Korrespondenten des Spiegel in New York, in einer lebhaften, aber unbestimmten öffentlichen Umgebung (eine Bar, ein Hotel, ein Restaurant?) füllt die ersten Minuten. Der Journalist weist im Wesentlichen auf den expliziten Kontroll- und demnach Beherrschungswillen der Vereinigten Staaten über den Cyberspace (sechs Millionen tägliche Ziele) hin. Kluge legt aus seinem Aufnahmestudio heraus nach und geht auf die Asyl-Frage des Informanten Edward Snowden ein. Begleitet wird er von imaginären Persönlichkeiten, auf recht vage und groteske Weise von ein- und demselben Schauspieler interpretiert. Das Lachen ist in der Tat bitter. Und mit ihm die Hypothese, dass das großartige Ideal der Demokratie, das Internet, in ein Gefängnis als geschlossenen Kreislauf führt. Der allerletzte Avatar einer repressiven modernen Macht, die überwacht ohne sich zu zeigen, so wie es Michel Foucault 1975 in seinem Buch Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses schrieb.

Schrankenlose Hoffnung
Ein Kommentar von Joseph Hanimann

Überwachung ist eine Macht, die – wie das Wort schon sagt – von oben kommt mit dem Anspruch, im Namen der Staatsautorität die Bürger vor Gefahren wie Terrorismus zu schützen. Sie wird in Alexander Kluges Film würdig von General Jeffrey Clark und Mihail M. Sedow verkörpert. „Durchdringung“ könnte man eine andere Macht nennen, die sich horizontal ins Konsumverhalten, Persönlichkeitsprofil und in alle digital erfassbaren Gewohnheiten des Privatlebens einschleicht, um sie auszuwerten. Anstelle der Staatsautorität stehen hinter dieser Macht Weltimperien mit bekannten Namen wie Google und Amazon. Seltsamerweise kommt sie in Kluges Film nicht vor. Liegt es daran, dass der Zeitgenosse von Berufsverboten und „Deutschland im Herbst“ während den Jahren des RAF-Terrorismus empfänglicher ist für staatlich hierarchische als für wirtschaftlich wendige und windige Machtstrukturen? Die größte Gefahr droht der Bürgerfreiheit, wenn Staatsüberwachung und wirtschaftsstrategische Datendurchdringung sich zusammentun, was heute ein Leichtes ist. Ideal eines solchen Systems wäre es, eine deckungs- und zeitgleiche Abbildung aller realen Vorgänge in der Welt, also den ganzen Heuhaufen zu haben, von dem laut Holger Starks Auskunft im Film der frühere NSA-Chef Keath Alexander gesprochen hat.

Gemessen an dem, was vorstellbar wäre, wirkt dieser Traum der perfekten Überwachung jedoch geradezu stümperhaft rudimentär. Nicht nur was tatsächlich passiert, sondern vorwegnehmend auch, was passieren wird und alternativ dazu passieren könnte, sollte ein Überwachungssystem wissen, etwa in dem Sinne, den Jorge Luis Borges in seinem Text „Die Bibliothek von Babel“ beschreibt. Es geht dort um eine Bibliothek, die alle irgend möglichen Kombinationen der existierenden orthographischen Zeichen enthält und in der also alles, was auf dieser Welt noch passieren kann, irgendwo schon aufgeschrieben ist. Das Problem wäre dann nur noch das sinnvolle Aussortieren und Durchscannen, das reale Leben hingegen schon fast überflüssig. Die Nachricht vom Bestehen dieser totalen Bibliothek habe bei den Leuten ein „überwältigendes Glücksgefühl“ ausgelöst, heißt es bei Borges: „Das Universum war gerechtfertigt, das Universum bemächtigte sich mit einem Schlag der schrankenlosen Dimensionen der Hoffnung“ – denn in jener Zeit sei viel von Rechtfertigung die Rede gewesen. Apologetische und prophetische Bücher würden fortan „für immer die Taten jedes einzelnen Menschen auf Erden rechtfertigen“. Einer der letzten Schlupfwinkel vor dieser schrankenlosen Hoffnung ist heute die internationale Zone des Flughafens von Moskau.

Übersprungshandlung in der Politik
Textbeiträge von Alexander Kluge

Ein dahinjagender Hund, der sich zwischen zwei widersprüchlichen Befehlen entscheiden muß, ändert nicht seinen Lauf, sondern dessen Richtung. Das nennt man Übersprung. Zwei Tage nach dem Angriff auf die Twin Towers am 11. September 2001 erschien vor New York die Schlachtflotte von Hawaii. Zeitzeugen hatten den Eindruck, daß die einst (im Jahr 1941) vom japanischen Überfall überraschte Armada hier zum Schutze der verwundeten Stadt aufgekreuzt sei. Es waren aber moderne Seefahrzeuge, die vor der Küste flottierten. Sie stellten den Versuch einer Antwort auf die Katastrophe dar, wie sie dem Pentagon rasch möglich schien. Übersprung heißt: Ein Reflex entgleist. Tatsächlich gab es kein Mittel der US-Politik, das auf den Angriff vom 11. September hätte antworten können. Erst die Verlagerung der Frage nach Afghanistan, also in eine andere Welt, gestattete den Einsatz der Kräfte.

»Auswanderung der Wirklichkeit aus der Politik«

Berry Zischler, Cousin des Schauspielers und Autors, fordert in seinem Aufsatz in der New York Times vom 29. Dezember 2010, daß »wir« (gemeint sind die amerikanischen Leser) »uns« nunmehr endgültig im 21. Jahrhundert einrichten müßten. Bisher hätten »die meisten von uns« geglaubt, die Geschehnisse seit 2001 seien »wie ein böser Traum«, also vorübergehend. Das 20. Jahrhundert kehre aber nicht zurück. Die Ohnmacht der Politik gegenüber den wie Territorialstaaten auftretenden Konzernen und Börsen, der UNWILLE DER MENSCHEN (deren Verzweiflung und Zorn), der sich in religiösen Neugründungen äußere, beweise, daß DIE WIRKLICHKEIT AUS DEM SYSTEM DER POLITIK AUSWANDERT. Zischlers Lebensgefährtin, welche für die Washington Post arbeitet, war anderer Auffassung. Sie verfaßte einen Gegenartikel, der am 2. Januar 2011 erschien. Darin fragte sie: Wenn die Wirklichkeit aus dem Politischen auswandert, was ist dann an der Wirklichkeit real? Die beiden Lebensgefährten wohnten in einem gemeinsamen Quartier in Manhattan. Einträchtig verlebten sie Weihnachten und Silvester – trotz ihrer Kontroverse.

Die Unverwüstlichkeit des Politischen

Wieder einmal hatte sich die Menschheit übernommen. Sie hatte den Großaffen in das Schiffsinnere verpackt, in der Hoffnung, sie könnten ihn von Afrika nach New York überführen, wo sie ihn im Zirkus oder auf einem Großgelände ausstellen wollten. Sobald es in der Lichterstadt ankommt, ist das Tier ein Vermögen wert, noch aber liegt Wasser dazwischen. Der Kapitän fürchtete sich. Noch war alles ruhig. Die zwei Bordkapellen spielten. Der Mann hatte ein schlechtes Gewissen. Eisberge zogen an den Salons des Dampfers vorüber. Es schien kalt dort unter den Eisstümpfen. Ähnlich wie Wurzeln haben die Eisberge Eisränder, die nach unten ragen – und wenn der Kapitän sein Schiff nicht hütet, schlitzen diese Unterwassermesser aus Eis den Blechkasten auf, der dann bitterlich zum Meeresgrund hin absinkt. Wie kann der Kapitän seiner Angst Herr werden? Eine scheußliche Lage, und die Nacht kommt erst noch ...!

16° Nord 88° West. Das war die Stunde von Kongs großer Macht. Wie einfach, dieses Schiff zu zerdeppern. Für eine Naturgewalt wie diese war das Schiff nicht gebaut. Draußen Blitze und Sturm. Im Schiffsrumpf in dieser Stunde die riesenhafte Natur. Im Heck zerspringen die Gläser.

In der Zeit des Kalten Kriegs

Die beiden möglichen Gegner waren beide Arztsöhne, hatten als Luftflotten-Stabsoffiziere in ihren Nationen Karriere gemacht. Der eine von ihnen amtierte in Leningrad, der andere im flachen Gelände bei Brüssel. Sie trafen sich während dieser Konferenz täglich in den klimatisierten Bars der Hotelkette.
Sie waren nicht einmal Konkurrenten (und hatten insoweit keine Gründe gehabt, einander zu bekämpfen), da ja die Hierarchieketten, denen sie angehörten, sich parallelisierten. Erhielt der eine mehr Machtmittel, erhielt sie auch der andere. Insofern standen sie zueinander wie Brüder.

Wie wir hier sitzen, täte es mir leid, sagte der Russe, der Hinweis war untergebracht in mehreren Häufchen Nonsens und Liebenswürdigkeit, wenn Sie auf einer großen zerstückelten Eisfläche als Brandopfer lägen. Er nannte eine Länge und Breite etwas nördlich von Süd-Grönland, also ein Nato-Gebiet, wo dies unweigerlich geschähe.
Sein Gegner hatte den Tip verstanden. Das ist alles Beruf, sagte er proforma. Sie können mich nicht erschrecken. Aber er glaubte dem »Feind«.

Einer, der zugehört hätte, hätte gesagt: Landesverrat. Aber es war auch vorweggenommene Kriegführung, da es gar keinen Zweck hatte, den Gegner erst in die Fallen laufen zu lassen, die an gewissen Punkten aufgestellt waren, wenn es genügte, ihn zu warnen, so daß er gar nicht erst angriff.

Der Russe hatte angenehm nervöse Schläfen. Augen, die immer wieder unsicher umhersuchten, wie man sie nur durch eine prekäre Kindheit in der gesellschaftlichen Oberschicht oder oberen Mittelschicht erwirbt, wenn man von Zärtlichkeiten kostet, die anschließend nicht wahr sind. Der aus Brüssel mußte im Alter von 12 Jahren dem russischen Gegner in vielen Bewegungsarten und Wünschen ähnlich gewesen sein. Beiden hingen die Hände herunter, wenn sie gerade nichts anfaßten, als wären die Glieder separat zum Körper entwickelt. Wenn einer sie kritisiert hätte, hätten sie übereinstimmend ausgesagt: um ihn auszuhorchen. Das taten sie ja auch. Sie horchten intensiv zum andern hin.