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Kultur und Krise
Ein „glückliches“ Paar?

Bücher für einen Euro
Bücher für einen Euro | © David Benedicte

Schriftsteller, Musiker, Malerinnen, Graffiti-Künstler, Schauspielerinnen … allesamt Berufe, die von Finanzmarkt-Crashs scheinbar unberührt bleiben. Sie ergreifen das Wort, um an eine bedrückende Zeit zu erinnern, deren Auswirkungen auch heute, über sechs Jahre später, noch zu spüren sind.

Von David Benedicte

Manuel Vilas Manuel Vilas | © Lisbeth Salas „Wahre Nationen schaffen Kultur“, behauptet der Schriftsteller Manuel Vilas, dessen letzter Roman, Ordesa, sich weiter in den Bestseller-Listen hält, „und diese Vorstellung, wir müssten andere Dinge produzieren, ist grundlegend falsch. Die Hegemonie Frankreichs bis zum Zweiten Weltkrieg beruhte auf Kultur. Die der USA ist kultureller Natur. China ist uns ziemlich egal, weil von dort keine Kultur kommt. Kannst du einen Chinesen aus der Beatnik-Generation zitieren? Wer ist der chinesische Clint Eastwood? Gibt es alles nicht. Nur die Regierenden in Spanien, vor allem aus dem rechten Lager, meinen, Kultur lohne sich nicht.“

Tito Expósito Tito Expósito | © Inma Luna „Unser ‚Aufschwung‘?” fragt Tito Expósito, der Verleger von Baile del Sol (Sonnentanz), und fügt hinzu: „Ich meine, eine Sozial- und Wirtschaftspolitik, die die Mehrheit der Menschen in den Blick nimmt, so wie in Portugal in den letzten Jahren, würde die so ersehnte Erholung herbeiführen. Und damit sich das Leseverhalten verbessert, müsste man in den Schulen eine Bildung fördern, die altersgerecht die entsprechende Literatur vermittelt, eine, die fesselt, die zugleich aktuell und kritisch ist.“

Nach dem Sturm

César Strawberry César Strawberry | © C. S. César Strawberry, der Sänger der Metal-Rap-Band Def Con Dos beschreibt die schwierigsten Jahre: „Wie alle anderen hat auch diese Krise eine Art der natürlichen Auswahl bewirkt, in der nur die Stärksten überleben. Die Jahre 2012 und 2013 waren aus meiner Sicht katastrophal. Aber da gibt es so ein nicht kalkulierbares Element, das die Magie des Unvorhersehbaren auf die Musik überträgt. Vetusta Morla, Riot Propaganda und Pablo Alborán sind junge Künstler, die mitten in der Krise bekannt geworden sind und bei allem Gegenwind richtig abgeräumt haben.“


Juan de Dios Juan de Dios | © Marco Flores „Für die Plattenindustrie war das wirklich ein heftiger Sturm,“ meint der Musikproduzent Juan de Dios Martín, der in Los Angeles (USA) lebt und die Szenerie mit reichlicher Distanz betrachtet, „aber diese Entfernung hilft einem auch zu sehen, dass der spanische Musikmarkt ziemlich endogam ist; es ist nicht so einfach, den vorgezeichneten Kreisen zu entkommen.“

Marina Anaya Marina Anaya | © M. A. „Die Kunstwelt hat ordentlich was abbekommen“, gesteht die Malerin Marina Anaya, „und auf einmal wurden die bis dahin bezahlbaren Kunstwerke nicht mehr so bezahlbar. Auf dem Weg, den wir schon gut beschritten hatten, die Kunst als Anlage  für ein breites Mittelschicht-spublikum zu etablieren, war das ein echter Rückschritt. Andererseits macht dich die Krise als Künstler auch fitter, du wirst ein bisschen raffinierter beim Planen deiner Projekte.“


Pastron#7 Pastron#7 | © P#7 „In meinem Fall war das ein tiefer Einschnitt in meinen Lebensstil und sogar in meine Kunst“, fügt der Graffiti-Künstler Pastron#7 hinzu. „Vor der Krise gehörte ich zu denjenigen, die die meisten Graffiti-Ausstellungen in Spanien organisiert haben, in Zusammenarbeit mit Labels aus dem Umfeld der Hip-Hop-Kultur, mit Medien und anderen Institutionen. Wir können keine Graffiti-Kurse für die ganz Jungen mehr anbieten, weil es kaum Geld dafür gibt, aber wir werden auf dem Markt für zeitgenössische Kunst immer ernster genommen.“

Consuelo Durán Consuelo Durán | © Sfhir und Frodo Álvarez „Die Online-Galerien bringen die Kunst zu den Leuten“, erklärt Consuelo Durán, Direktorin des Auktionshauses Durán Arte y Subastas, „da kann man Grenzen einreißen und die Arbeiten der aufstrebenden Streetart-Künstler in digitaler digitalen Umgebung präsentieren. Kein Zweifel, die Leute kaufen jetzt wieder mehr Kunst als in den schlimmen Jahren. Es sieht so aus, als würden wir die Krise tatsächlich hinter uns lassen.“

Für eine reduzierte Mehrwertsteuer

Clara Sanchis Clara Sanchis | © Smedia Die Schauspielerin Clara Sanchis skizziert eine weniger optimistische Einschätzung, was ihren Beruf betrifft: „Es ist alles völlig den Bach runtergegangen. Viele sehr gute Leute sind auf der Strecke geblieben. Die Mehrheit derer, die das beruflich überlebt haben, mussten Jobs annehmen, die so schlecht bezahlt wurden, dass es kaum bis zum Monatsende reichte. Ich selbst musste die gesamte Produktion von Una habitación propia (Ein eigenes Zimmer) stemmen, und es hat funktioniert. Aber ich hätte mich natürlich lieber nur auf meine Arbeit als Schauspielerin konzentriert.“

Gabriel Olivares Gabriel Olivares | © Smedia Für den Theaterregisseur Gabriel Olivares, der gerade das Stück Ding Dong herausgebracht hat, wäre es „ein Akt der Gerechtigkeit, den Mehrwertsteuersatz auf weniger als 21 Prozent zu senken. Ich sehe ja ein, dass es nicht einfach ist, zwischen Kultur und Unterhaltung zu unterscheiden. Aber wenn wir nun mal ein europäisches Land sind, sollte auch die europaweite Norm bei uns gelten, dass auf das Theater generell ein reduzierter Mehrwertsteuersatz angewendet wird,weil es eine kulturelle Aktivität ist.“

Ein Spiel ohne Schiedsrichter

Manuel Sánchez Manuel Sánchez | © M. S. „Es war ein herber Schlag, den die Krise dem Journalismus verpasst hat“, sagt Manuel Sánchez, Politikredakteur bei der Online-Zeitung Público und Autor des Buches Las noticias están en los bares (Die Nachrichten erfährt man in der Kneipe). “Das Schlimme ist, dass es keinerlei Anzeichen für eine Erholung gibt, und wie es aussieht, wird die schlechte Bezahlung in der Branche wohl bleiben. Unter jüngeren Journalisten gibt es viel Besorgnis deswegen, sie sehen ihre Zukunft nicht gerade rosig.”

Pedro G. Cuartango Pedro G. Cuartango | © P. G.
„Ja, der Journalismus durchlebt gerade einen heftigen Orkan”, fügt Pedro G. Cuartango an, früherer Chefredakteur der Zeitung El Mundo und derzeit Mitarbeiter der Zeitung ABC, „die Redaktionen sind voll von schlecht bezahlten Berufsanfängern, die an die Stelle von erfahreneren Kollegen getreten sind. Langfristig besteht die einzige Überlebensmöglichkeit darin, für digitale Angebote zu kassieren. Das Problem ist, dass es in Spanien keine Kultur des Bezahlens gibt. Aber wir sollten nicht vergessen, dass eine Welt ohne Journalisten wie ein Fußballspiel ohne Schiedsrichter ist.”

Regisseure, Produzenten, Galeristen, Verleger… Die Liste ist lang, geradezu unendlich. Aber wenn man sich umhört, können nur wenige Fachleute die spanische Wirtschaftskrise so gut einschätzen wie die Akteure unseres Kulturlebens. Es mag daran liegen, dass sie mit der Krise zu so etwas wie einer „Zweckheirat“ gezwungen wurden.

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