Alexander Kluge Vom Großen Krieg

Der Historiker Gerd Krumeich und der Unterhaltungskünstler Helge Schneider alias „der Trommler“ im Dialog mit Alexander Kluge. Kommentiert von Jacques Mandelbaum und Joseph Hanimann.

© Alexander Kluge │ dctp.tv
© Alexander Kluge │ dctp.tv

Vom großen Krieg
Ein Kommentar von Jacques Mandelbaum

Wie feiert man die 11 Millionen Todesopfer des Ersten Weltkriegs? Mit einem achtminütigen Video im Fall von Alexander Kluge, der seinen Blog über die deutsch-französischen Beziehungen in ihrem Gedenken beginnt. 100-jähriges Jubiläum verpflichtet. Und die Gelegenheit, das Tandem beinahe auf dem Gipfel nationalistischer Verherrlichung und gegenseitiger Abscheu zu erwischen.
Auch der Film ist zweigeteilt. Zuerst spricht der deutsche Historiker Gerd Krumeich, Experte für Jeanne d’Arc und den Ersten Weltkrieg. Er schlägt vor, die unergründliche Frage nach dem Warum, die vernichtende Fatums-These durch eine pragmatischere Feststellung zu ersetzen: den allseitigen Glauben an einen kurzen Krieg. Dann sieht man den Komiker und Musiker Helge Schneider in der Rolle eines deutschen Tambourmajors, der im Geschützfeuer von Verdun das Gehör verlor. Natürlich liegt alles in der merkwürdig-brutalen Zäsur, die diese beiden Momente verbindet: Kluge, wie Godard, mag denkende Formen. Beide Männer wurden im selben Studio gefilmt, in Großaufnahme, vor einer Leinwand. Und hier beginnen die Unterschiede: ein Standbild mit idyllischer Landschaft für den Historiker, schwarz-weiße Kriegsfilmausschnitte für Helge Schneider. Eine Figur spricht, die andere schweigt. In Wirklichkeit ergänzen sich die beiden Einstellungen, so wie der Krieg im Schützengraben und der Bewegungskrieg, so wie das den Archiven entnommene Wissen (der Verständnisfehler der Generalstäbe) und das Erahnen einer sinnlichen Erfahrung (der Krieg als ohrenbetäubende innere Musik).

Helge Schneider, in Frankreich nahezu unbekannt, kennt man in Deutschland unter anderem für seine meisterhafte Imitation des tauben Beethovens und die Darstellung des Adolf Hitler in Daniel Levys Filmparodie Mein Führer (2007). Für alle, die es verstehen, liegt Kluges kleines Stück über den Großen Krieg irgendwo zwischen diesen beiden Polen.

Kriegsanfänge
Ein Kommentar von Joseph Hanimann

Dem „Durchfall des Geistes“, der im Lauf der Kriegsjahre an der Front die Worte wie Blut durchrinnen ließ und das Verhalten der Beteiligten immer schwieriger machte, stand hinter der Front etwas anderes gegenüber. „‘s gibt nur an Durchhalter!“ - spottete Karl Kraus ein halbes Jahr nach dem Tod August Stramms im April 1916 angewidert über den selbstzufriedenen „Entbehrungsschmock“ der Wiener. Bei keinem anderen der kriegführenden Völker habe das Hinnehmen der Brotkarten und des nur noch erinnerten Geschmacks von Wiener Gebäck so viel sittlichen Stolz ausgelöst. Der Erfindungsreichtum, mit dem das enthusiastische Losmarschieren nach der Mobilmachung im August 1914 allmählich in Ausharren und Durchhalten überführt wurde, half den Soldaten immerhin, den Krieg vier Jahre in die Länge zu ziehen. Wo auf dem Schlachtfeld kein entscheidender Durchbruch möglich war, musste jeder auf seine Weise sehen, wie er selber durchkam. Wem es 1914 nicht vorläufig – Karl Kraus setzte mehrere Monate lang das Erscheinen der „Fackel“ aus – oder endgültig die Stimme verschlug (die französischen Schriftsteller Alain-Fournier und Charles Péguy sowie der deutsche Maler August Macke fielen als Soldaten gleich im September 1914), der bekam es mit den Problemen der Dauer zu tun. Nur kurze Kriege sind gute Kriege. Immerhin hatten die Weltkriege des 20. Jahrhunderts noch eine Dauer.
Wie lange dauern aber die Kriege unseres neuen Jahrhunderts? Die Minister und Generalstäbe versprechen wie jene vor hundert Jahren, der Einsatz werde gezielt, effizient und kurz sein, man müsse „nur mal kurz Ordnung schaffen“. Und doch stehen wir schon mit lauter angefangenen Kriegen da, in Afghanistan, im Irak, in Libyen, in Mali, und mit dem ständigen Trommelfeuer, das wir vor lauter Lärm schon gar nicht mehr hören.

„Sterbensstandard“
Ein Kommentar von Alexander Kluge

In den letzten drei Tagen seines Lebens war der Dichter und Bataillonschef August Stramm in Rußland, trunken von Adrenalin, an der Spitze seiner Leute marschiert. Der Enthusiasmus des Vormarsches, aus den Karpatenpässen heraus und in die Ebene hinein, das gemeinsame energische Tun, kontaminierte die Geister (= Wetteifer, Tüchtigkeiten). Der Elan hatte den Lyriker und Kriegskenner (aber mit wieviel Haß hatte er schon dieses Monster besungen!) dazu gebracht, immer unvorsichtiger zu werden. Schon leugnete er den Feind und hielt sich selbst für „schußfest“. Den Tornister trug er vor der Brust als eine Art Schutzwehr. So traf ihn die Maschinengewehrgarbe, abgefeuert aus einem Sumpfgelände, in dem keiner der vordringenden Soldaten einen Gegner vermutet hätte. Wäre der mobile Hauptverbandsplatz, der noch in den Bergen lag, wie am Vorabend befohlen, der Front nachgerückt, hätte ein Militärarzt den Mann, dem die Formulierungen im Kopf erstarrten (aber die Worte „Schmiervogel“, „stracks“ und „dunkelwärts“ suchte er sich noch zu merken), wenigstens in Teilstücken und als Trümmer retten können.
Im frontnahen Hauptverbandsplatz aber, der zur k.u.k. Etappe gehörte, hatten Ärzte, Pflegepersonal und Transporteure am Vorabend kameradschaftlich gebechert, so daß ein früher Aufbruch am Morgen des Kampftages nicht in Betracht kam. Aus diesem Zögern heraus und nicht aus den Verletzungen folgte Stramms Tod. Die kooperative Spiritualität, die ihn in seinen letzten Tagen hingerissen hatte, war ihm aus den schußbegründeten Öffnungen in seiner Haut davongeströmt, DESERTEURE DER LEBENSKRAFT. Was so aussah, als beginne es zu eitern, war schon nicht mehr als Blut zu bedichten (das irgendwann gerinnt), sondern ein unablässiges Versickern, ein DURCHFALL DES GEISTES, so daß Stramm gleichgültig und unkämpferisch in Bezug auf sein Leben auf dem Hauptverbandsplatz ankam, wo ein Ärztevertreter ihn kurz betrachtete. Die Sanitätskolonne war jetzt aber bereits mit ihrem Aufbruch zur Front beschäftigt.