Alexander Kluge Bankrott, Dr. Mabuse und die Farce

Laut Alexander Kluge sind die Fakten der Finanzkrise an unseren Augen vorübergezogen, das zugehörige Narrativ ist gewiss nicht zu Ende erzählt. Hier einige Geschichten, über die Rheingrenze hinübergeschaufelt.

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Zwei Seiten des Wortes Bankrott
Ein Kommentar von Alexander Kluge

Aus Hamburg ist Julia Laura Rischbieter, eine Wirtschaftshistorikerin, angereist. Sie soll über Bankrotte sprechen. Sie beginnt aber nicht mit diesem Ausdruck, sondern mit dem Wort »Scheitern«, das sich vom Schiffbruch ableitet.

Zahlreiche Konkurse in der Frühzeit des Kapitalismus sind dadurch verursacht, daß Handelsschiffe verlorengehen. In dem Wort steckt aber auch die Vorstellung, wie das sorgsam aus Holz gefügte Seefahrzeug einen Felsen rammt und, zerschreddert, in den Wogen verschwindet – das sei, so Rischbieter, das Bild für das Scheitern einer Firma.

Warum grenzen Sie Scheitern eines Unternehmens, also Insolvenz, vom Bankrott ab? Weil das Zerschlagen des Ladentisches und damit der Existenz eines italienischen Geldwechslers um 1500 zwar eine Rechtsfolge, aber keinen strafrechtlichen Vorwurf enthält. Im Deutschen hat Bankrott, so Rischbieter, einen anderen Akzent. Bankrott ist ein Insolvenzdelikt. Es bezeichnet die betrügerische Überschuldung. Das ist etwas anderes als das Scheitern eines Schiffes. Julia Laura Rischbieter bedauert die Moralisierung und die Strafbarkeit, die sich auf jede Insolvenz bezieht, wenn man Bankrott sagt. Sie zieht es vor, wie es umgangssprachlich möglich ist, jede Zahlungsunfähigkeit eines Schuldners als Bankrott zu bezeichnen. Sie nennt das »einen Neuanfang aus Geldmangel« und nicht ein Vergehen.

An einem bestimmten Punkt des Unglücks angekommen, geht es nur noch darum, wer es beendet
Ein Kommentar von Alexander Kluge

Schwer wie ein Stein lag das Herz in seiner Brust. Wie sollte er sich noch ausdrücken? Für Sentimentalität und Abschiedsworte war er nicht gerüstet. Er legte sich am zweiten Werktag des Jahres 2009 an selbstgewähltem Ort, den er, der sonst immer gefahren wurde, zu Fuß erreichte, auf die Schienen der Regionalbahn. Der Triebwagenführer des Regionalzugs, der in einer Kurve den Berg zu umfahren hatte, würde ihn zu spät sehen. An sich stand dieser Mann, ein Jurist und Milliardär, Sohn und Enkel von Unternehmern, nicht vor dem Ende aller Aussichten. Noch besaß er Gefährten. Und von seinem Vermögen würde ein letzter Rest bleiben, mit dem ein Neubeginn möglich wäre. Was er sich nicht verzieh, war, daß er in den letzten Tagen des »Dezemberfiebers« die Verträge unterschrieben hatte, welche die Banken ihm vorlegten. Er hatte seine Unbeugsamkeit unterschätzt. Er besaß »ein Herz aus Stein«.

Nach dem ägyptischen Pfortenbuch hat das STEINHERZ zwei Aufgaben: Es wird nach dem Tod auf der großen Standwaage gegen das Steingewicht der Maße WAHRHEIT, RECHT und ORDNUNG abgewogen; es darf nicht für zu leicht befunden werden. Zum anderen hat es die Funktion, die Verfehlungen des irdischen »Fleischherzens« unbeirrbar zu leugnen; dazu hilft ihm seine steinerne Natur.

Die konzertierte Gleichgültigkeit, die ihm bei den rasch aufeinanderfolgenden Terminen der Dezemberkrise gegenübertrat, entsetzte ihn. Bis dahin hatte er Gespräche jeweils mit einem einzelnen Gegenüber, dem Bankhaus, geführt. Er hatte es mit Personen zu tun gehabt, die er einzuschätzen wußte und durch Zugeständnisse oder den Hinweis auf einen Nachteil für die Gegenseite zu Kompromissen veranlassen konnte. Anders die Versammlung von jeweils mehr als zwanzig Vertretern unterschiedlicher Banken, die wie eine GESAMTHAND ihm und seinen Mitarbeitern jetzt gegenübersaßen. Das waren keine Chefs. Jeder achtete auf die Schritte des anderen; alle gemeinsam standen sie unter dem Joch ihres gegenseitigen Mißtrauens. Auf der Suche nach Schadensvermeidung blieben sie unbeweglich.

Nach seiner Unterschrift unter die Verträge, in einem Anfall von Angst, die er in seinem Leben sonst bisher nicht gekannt hatte, folgte die UNWIRKLICHKEIT DER FESTTAGE. Wenn es um den Untergang seines Reiches ging, eine Fehlerkette, die er sich nicht verzieh, gab es nichts zu feiern. Die Anzahl von Samstagen und Sonntagen sowie gesetzlichen Feiertagen war zum Jahreswechsel 2008/09 wie im Krisenjahr 1941: Es war die mögliche Höchstzahl an ausfallenden Werktagen (wenn nämlich Heiligabend auf einen Mittwoch fällt, gibt es wie in der damaligen Krise nur drei Arbeitstage zwischen dem 24.12. und dem 5.1.). Nur an Werktagen hätte er noch etwas retten können.

Die Firma war seit 1881 in drei Generationen mit viel Zeitaufwand aufgebaut worden. Eine einzelne Fehlspekulation von 300 Millionen Euro, die er sich in der Übernahmeschlacht Porsche versus Volkswagen AG hatte »zuschulden« kommen lassen – eine Wette hätte sie ausgehalten. Man vergleicht die Aktivseite und die Passivseite einer Bilanz. Hinzu kommen aber die Aktivseite und die Passivseite der investierten Lebenszeit. Hinzuzurechnen ist der gute Wille. In dieser Hinsicht war sein Zusammenbruch innerhalb von drei Monaten ein »unwirkliches Phänomen«.

Wieso aß er überhaupt noch? Wieso schlief er in den Nächten dieser unnützen Feiertage? An einem bestimmten Punkt des Unglücks angekommen, geht es nur noch um die Frage, wer es beendet.

In den Wetterberichten des Tages war die Rede von einem plötzlichen Schneeeinbruch in der Bundesrepublik mit Verkehrschaos in Nordrhein-Westfalen. Dort, wo der Mann in Richtung seines Ziels voranschritt, empfand er nur kalte Nässe, ein Durchschnittswetter.

Die Farce
Ein Kommentar von Jacques Mandelbaum

Die, gelinde gesagt, minimalistische Form von Alexander Kluges Fernseh- und Digitalproduktion (im Wesentlichen Interviews im Studio oder anderen Innenräumen) scheint jegliche Bemühungen um einen ästhetischen Kommentar zu unterbinden. Müssen wir uns also darauf beschränken, nur über den Inhalt seiner Videos zu sprechen? Da dieser niemals uninteressant ist, wäre das nicht besonders schlimm. Aber damit geben wir uns nicht zufrieden, denn man kann keinen Inhalt korrekt erfassen, wenn man seine Darstellungsform außer Acht lässt. Durch die beiden geposteten Videos ist natürlich jedem klar, dass es dem Autor um die geheime Macht geht, den Einfluss eines unheilvollen, verderblichen Geistes auf die Welt, den Doktor Mabuse und der Finanzkapitalismus gemeinsam haben. Doch da ist noch mehr. Kluges so sanfte und eindringliche Stimme am Rande, wenn er mit seinen Gesprächspartnern diskutiert. Sein konstanter Hang zum Agitprop-Stil. Ebenso seine Vorliebe für Diptychen. Hier, im vorliegenden Fall, Fritz Langs Figur, farcenhaft dargestellt und ins Lächerliche gezogen durch den Schauspieler und Musiker Helge Schneider, und der Philosoph Joseph Vogl, der genau beschreibt, wie das Voranschreiten des Kapitalismus, sein rasendes Verbrennen der Welt, seine grundsätzliche Irrationalität, den zeitgenössischen Geist des Bösen verkörpern. Dabei denkt man natürlich an Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, Marx’ berühmten Text von 1851: „Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Alles ist gesagt. Mabuses Größe, das Genie des Bösen, verkörperte sich in einer weltweiten Tragödie. Die Mittelmäßigkeit seiner Nachfolger – die, vom Profit verblendet, Systemkrisen auslösen –, die Leere aller Substanz, ist eine finstere Farce.

Konjunkturkrise des Bösen
Ein Kommentar von Joseph Hanimann

Wir haben in diesem Film einen etwas frustrierten Doktor Mabuse vor uns. Das Netz seiner Macht, das er von Brasilien bis Kasachstan geschickt um die Welt gespannt hat, ist ihm von den Drahtziehern der Globalisierung sanft entwendet worden. Sie sind gerissener, diskreter, effizienter als der Bösewicht mit Frack, Zylinder und Fliege. Vor allem kommen sie ohne das Abgründige, Unheimliche, Teuflische aus, das zu seinem Erscheinungsbild gehört. Das nicht kleiner gewordene Böse in der Welt ist für sie eine Panne oder eine Fatalität, mit der man leben bzw. die man beheben kann. Das Unternehmen des Dr. Mabuse steckt in der Krise.

Oh, gewiss, ein paar prominente Ungeheuer gibt es immer, wie einst Saddam Hussein oder Gaddafi, so heute vielleicht den Syrer Baschar Al Assad. Mit ihrer Brutalität sind sie aber eher die den Kräften der Globalisierung nützlichen bösen Trottel, gegen die man sich mobilisieren muss. Zu diesem Zweck wird wohl mitunter sogar Dr. Mabuse geholt und als Berater auf einen G-20-Gipfel bestellt. Doch ist den Leuten das, wozu er rät, schnell auch wieder zu böse, wie er in der Vorschau auf seinen 12. Remake sich beklagt.

Er ist einer der letzten Dialektiker, der um die Bedeutung des Bösen für das Gute weiß. Jenes wird gebraucht, damit dieses auf der Welt in Erscheinung treten und die Wirtschaft wie durch eine leitende Energie in Gang bringen kann. Man müsse das Boshafte und Verbrecherische aus den Dingen herauskitzeln, behauptet er. Darin liegt seine Kraft, die aus dem Verborgenen wirkt und ihn zu einem Vetter des ebenfalls inkognito arbeitenden Übel- und Wohltäters Rumpelstilzchen aus dem Grimm-Märchen macht. Er hat aber auch noch einen anderen Vetter: den im Unterschied zu ihm weiterhin sehr gefragten Mephistopheles, der bei Goethe viel gelernt hat, insbesondere dies, die Kraft zu sein, die stets das Gute will und das Böse schafft.

Er tut uns ein bisschen leid, dieser Mabuse, wie er da auf sein Kino-Comeback hin fiebert, sich mit der Jingle-Melodie auf dem Klavier – „Ich bin Dr. Mabuse“ –selber Mut macht, aber nicht mehr recht daran glaubt und schon an Berufswechsel denkt. Das Sicherheitsdenken in allen Dingen sei heute das wahre Böse, meint er. Wenn das nach den großen Auftritten bei Fritz Lang, Werner Klingler, Claude Chabrol und den anderen die Botschaft seines nächsten Auftritts sein soll, dann Adieu mit dem Erfolg für seinen zwölften Remake. Für den dreizehnten sollte der Hypnosekünstler es statt mit dem großen Verbrechen vielleicht wieder einmal ganz klein mit jener Unanständigkeit versuchen, die unter den Bedingungen der Globalisierung in der Regel unsere Erfolge und Siege begleiten.