Alexander Kluge Zum Thema Grenze

Grenzkontrolle eines Liebespaares in der Zeit vor Schengen
© Alexander Kluge │ dctp.tv

In dem Blog des Goethe-Instituts Paris mit der dctp Düsseldorf geht es dieses Mal um Grenzübertritte. Ganze Kontinente und Halbkontinente, wie Brasilien und die USA, sind aus freiwilligen und unfreiwilligen Migrationen entstanden. Für die Ureinwohner war das verheerend. Für die moderne Welt ist es konstituierend.

Die Hugenotten aus Frankreich und die lange Kolonne der flüchtenden Protestanten aus Salzburg brachten die Länder, in die diese Migranten gelangten, um 50 Jahre voran. In Goethes Hexameter-Epos Hermann und Dorothea geht es um Flüchtlinge, die vermutlich einer unterlegenen Fraktion aus der französischen Revolution stammen. Die große Verserzählung hat einen glücklichen Ausgang. Der Findling von Heinrich von Kleist zeigt dagegen die katastrophalen Folgen guter Taten gegenüber Fremden, wenn solche Taten aus einem sentimentalen Augenblicksimpuls folgen und oberflächlich bleiben.
 
Zum Thema „Grenze“ vier Geschichten und vier Filmausschnitte.

Wie fängt man an der EU-Grenze das Böse ab?

Wie wollen Sie das wahrhaft Böse hindern, die Grenzen zu unserem Europa zu überschreiten, Herr Kriminalrat?
 
Das könnten wir nicht.
 
Und warum nicht?
 

Weil wir es nicht erkennen würden.
 
Was kennzeichnet denn äußerlich das wahrhaft Böse?
 
Zum Beispiel einhundertfünfzig Selbstmordattentäter, die mit Pocken infiziert auf verschiedenen Wegen aus dem Morgenland einreisen, zumeist mit Luftlinien. Sie dringen in die Großstadt ein, sie könnten die Bevölkerung Europas ausrotten.
 
Vielleicht würden wir einzelne davon erkennen. Wenn sich die Zeichen der Infektion zu früh zeigen. Schon im Flugzeug Schwitzen, Husten, Ausschläge. Andere Täter liegen zweifellos in ihren Hotels. Das Personal sieht nach ihnen, ruft Ärzte herbei. Haben wir einen oder zwei der Täter, beginnt eine umfassende Suche.
 
Und käme der Böse selbst?
 
Wer sollte das sein?
 
Wie es in den alten Texten heißt, wird Luzifer in einem gewissen zeitlichen Abstand vor dem Jüngsten Tag auf Erden eintreffen. Warum also nicht in Europa?
 
Wir hatten einmal einen Fall, dass sich ein Einreisender, der uns verdächtig schien, beim Verhör als Dr. Emil Teufel vorstellte. Er hielt sich für den Teufel.
 
Konnte es aber nicht nachweisen?
 
Überhaupt nicht. Wir setzten ihn in das nächste Flugzeug nach Dakar.
 
Geheimdienstlicher Außenposten der EU auf den Petersilieninseln - Vorschaubild
Film: Geheimdienstlicher Außenposten der EU auf den Petersilieninseln

Kleist und die Frau auf der Flucht

Episode aus der Zeit der Revolutionswirren in Frankreich

Auf ihrer Flucht aus Frankreich strandete in ihrem Jagdzweisitzer meine Vorfahrin Caroline Granier, spätere Frau Glaube, weil ihr die Pferde durchgingen. Der Unfall ereignete sich am Eingang des Städtchens Hohenspeyer. Es gelang Soldaten und Offizieren des preußischen Garderegiments Nr. 15, das Gespann aufzuhalten, die gefährdete Frau zu retten. Einer der Offiziere schien meiner Vorfahrin aufgeregt und davon besessen, den Vorfall gründlich nachzuerzählen. Es sei niemals leicht, äußerte er lebhaft, sich aus einem dahinrasenden Wagen zu retten. Das sei ja soeben noch ihr unmittelbares Problem gewesen, warf meine Vorfahrin ein. Die Natur gibt uns ein, in Richtung des dahinjagenden Vorderrads zu springen, habe der Offizier weitergeredet (praktisch ein Junge). Die Kraft des Sprungs aber, die des rasenden Fahrzeugs und die irritierende Kraft der Trägheit, die gerade jetzt im Dahinflug der Katastrophe ihre Macht beweise, werde jeden Sprung aus dem Fahrzeug aus der geplanten Geraden in die Diagonale lenken, und so erfaßt statt der erwünschten Rettung das Hinterrad die Springerin, wirft sie dem Vorderrad zu, von dem die Person abprallt, woraufhin sie vom Hinterrad zermalmt wird. Entgegengesetzt zur natürlichen Regung, sich nach vorn zu stürzen, sei es vielmehr richtig, das Glück in Richtung des Hinterrads zu su­chen; selbst wenn man dieses streife, werde man zur Seite geworfen und lande unsanft, aber lebendig am Wegesrand. Das war ja nun nicht nötig, erwider­te Caroline Granier, weil Sie und Ihre Kameraden mir so freundlich halfen. Der erzählerisch gestimmte Jungoffizier war noch nicht geneigt innezuhalten und entwickelte eine Theorie der Radnabe, die schon dem König Pelops vom Peloponnes zum Verhängnis geworden sei, weil er die Radnabe eines Riva­len mit Wachs ersetzte, diesen so tötete und damit eine Schuld auf sich lud, die auf alle Nachkommen seines Geschlechts weiterwirken mußte. So sei die Radnabe des Geschicks, immer parallell laufend, oft hartnäckiger als die von Handwerkern gefertigte Nabe selbst. Meine Ahnin, die noch vor Abenddäm­merung Trippstadt erreichen wollte, dankte der Runde vor ihrem Abschied. Der redselige Offizier bohrte sich zu diesem Zeitpunkt in eine mathematische Frage, die immer noch die optimale Sprungrichtung betraf, dann aber auf die Rettung aus einem sinkenden Schiff überging. Das Problem sei in einem sol­chen Fall, dem vom Untergang des Schiffes erzeugten Sog zu entkommen. Er hatte Skizzen auf die Tischplatte eingeritzt mit der Darstellung eines Kräfte­parallelogramms und mehrerer Pfeile. Das Militär verhielt sich rücksichtslos gegenüber dem einheimischen Mobiliar.

 
Grenzkontrolle eines Liebespaares in der Zeit vor Schengen - Vorschaubild
Film: Grenzkontrolle eines Liebespaares in der Zeit vor Schengen
 
Boat People. Ausschnitt aus der Grand Opera, Vasco da Gama - Vorschaubild
Film: Boat People. Ausschnitt aus der Grand Opera, Vasco da Gama

Revolutionärer Grenzverkehr

In dem Ort Rußlands, von dem die verzweigten Wege des illegalen Grenzübertritts ausgingen, hatten einige der deutschen Agenten die Revolutionärin Rosa Luxemburg als Übertrittswillige erkannt. Sie hielten sie aber für unbeachtlich, weil sie eine Frau war und weil sie die revolutionäre Potenz ihrer Schriften, die sie gesammelt und überflogen hatten, nicht für relevant hielten. So überließen sie die Kontrolle den Zolldienststellen, welche die Wälder überwachten.

Der Zug der Einwanderer bewegte sich über die Waldpfade ins Deutsche Reich. Bald war Rosa Luxemburg Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und hätte nur mit unverhältnismäßigem Aufwand deportiert werden können.

Ein Hohenzollernsproß an Spaniens Küste

In einem Schlauchboot an der Küste westlich von Alicante wurde ein Leichnam gefunden, ums Leben gekommen bei dem Versuch, die europäische Küste zu erreichen. Die Untersuchungen ergaben, einschließlich gentechnischer Ergebnisse, daß es sich um einen direkten Nachkommen der Hohenzollern handelte.

Der Sohn Kaiser Wilhelms I., späterer Hundert-Tage-Kaiser Friedrich III., der Kronprinz Friedrich, war Delegierter des Deutschen Reiches bei der Eröffnung des Suez-Kanals. Seine Yacht fuhr zunächst vor Port Said, später im Suez-Kanal mehrere Wochen auf und ab. Eine spezielle Organisation des gastgebenden Khediven von Ägypten sollte für Unterhaltung sorgen. So erhielt der Kronprinz von Preußen durch Vermittlung eines islamischen Händlers eine eingeborene Geliebte, eräugt durch das Bullauge der Staatsyacht, wie sie auf einem Boot herangeschafft wurde, mit Bescheinigungen, daß es sich um eine Nachfahrin der Prinzessin Aida handele, eine äthiopische Schönheit. Sie gebar dem Kronprinzen einen Sohn. Aus dem Blut Friedrichs des Großen. Ein Kind der Liebe, empfangen in der Stimmung jener Tropennacht, in welcher der Fürstensohn in seiner Yacht, dampfgetrieben, im Suez-Kanal auf und ab fuhr.

Die Nachkommen dieses Jungen wanderten später von Addis Abeba nach Westafrika. Ein Urenkel war der Tote, der bei Einreise in die Europäische Gemeinschaft vor Alicante scheiterte.
 
Zirkusdirektoren Leni Peickert bringt ihre Elefanten über die Grenze in Sicherheit
Film: Zirkusdirektoren Leni Peickert bringt ihre Elefanten über die Grenze in Sicherheit
 

Für oder gegen die Abschaffung aller Grenzen?

Ein Kommentar von Joseph Hanimann
 
Señor de Guzmán, der spanische Hüter der Petersilieninsel, und sein marokkanischer Kollege können in ihrem geruhsamen Arbeitsalltag ungestört weitermachen. Damit wäre es beinah vorbei gewesen. Hätte Frankreich seine nach den jüngsten Terrorattentaten geplante Verfassungsänderung zur Ausbürgerung terroristischer Staatsbürger umgesetzt, wäre die Petersilieninsel die geeignete Antwort gewesen auf die Frage: Und wohin mit jenen Ausgewiesenen, die keinen anderen Pass als den französischen haben? Dorthin, wo zwei Staaten wachen und durch die Verdoppelung des Hoheitsanspruchs das Hoheitsgebiet neutralisieren – das hätte eingeleuchtet. In die Idealheimat für Staatenlose. Guzmán und sein Kollege hätten dann alle Hände voll zu tun bekommen. Denn Grenzen als Ziel- statt als Durchgangsort, das hat Zukunft, nicht nur für Terroristen.
 
Es ist zugleich ein Gegenmodell zum Traum von der Abschaffung aller Grenzen, der heute so viele beflügelt, von den Ärzten, den Krankenschwestern, den Reportern bis zu den „Anwälten ohne Grenzen“. Wann ist die Zeit reif für die Grenzwächter ohne Grenzen? – spottete Régis Debray. Dann, wenn statt des terroristischen der revolutionäre Grenzverkehr wieder in Gang kommt. Wenn wieder möglich wird, worüber Alexander Kluge in seinem Blog-Text oben berichtet: dass Rosa Luxemburg am Übergang zwischen Russland und Deutschland einfach durchgewinkt wurde, oder wenn das eintritt, was Kluge in einem anderen Text unter dem Titel Ingeborg Bachmanns Grenzübertritt geschildert hat: Der ohne Reisepass, ohne Fahrkarte und ohne Geld an der deutsch-deutschen Grenze ankommenden Dichterin hätten die DDR-Beamten auf Anweisung ihrer Ostberliner Behörden die Durchfahrt nach Westberlin dennoch gestattet und, um den Befehl sachgerecht umsetzen zu können, ihr auch eine Fahrkarte besorgt.
 
Mit dieser Aussicht würde man sogar den Rückfall in die Zeit vor Schengen halbwegs verschmerzen: in die Epoche, wo ein Grenzpolizist bei der Kontrolle eines Liebespaars sich mit dem Lippenstift der Frau die Hand blutrot verschmierte und sonst weiter nichts war. Doch leben wir, wie schon Giacomo Meyerbeer in der Oper L’Africaine vorführte, in einer komplizierteren Welt, die den Grenzgängern und Migranten nicht nur mit Polizeibeamten, sondern auch mit Seestürmen, Wirtschaftsüberlegungen, Staatsraison, Quoten, Hot Spots, internationalen Verträgen, nationalen Abschottungsobsessionen den Weg versperrt. „Esclaves, approchez…“, befiehlt der Kolonialherr in Meyerbeers Oper den Menschen, die in die Papierschiffchen springen. „Entfernt euch, ihr Fremden…“, brummt heute vielenorts die Volksmeinung, die der Grenzsicherung durch Frontex nicht mehr traut. So werden statt der Grenzen die alten Schmuggelpfade wieder beschritten, auf denen einst so viele Dinge hin und her gingen, selbst die Elefanten, die in Kluges frühem Film Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos aus dem Jahr 1968 von der Zirkusdirektorin Leni Peickert aus ihrer natürlichen in die zivilisatorische Freiheit geführt werden sollten. Leni Peickert war eine Idealistin. Die modernen Schlepper haben ihre Idee kapitalistisch umgedreht und aus dem Hoffen an der Grenze ein Geschäft gemacht.