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 Europaküche Marseille © Daniela Burger

15. November: Marseille
Europaküche Marseille mit Ivana Sajko

Das Abendessen in Marseille konnte nicht stattfinden. Kein gedeckter Tisch. Keine Gäste. Stattdessen eine Leerstelle. Ausgehend von einem Briefwechsel hat Ivana Sajko Übungen für das Zusammensein für die Europaküche entwickelt, die gemeinsam mit der Kindertheatergruppe des Théâtre de l'Œuvre in Marseille improvisiert wurden. 

Übungen für das Zusammensein

Ivana Sajko

Dem Anblick eines gemeinsamen Abendessens wohnt das Szenische einer Theatervorstellung inne; es gibt Kostüme, Verhaltenscodes und Protokolle, Rollen und einen Text, in dem nicht selten typische Dramenthemen angeschnitten werden, etwa Familiengeheimnisse oder Politik. Diese Szene wird um ein Zentrum aufgebaut, in dem eine reich gedeckte Tafel steht. Wenn jedoch diese Tafel entfernt wird, bleiben nur Menschen, verstreut um ein verlorenes Zentrum.

Die Idee eines Abendessens, das nicht stattgefunden hat, zwang sich mir von allein auf, da die durch die Pandemie verursachte Krise all unsere versäumten Begegnungen normalisiert hat, genauso wie sie alle bestehenden Teilungen, Ungleichheiten und Distanzen vertieft hat. Im Sommer 2020 begann ich einen Briefwechsel mit Freunden aus dem ehemaligen Jugoslawien, von denen ein guter Teil noch immer an den Rändern oder außerhalb der Territorien lebt, die man als europäisch betrachtet. Ich teilte mit ihnen die Idee eines gemeinsamen Abendessens, das nicht stattgefunden hat, die Idee einer reich gedeckten Tafel, die uns zusammen mit all den Dialogen, die wir um die Tafel angebahnt hätten, verwehrt wurde. Ich begann mich zu fragen, wie mit dem umzugehen ist, was es nicht gibt oder was nicht stattgefunden hat? Können wir uns über unser Getrenntsein wie über eine gemeinsame Erfahrung unterhalten, die uns verbindet?

Als erstes Thema unserer versäumten Begegnung am Tisch schlug ich Fenster vor. Meine Berliner Fenster gehen auf einen Innenhof, auf die hintere Wand großer Wohnungen, die sich im vorderen Gebäude befinden. Wenn in einer dieser Wohnungen die Vorhänge aufgezogen sind, kann ich durch die geräumigen Zimmer die Fenster sehen, die auf die andere Seite - zur Straße - gehen. Doch die Vorhänge sind meiste zugezogen, so dass ich nur die Wand sehe. Diese schlichte Beschreibung verrät doch in aller Klarheit unsere klassenspezifischen Verankerungen. Wenn der endlose Abgrund der Bildschirme ausgeschaltet wird, rahmen unsere Fenster die realen Grenzen unserer Welten ein. Die Zagreber Fenster meines Freundes Goran blicken auf die Fassade eines sozialistischen Hochhauses mit zehn Etagen; dahinter ragen Kräne hervor, die gerade beim Bau von Luxusappartements eingesetzt werden. „Ich lausche nur“, sagt Goran: „Die Geräusche einer Baustelle erinnern an eine Schiffswerft oder an einen Seehafen. Ich stelle mir lieber eine Schiffswerft vor als Wohnungen für die Reichen“. Petras Fenster öffnen sich zum Himmel über Ljubljana: „Manchmal liege ich auf dem Sofa und sehe den Wolken zu, wie sie von einem Fensterrand zum anderen treiben“. Im Frühjahr verschwanden aus diesem Bild die weißen Spuren, die zuvor von Flugzeugen auf der Himmelsfläche zurückgelassen wurden. Tanjas Fenster in Belgrad starrt auf die Leben der Nachbarn von gegenüber: „Sie haben keine Gardinen an ihren Fenstern, sie lassen nie die Rollos herunter, und schalten auch nie den Fernseher aus, und das Licht des Fernsehbildschirms ist ausreichend, um aus meiner winzigen Küche ihren Geschlechtsakt zu beobachten.“ Siniša sendete mir kurze Video-Aufnahmen, die er an einem verschneiten und an einem ruhigen Frühlingstag durch sein Fenster in Novi Beograd aufgenommen hat.

Ich sammelte diese Antworten und dachte über neue Gesprächsthemen nach, wobei ich mir überlegte, wie ich ihre Antworten auf unsere gemeinsame Tafel in Marseille übertragen könnte. Ich wollte meine Freunde in Protagonisten verwandeln, die sich über Isolationen, Entfernungen und Distanzen zwischen Mund und Mund, Körper und Körper, Bildschirm und Bildschirm, Fenster und Fenster unterhalten. Doch aufgrund der strengen Auflagen für die Theaterarbeit unter Pandemiebedingungen war ich gezwungen erneut zu hinterfragen, was man mit jenem anstellen kann, was nicht geschehen ist und was nicht geschehen wird? Auf meinem Tisch lagen ausgedruckt Zeichnungen, die mir Siniša geschickt hat. In einer Serie, die er „Social Distancing“ genannt hat, sah ich Menschen, die in einem Kreis aufgestellt sind und die in die Mitte des Kreises blicken, wo etwas ausradiert wurde. Genauso wie bei unserem Abendessen gibt es keine Tafel, aber die dramatische Situation ist geblieben, sie überdauert und flimmert im Raum. Ich versuchte das Projekt zu beginnen, indem ich Sinišas Zeichnungen auf die Bühne stellte, wobei ich die Situation des Zusammenseins unter unmöglichen Bedingungen improvisierte und die Fragen stellte: Was bleibt in der Mitte? Worauf starren diese Menschen? Was hat sie zu dieser Versammlung bewegt? Was ist es, was sie verbindet?

Aus dem Kroatischen von Alida Bremer

Ivana Sajko

Ivana Sajko © Maja Bosnić Ivana Sajko ist eine in Berlin lebende kroatische Schriftstellerin, Dramaturgin und Theaterregisseurin. Ihre Stücke wurden in viele Sprachen übersetzt und auf internationalen Bühnen aufgeführt. Sie gewann mehrere Preise für Dramaturgie und Literatur, darunter die Medaille Chevalier de l'ordre des Arts et Lettres des französischen Kulturministeriums und den Internationalen Literaturpreis 2018 des Hauses der Kulturen der Welt für die deutsche Übersetzung ihres Romans "Liebesroman". Weitere deutsche Übersetzungen sind die Romane "Rio bar" und "Familenroman", das Theoriebuch "Auf dem Weg zum Wahnsinn (und zur Revolution) : Eine Lektüre", Theaterstücksammlungen "Archetyp: Medea / Bombenfrau / Europa: Trilogie" und "Trilogie des Ungehorsams".

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