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Ilana Salama Ortar

Ilana Salama Ortar
Ilana Salama Ortar | © Ilana Salama Ortar

Die gebürtige Ägypterin Ilana Salama Ortar lebt heute in Berlin. Ihre persönliche Geschichte, die auch zu ihrer besonderen Sensibilität für die Themen Vertreibung, Entwurzelung, Migration, Exil und Erinnerung beitrug, begann bereits als sie in ihrer Kindheit auf dem Weg nach Israel in das Lager der "Grand Arénas" kam. Diese Zwischenetappe bestand für viele Personen, die aus Nordafrika nach Israel auswanderten. Bald darauf sah sich Ilana Salama Ortar mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt konfrontiert. Diesen Themen spiegeln sich in ihrer künstlerischen Recherche wider. Ihre Filme, Zeichnungen, Skulpturen und Zeugnisse wurden u.a. in den Museen von Tel Aviv und Jerusalem, im MP13 Marseille und im Drawing Center NY ausgestellt. Ilana Salama war ebenfalls Residentin an der Camargo Foundation Cassis im Jahr 2017.

1. In Ihrer Arbeit beschäftigen Sie sich mit den Fragen von Migration und Gender. Inwieweit hat Marseille als Ankunftsstadt Ihren Ansatz in Bezug auf das Projekt „Corps étranger : Les femmes de Belsunce / Foreign Bodies : The women of Belsunce“ beeinflusst?

Das Projekt ist eine Fortsetzung einer 1998 begonnenen Arbeit über die Stadt Marseille [1]. Diese wurde im Jahr 2013, als Marseille Europäische Kulturhauptstadt war, erneut aufgegriffen und im Rahmen eines Stipendiums 2015 am IMéRA (Institut d'études avancées d'Aix-Marseille, Exploratoire Méditerranéen de l'Interdisciplinarité) mit dem Arbeitstitel „Corps étranger : eine multidisziplinäre Studie über die Repräsentationen älterer Migrantinnen in ihrer Ankunftsgesellschaft" fortgeführt. Während dieses Aufenthaltes beschäftigte ich mich mit dem Thema der weiblichen Migrantin als repräsentatives Bild einer Bevölkerung und konzentrierte mich dabei auf Körper- und gesprochene Sprache. Die Arbeit zielt darauf ab, den konventionellen Diskurs über Migration umzugestalten. Sie begünstigt das Verschwinden kollektiver Begriffe wie " Roma-Frau" oder "schwarze Frau" zugunsten individualisierter Begriffe wie "eine Migrantin aus Rumänien" oder "eine Migrantin aus dem Tschad" ebenso wie auch die Machtspiele der zeitgenössischen Gesellschaft, indem sie den (versteckten) Frauen im öffentlichen Raum Sichtbarkeit und Hörbarkeit verschaffen und gleichzeitig den öffentlichen Raum in eine intimere Sphäre zu verlagern sucht, in der große kollektive Debatten auf individueller Ebene (1: 1) betrachtet und mit Blick auf die Dekonstruktion von Kategorien, Rhetorik und vorgefertigten Ideen umformuliert werden können.

2. Inwieweit haben dieses Jahr und die aktuellen Entwicklungen Impulse für Ihre künstlerische Arbeit gegeben? 

Meine künstlerische Arbeit handelt von der Beziehung zwischen dem Kollektiven und dem Intimen. Es wirkt beunruhigend, dass der Körper das Kollektive widerspiegelt und nicht mehr mit dem Intimen übereinstimmt und umgekehrt – es tritt eine Art von Entfremdung zu Tage, verursacht durch die neuen Diskurse, Praktiken und Gewohnheiten, welche der*die Migrant*in in der Aufnahmegesellschaft erfährt. Die diesjährigen globalen Entwicklungen, der Anstieg des Extremismus und die Epidemie des Coronavirus, unterstreichen die bedeutende Stellung von Frauen unter anderem in Führungspositionen, welche sie mit Intelligenz, Sensibilität und Bescheidenheit erfüllen. Die Bedeutung meiner Arbeit besteht darin, in einem kritischen Licht Aufmerksamkeit auf jene Prozesse zu lenken, durch welche die Intimität älterer Migrantinnen den Diskurs von Institutionen (medizinischer, administrativer, juristischer, kultureller Art usw.) beeinflusst, und nachzuvollziehen auf welche Art und Weise diese Institutionen jener Individualität Rechnung tragen.
 

  • Terre exilée / Exiled land. Drawing. 35x50 cm. 2020 © Ilana Salama Ortar

  •  "Les soldats m'ont forcé à tuer mon chien"  "The soldiers forced me to kill my dog"  Photogram. 30x40 cm. 2020 © Ilana Salama Ortar

  • Hommage aux femmes migrantes âgées; Homage to aged migrant women © Ilana Salama Ortar

  • "Ma mère a lavé le linge pour les Européens"  "My mother washed clothes for Europeans"  Photogram. 30x40 cm. 2020 © Ilana Salama Ortar

  • Corps Étranger/Foreign Body.  Drawing. 35x50 cm. 2020 © Ilana Salama Ortar

  • Hommage aux femmes migrantes âgées; Homage to aged migrant women © Ilana Salama Ortar



3. Welches Potenzial sehen Sie in der Integration Ihres Projekts im Rahmen der Manifesta?

Die Manifesta tritt nach meinem Empfinden an die Stelle der Agora. Die internationalen Treffen werden dazu beitragen, die Dringlichkeit einer erhöhten Aufmerksamkeit für Stimmen all jener, die bereits die verschiedenen Phasen des Exils und des Neueingewöhnens durchlaufen haben, in den Mittelpunkt der globalen Szene zu rücken. Das sind Erfahrungen, die weitergegeben werden müssen. Das Projekt zielt darauf ab, diesen Prototyp anderen, im Ausnahmezustand befindlichen Städten mit anderen Räumen und Kontexten vorzustellen und somit eine bessere soziale Integration sowie den Respekt der Individualität - einem Begriff, der vom ethischen Standpunkt aus mit jenem der Freiheit übereinstimmt -  zu fördern.

4. Was unterscheidet Ihrer Meinung nach Marseille von anderen europäischen Städten? Haben Sie einen Lieblingsort in Marseille?

Das Projekt konzentrierte sich auf Marseille als Ort der Verankerung, doch gleichzeitig ist darauf hinzuweisen, dass es sich nicht um eine Monografie in dem Sinne handelt, dass dort das "Pulsieren einer Welt" besser als anderswo eingefangen werden könnte. Die Stadt Marseille hat in der Tat einen günstigen Charakter als Forschungsort. Als Hafenstadt war sie historisch gesehen eine Einwanderungsstätte, in welcher Migrant*innen eine Zielstätte gefunden haben. Marseille erscheint daher als privilegierter Ort, an dem die intime und öffentliche Situation älterer Migrant*innen offengelegt wird.
Für die nächste Etappe hätte ich eine Stadt in Deutschland, Frankfurt oder Berlin, vorgezogen. Ich lebe nun seit acht Jahren in Deutschland und verfolge das Thema Migration in diesem Land sehr aufmerksam. Diese aufregende Auseinandersetzung mit der Thematik in Marseille hat mich dazu veranlasst, zwischen Deutschland und Frankreich hin und her zu reisen, aber jetzt, nachdem ich das Projekt in Marseille bei der Manifesta zusammengefasst habe, möchte ich meine neue Umgebung als Künstlerin erkunden, die sich entschieden hat, in einem anderen Land zu leben.


[1] Mein Projekt « Le camp des Juifs » wurde erstmals 1998 im Musée d'Art Contemporain, Marseille, im Rahmen von « Israël au miroir des artistes » ausgestellt.
 

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