Brüssel–Molenbeek Alt-Molenbeek: No-go-Zone?

Molenbeek
Molenbeek | Foto: © Kristof Vadino

Nicht erst seit den jüngsten Anschlägen hat das Brüsseler Stadtviertel einen fatalen Ruf. Der Historiker und Autor Hans Vandecandelaere berichtet, wie es dazu kam, weshalb Armut und Radikalisierung nach wie vor eine Rolle spielen, aber auch neue Dynamiken zu erwarten sind.

Am 13. November 2015 tötet die französisch-belgische Terrorzelle in Paris 130 Menschen. Schnell wird bekannt, dass mindestens drei der Hauptfiguren des Selbstmordkommandos Verbindungen zum Stadtviertel Alt-Molenbeek haben. Die Brüder Brahim und Salah Abdeslam wuchsen dort auf, und der Vater von Abdelhamid Abaoud hatte dort einen gut gehenden Laden. Wochenlang wird der Platz vor dem Gemeindehaus, der Place Communale, von Fernsehwagen belagert. In einem benachbarten Restaurant skizziere ich auf einem Bierdeckel die Struktur der Gemeinde Molenbeek für einen Korrespondenten der Washington Post, der aus dem Nahen Osten angeflogen gekommen war, um sich ein Bild von der „Drehscheibe des muslimischen Fundamentalismus“ zu machen. Draußen betrachten viele seiner Kollegen die Bewohner dieses Stadtteils als Freiwild. Kamera aufs Stativ und los geht’s: „Sie wohnen in Molenbeek und sind Moslem. Können Sie den Zuschauern erzählen, wie Ihre Radikalisierung hier eigentlich vor sich geht?“

Eine kleinere Garnison von Medienteams leistet bessere Arbeit und möchte, nachdem sich der Sturm gelegt hat, herausfinden, was das nun wirklich für ein Stadtviertel ist. Sie sprechen über obskure „Privat“-Moscheen, sagen aber zugleich, dass die Dinge nuancierter betrachtet werden müssen. Es gebe auch Feste, Konzerte, Menschen, die sich mit Begeisterung in der Nachbarschaft engagieren, und nicht alle Muslime und Jugendliche seien gleich. Oder sie porträtieren ein Alt-Molenbeek, das seinen Wildwest-Charakter aus den 80er Jahren abgestreift hat. Nichtsdestotrotz werden ordentlich Schläge ausgeteilt. Der Imageschaden ist gigantisch.

Die schwärzeste Zeit für dieses kleine Stadtviertel, das kaum zwei Kilometer von der Brüsseler Grand Place entfernt liegt, sind die vier Monate, in denen Salah Abdeslam zum meistgesuchten Terroristen Europas aufsteigt. Seine Festnahme am 18. März 2016 in der Alt-Molenbeeker Rue des Quatre-Vents lässt aufatmen, bringt aber gleichzeitig die häufig interviewten Bewohner dieses Stadtviertels auf die Anklagebank. „Ist es wahr, dass jeder wusste, dass Salah sich hier versteckt hielt?“ Vier Tage später kommt es zu den Anschlägen in Brüssel und im Flughafen Zaventem. Und wieder trifft sich die gesamte Medienwelt auf der Molenbeeker Place Communale, um von hier aus zu berichten. Dann ist der Spuk vorbei. Der Druck auf die 18.500 Alt-Molenbeeker nimmt ab. Nach den Spekulationen ist jetzt die Zeit der Fakten und Erkenntnisse gekommen. Untertauchadressen, Verbindungen und Festnahmen in Deutschland, Italien, den Niederlanden, Schweden, Flandern, Wallonien und anderen Brüsseler Gemeinden machen letztendlich deutlich, dass es sich um ein international agierendes kriminelles Netzwerk handelte, das von Syrien aus gesteuert wurde und in dem das Stadtviertel nur ein kleines Glied war. Die Medienberichte, die Alt-Molenbeek monatelang zu einem „Kalifat des Westens“ degradierten, stellten sich nach und nach als unbegründet heraus.

Wenn die Zeitungen von „Krawallen in der Gemeinde Molenbeek“ berichten, dann ist natürlich immer das Viertel Alt-Molenbeek gemeint. Oder vielleicht noch das angrenzende Havenwijk, das zu den berüchtigsten und am stärksten mediatisierten Stadtvierteln Belgiens zählt. Diesem Stadtviertel werden so viele Stempel aufgedrückt, dass einem schwindelig wird. Schon seit Jahrzehnten ist es mit problematischen Klischees behaftet: „das Marrakesch oder die Bronx von Brüssel“, „ein Stadtviertel mit Eigenleben“, eine No-go-Zone, ein Ghetto, bedrohlich, intolerant oder benachteiligt, „ein Stadtviertel, in dem Dschihadisten zuhause sind, eine Monokultur der Armut herrscht und Kinder, die Aldi-Chips zum Frühstück essen, schon fast per Definition ungebildet sind“.

Die schwarzen 80er Jahre

Im stark industrialisierten Alt-Molenbeek waren in den 70er und 80er Jahren enorme gesellschaftliche Umbrüche zu beobachten. Belgischstämmige Molenbeeker verließen, sofern sie es sich leisten konnten, das dicht bevölkerte Zentrum des Viertels und ließen sich in Hoog-Molenbeek oder in den noch unberührten grünen Randgebieten rund um Brüssel nieder. Zurück blieben leerstehende Wohnungen und eine Restbevölkerung, die dies ebenfalls tun wollte, es sich aber finanziell nicht leisten konnte. Migranten profitierten von stark gefallenen Mieten und ließen sich in diesem Viertel nieder. 1981 waren beinahe 50 Prozent der Bewohner von Alt-Molenbeek Ausländer. Marokkanische Berber ohne Stimmrecht bildeten bald die Mehrheit. Das Viertel verfiel, die Polizei schaute weg. Außerdem vollzog sich hier eines der Brüsseler Dramen. Die Industrie zog fort und mit ihr tausende Arbeitsplätze für Geringqualifizierte. Von den etwa zweihundert Betrieben, die Molenbeek 1974 zählte, existierten 1988 nur noch ungefähr siebzig. Brüssel kompensierte den Verlust der Industrie durch einen schnellen Ausbau der Dienstleistungswirtschaft, in der vor allem 360.000 in der Regel hochqualifizierte Pendler arbeiteten. Die Marokkaner wurden durch die Krise in ihrer sozialen Mobilität behindert. Alt-Molenbeek und die Brüsseler Kanalzone degradierten zu einem postindustriellen Stadtgebiet, das neu erfunden werden musste.

Die verschiedenen Migrantenkrawalle von 1991 waren ein Meilenstein, da sie das allmähliche Bewusstwerden der Spannungen beschleunigten. Brüssel war zwei Jahre zuvor eine eigenständige Region mit eigenen Befugnissen geworden. Von oben wurde den fortan „chancenarm“ oder „benachteiligt“ genannten Stadtvierteln wieder mehr Beachtung geschenkt. Alt-Molenbeek stand am Anfang seiner Aufwertung. Der niederländischsprachige Unterricht bahnte sich seinen Weg aus einer tiefen Krise. Das oftmals kostenlose Kulturangebot ist seit den 90er Jahren deutlich gewachsen. Der Handel wurde modernisiert. Parzellen wurden durch Neubauten für Wohn- oder Gewerbezwecke aufgehübscht. Eine neue Mittelklasse fand ihren Weg in das Viertel, anfänglich mit Hilfe von Subventionen, später durch Investitionen aus Privatkapital. Hier und dort wurde auch zeitgenössische Architektur eingeplant, und die Neugestaltung des öffentlichen Raums setzte einen Prozess zaghafter Mobilität in Gang. Beachtenswert ist auch die neue Migration der letzten fünfzehn Jahre, vor allem aus Schwarzafrika und Osteuropa. Alt-Molenbeek hat dadurch in gewisser Weise wieder von Null angefangen. Andererseits bildet der Zustrom unterschiedlicher ethnischer Gruppen allmählich ein Gegengewicht zur überwiegend maghrebinischen Präsenz.

Eine überraschende Dynamik und schmerzliche Realitäten

Es besteht die Tendenz, das Stadtviertel als eine No-go-Zone zu präsentieren, oder als eine Enklave, in der die Bewohner sich abschotten. Aber ein Teil der jungen Molenbeeker macht sich jeden Morgen auf den Weg zu Sekundarschulen und Universitäten, die sich außerhalb Molenbeeks befinden, und viele Erwachsene pendeln täglich vom „Dorf“ zur Arbeit. Wer eine Blinddarmentzündung hat, muss sich in einen anderen Stadtteil begeben, da es in Molenbeek keine Krankenhäuser gibt. Der Mobilitätsgrad ist eng mit der Arbeit, dem Alter und dem sozialökonomischen Hintergrund verbunden: die arbeitende Bevölkerung auf der einen und die nicht-arbeitende auf der anderen Seite, die eher sesshaften „Dorfbewohner“ der ersten Generation im Vergleich zu den mobileren Bewohnern der dritten Generation. Ganz zu schweigen von den internationalen Verbindungen, dem jährlichen Urlaub, dem Erwerb von Besitz im Ausland, dem Arrangement von Hochzeiten oder dem Ausbau von Handelsnetzen. Alt-Molenbeek ist keineswegs eine isolierte Insel. Alt-Molenbeek dreht sich mit dem Rest der Stadt und dem Rest der Welt. Seine Außengrenzen sind poröser, als man glaubt.

Außerdem geht an den Außengrenzen eine Veränderung vor sich, die langfristig mehr Stadtbewohner anziehen wird. Am Kanal von Charleroi ist eine Ver-Loft-ung zu beobachten, die den Kais eine neue Daseinsberechtigung verleiht: So misst die Stadt  dem Wasser nicht mehr nur eine funktionale, sondern auch emotionale Bedeutung bei. Der Kanal wird immer mehr zum neuen place to be, der auf den Charme des Wohnens mit Blick aufs Wasser setzt. Das Zentrum von Brüssel verlagert sich nach Westen. Die Hoffnung, dass Alt-Molenbeek ein Teil davon wird, impliziert, dass verschiedene Menschengruppen angezogen werden: Touristen, Geschäftsreisende, Studenten oder noch mehr Publikum der Mittelschicht, das keine Angst mehr hat. Dies wird weitere Veränderungen nach sich ziehen. Der Einzelhandel wird sich weiter diversifizieren und auch spezialisieren, es wird mehr Cafés geben und Zeitschriften- und Pralinenläden. Aber womöglich diversifizieren sich mit der Niederlassung von Büros und Manufakturen langfristig auch die Arbeitsformen. Benachteiligte und Bevorteilte werden sich immer weiter vermischen, und in Molenbeek wird es immer mehr Kultur- und Freizeitangebote geben.

Unter diesem Mantel der Dynamik verbirgt sich eine Tatsache, die einstweilen noch schmerzlich ist. Alt-Molenbeek ist ein Stadtviertel, in dem außer der Selbstmordrate nahezu alle messbaren Indikatoren im roten Bereich sind. Klassische Gründe hierfür, die immer wieder angeführt werden, sind die erschreckend hohe Arbeitslosigkeit, die schlechte Luftqualität, die Überbevölkerung, die Armut, der Mangel an offenem Raum und der unglaublich knappe Wohnraum. Das außergewöhnliche demografische Wachstum und der erschreckende Mangel an bezahlbaren, menschenwürdigen Wohnungen nötigen die Menschen dazu, in Kellern, auf Dachböden oder in aufgeteilten Zimmern zu wohnen. Und wenn diese voll sind, dann gibt es ja immer noch Hinterhöfe oder Garagen.

Schwierige Lebenssituationen lassen sich auch am Straßenbild ablesen. Manchmal stehen Leute vor einem Badehaus Schlange, um für fünfzig Cent eine halbe Stunde duschen zu können. Überall sind Second-Hand-Läden, aufgemöbelte Gasherde oder turmhoch gestapelte, heruntergesetzte Nutella-Gläser zu sehen. Auf dem donnerstags stattfindenden Wochenmarkt kann man feilschen, bis man die Stiege Erdbeeren zu einem Spottpreis bekommt, und flache, selbstgemachte Brote, die unter der Hand von Händlern mit Einkaufswagen angeboten werden, unter dem Marktpreis kaufen.

Aber Alt-Molenbeek kennt nicht nur Mangel. Hier wird auch Reichtum erzeugt: von den übelsten Formen der Schattenwirtschaft und den Megagewinnen wucherischer Zimmervermieter bis hin zu beeindruckendem, globalisierten Business-Know-how. Das Unternehmertum boomt. Das Fett der Pita-Imbisse tropft immer weniger von den Wänden. Bäcker und Fischhändler haben in den letzten zehn Jahren einen Qualitätssprung nach oben gemacht und locken Kunden nun auch mit fertig zubereiteten Gerichten. Die Chaussée de Gand ist das Flaggschiff des Handels. Die durchschnittliche Monatsmiete in Höhe von 2.000 bis 3.000 Euro lässt die Trödler nach Atem ringen. Der Mittelstand entsteigt aus einem Tal und findet wieder Anschluss an den belgischen Nachkriegsruhm. Nur die Unternehmer sind anders, haben einen dunkleren Hautton und sind vor allem mehr denn je verbunden mit dem Rest der Welt. 2011 waren insgesamt 384 Handelsgewerbe, die in Alt-Molenbeek für die einen das Versprechen von Reichtum und für die anderen eine Alternative zur Arbeitslosigkeit boten.

Die Musikalität von Molenbeek

Das Viertel muss in seiner Vielzahl sozialer Gruppen betrachtet werden. Diese Gruppen können noch einmal in Untergruppen unterteilt werden. Alt-Molenbeek wird dann vor allem zu einem immensen Symphonieorchester mit unterschiedlichen sozialen Ausdrucksformen. Es gibt verschiedene Arten von Händlern: Trödler oder weltweit tätige Unternehmer. Die marokkanische Mehrheit zerfällt in erste, zweite und dritte Generation. Oder man hat marokkanische Old- und Newcomers, wobei die alte Garde der Migranten die neue manchmal als Konkurrenz um die rar gesäten Arbeitsplätze betrachtet. Die Gruppe der Newcomer ist wiederum zersplittert in Marokkaner aus Marokko, den Niederlanden, Italien und seit 2008 vor allem aus Spanien, mit oder ohne Papiere. Es existieren auch weniger bekannte Netzwerke der anderen ethnischen Gruppierungen, das Cluster der sozialen Aufsteiger, die den Stadtteil als abgetan betrachten, und die neue Mittelschicht, die dort ihre Zukunft sucht. Mieter und Hausbesitzer, aufsteigende, pöbelnde oder aussteigende Jugendliche, strenge und vor allem gemäßigte Muslime, Bewohner, die mit dem Stadtviertel eng verbunden sind, sowie Pendler, Hoch- und Geringqualifizierte: sie alle machen die Musikalität des Viertels aus. Molenbeek ist als Vielzahl kleiner und großer Netzwerke zu verstehen. Es gibt streng islamische Netzwerke, die sich gegen Initiativen aussprechen, welche zum Ziel haben, das Leben in der Nachbarschaft mit Tanz und Musik aufzuheitern. Es gibt Netzwerke, die in der ethnischen Herkunft wurzeln. Und es gibt auch kreative Mitbürger, die sich in Sachen Theater, Musik und Film engagieren. Sie alle bilden eine Lebensgemeinschaft. Ein Problem ist, dass alle diese sozialen Ausdrucksformen erwiesenermaßen wenig Beachtung finden. Und das verstärkt die Tendenz, Alt-Molenbeek als ein maghrebinisches Ghetto anzusehen.

Auch hybride Formen bleiben unbemerkt. Im Restaurant Tha Moury auf besagter Place Communale wokken Geschäftsführer Mohammed und zwei vietnamesische Köche bei der Zubereitung thailändischer Gerichte um die Wette. Zunehmende Vermischung wird in denen kommenden Jahren eine Tatsache sein. Bis dahin bestimmt aber noch eine vielschichtige marokkanische Landschaft mit einem ausgeprägten kulturellen und religiösen Charakter das Bild. Der Raum für die Andersartigkeit steckt noch in Kinderschuhen. Eine typisch belgische „Bierterrasse“ würde dem Straßenbild schon ein anderes Aussehen verleihen. Alt-Molenbeek ist Synonym für Vielfalt, jedoch kommt diese nicht hinreichend zum Ausdruck, weil das entsprechende Angebot fehlt. Während des Ramadan ist alles geschlossen, und man muss das Viertel schon verlassen, wenn man sich mit jemandem verabreden will.

Das Mosaik des Islams und die Jugend

Das Nachbarschaftszentrum Avicennes sorgt dafür, dass Aziz, 16, rappen kann und nicht auf der Straße herumhängt. Das Nachbarschaftszentrum Avicennes sorgt dafür, dass Aziz, 16, rappen kann und nicht auf der Straße herumhängt. | Foto: © Kristof Vadino In den letzten 25 Jahren ist der Islam stark in den Vordergrund getreten. Das bringt so mancherlei Nachteile mit sich. Sexualunterricht in einer Klasse voller muslimischer Schüler kann für Spannungen sorgen. Andererseits ist diese gläubige Gemeinschaft auch dynamisch und vielschichtig. Ich habe Muslime getroffen, die durchaus progressiv denken. Das merkt man vor allem in einem Vier-Augen-Gespräch. Nicht so sehr, wenn man mit der Kopftuch tragenden Rachida oder dem marokkanischen Rachid spricht, sondern mit Rachida oder Rachid generell.

2013 waren von den 94.650 Einwohnern der Gemeinde Molenbeek 36.450 Muslime. Das sind beinahe 40 Prozent der Bevölkerung. Es gibt keine Zahlen zu den einzelnen Stadtvierteln Molenbeeks, aber man kann davon ausgehen, dass der Anteil der Muslime an der Bevölkerung Alt-Molenbeeks sehr hoch ist. Somit bildet Alt-Molenbeek ein kleines Stadtgebiet mit dörflichem Charakter, in dem die Frömmigkeit relativ stark ausgeprägt ist und die religiös-kulturellen Verhaltensregeln zu einem bestimmten Grad das Benehmen in der Öffentlichkeit bestimmen. Aus Rücksicht vor den Eltern ist es ausgeschlossen, mit einer neuen Flamme Hand in Hand durch die Straßen zu schlendern. Die Frauen rauchen und gehen auch ins Café, aber lieber nicht im „Dorf“.

Die in diesem Stadtviertel erkennbare ethnisch-religiöse Vergemeinschaftung ist teilweise eine Folge von Ausschluss und eine fehlende Integration mittels Beschäftigung. Die 80er Jahre waren hierbei Schlüsseljahre. Vorher hatte die Gemeinschaft mehr Perspektiven. Der soziale Rahmen, in dem sie sich entfalten konnte, war größer. Der krisenbedingte Wegfall der Arbeitsstrukturen führte zu einer Rückbesinnung auf eigene ethnisch-religiöse Elemente.

Der Islam kann in Alt-Molenbeek nur in Zusammenhang mit der demografischen Zusammensetzung und den sozialkulturellen Gegebenheiten betrachtet werden. Er muss die Lebenserfahrungen der Menschen mit Sinn erfüllen. Muslimische Stimmen, die sich für Sport, Wissenschaft und Unterricht aussprechen, werden vor allem von jenen wahrgenommen, die eine höhere Bildung genossen haben, denn sie identifizieren sich damit. In Alt-Molenbeek hat ein solcher Diskurs wenig Sinn, denn die dortigen Geringgebildeten folgen lieber den unkomplizierten islamischen Halal-und-Haram-Grundprinzipien: „Respektiere deine Nachbarn. Sorge für deine Kinder. Der Islam ist etwas Gutes, und wenn du viel betest, kannst du für das Jenseits Punkte sammeln.“

Das Grundthema ist der Erhalt von Tradition und Ethik. Seine Deutung ist allerdings vielschichtig. Soziale Verhaltenskontrolle in der Öffentlichkeit ist an der Tagesordnung, zeigt sich aber durchaus auch dynamisch. Noch vor zwanzig Jahren sah man auf den Straßen kaum Frauen. Heute kann man von einem Rollentausch sprechen, denn die Frauen haben das Straßenbild erobert. Und auch der Kontext ist wichtig. Spricht man nur mit einem oder mit mehreren Muslimen? Wohnt man als marokkanischer Muslim im Stadtviertel oder nicht? Ist man ein Brasilianer, der in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erregen will, oder handelt man so, weil man der ethnisch-religiösen Gruppe angehört? Frau oder Mann, Kind oder Jugendlicher, die Grenzen dafür, was man darf und was nicht, können jeweils variieren von „sehr viel“ bis „vorläufig unmöglich“. Frömmigkeit mit Löchern und Platz zum Atmen, wobei die Frage nach Tabus und sozialer Kontrolle hauptsächlich eine lokale, gemeinschaftliche ist.

Auch bei der jüngeren Bevölkerung müssen Unterschiede gemacht werden. In Alt-Molenbeek wohnen viele kinderreiche Familien. Jeder dritte Einwohner ist unter 19 Jahre alt. Dieses kinderreiche Umfeld wird in der Regel gleichgesetzt mit Schulabbruch und Jugendarbeitslosigkeit. 54 Prozent der Jugendlichen unter 24 haben keine Arbeit. Und von ihnen leben viele in Familien, die kein Einkommen aus Arbeit beziehen, sodass Arbeit zu einem abstrakten Begriff wird. Solche gewichtigen Zahlen verstellen den Blick auf eine Gruppe von Jugendlichen, die an ihrer Karriere feilen. Viele von ihnen berufen sich auf eine breite Identität und sind es satt, zu Teilaspekten wie Stadtviertel, ethnischer und religiöser Zugehörigkeit oder Integration befragt zu werden. Gewöhnlich müssen sie mehr Rechenschaft ablegen als ihre Altersgenossen aus Brügge oder der Brüsseler Innenstadt. Und dies, obwohl diese Subgruppe eigentlich mit dem Viertel nicht viel am Hut hat. Die jungen Leute wohnen dort nur. Alles andere ist eine Projektion der Welt außerhalb.

Man findet im Stadtviertel sowohl junge Leute, die es im Leben wirklich zu etwas bringen, als auch Jugendliche, denen Strukturen fehlen und die in der Regel schon eine schwere, manchmal kriminelle Vergangenheit haben. Es geht um eine Restgruppe, die keinen Anschluss mehr findet. Einige haben schon aufgegeben und entwickeln das Bild von einer Welt, in der sich alles um Erniedrigung und Diskrimination dreht und die von einem „Wir-gegen-sie-Misstrauen“ geprägt ist. Es gibt aber auch eine Gruppe von Jugendlichen, die zwar Schwierigkeiten haben, aber noch Halt in Sportvereinen und Jugendklubs, ihrem Hobby oder ihrer Beziehung finden. All diese Gruppen mischen sich nicht so einfach. Diejenigen, die in der Schule gut abschneiden, geben sich nicht mit denen ab, die auf der Straße abhängen. Innerhalb der marokkanischen Gemeinschaft werden Letztere im Übrigen durchaus herablassend behandelt. Und umgekehrt haben diese herumlungernden Jugendlichen wenig Vertrauen in die Wortführer ihrer Gemeinschaft.

Und was ist mit dem Dschihadismus?

Wir dürfen Alt-Molenbeek nicht mit Scheuklappen betrachten. Dabei bedeutet nuancieren jedoch nicht bagatellisieren. Herausforderungen müssen beim Namen genannt werden, jedoch gezielt und aus einer geeigneten Perspektive. Discrimination code postale – Diskriminierung aufgrund der Postleitzahl – ist im Stadtviertel schon ein fester Begriff. Das müssen wir vermeiden. In Alt-Molenbeek gibt es bereits Arbeitssuchende, die in ihrem Lebenslauf eine andere Adresse angeben oder ihren marokkanischen Namen in einen belgischen ändern. Nach den Anschlägen von Paris und Brüssel kommt es mehr denn je darauf an, Tausende von Bewohnern aus dem Schussfeld zu nehmen, indem man es unterlässt, grundlose Behauptungen aufzustellen. Und sei es auch nur, weil man im Kampf gegen Radikalisierung und Syriengänger auch konservative Mittel einsetzen muss.

„Ohne Scheuklappen“ bedeutet auch, dass gewaltgeprägter Dschihadismus als ein Randphänomen innerhalb der komplexen Strukturen eines Stadtviertes betrachten werden muss. Dem aus Brüssel stammenden und an der Universität Gent lehrenden Terrorexperten Rik Coolsaet zufolge wohnen viele verschiedene Arten von Sympathisanten in Molenbeek. Im Allgemeinen werden sie von einer fehlenden Zukunftsperspektive angetrieben. Ein Teil von ihnen ist relativ gut situiert und nicht vorbestraft. Sie sagen häufig, dass sie sich nicht akzeptiert fühlen. Für andere ist mit Gewalt verbundener Extremismus wiederum eine neue Form von sozialer Auffälligkeit, ähnlich wie zuvor Drogenhandel und Überfälle. Diese zweite Gruppe besteht aus lokalen Netzwerken, in denen sich Freunde zusammengeschlossen haben. Die Mitglieder dieser Netzwerke bilden einen geschlossenen Kreis, in dem Verschwiegenheit und Solidarität eine wichtige Rolle spielen. Sie halten sich am Rande des Stadtviertels und der Familie und gehen kriminellen Aktivitäten nach. Sofern erforderlich, verschaffen sie sich gegenseitig Untertauchadressen. Der Hardcore-Kern hat ein großes Hasspotenzial und ist bereits polizeibekannt. Um diesen Kern bewegt sich eine breitere Gruppe junger Leute, die nicht notwendigerweise Einblick in die gewaltsamen Pläne haben, aber eine Form von Straßensolidarität an den Tag legen.

Für Rik Coolsaet hat dies im Vergleich zu früheren dschihadistischen Wellen nur noch wenig mit religiöser oder ideologischer Überzeugung zu tun. Die heutigen Syriengänger haben nur wenig politisches oder religiöses Hintergrundwissen. Und sie bekommen dieses Wissen nicht in der Moschee, sondern auf der Straße, in einem geschlossenen Freundeskreis, aus sozialen Medien oder in den „Privat“-Moscheen eines Werbers. Ihre „copy-and-paste“-Version des Islams sorgt höchstens für ein ideologisches Gepäck, mit dem sie als Terrorist ihre Taten rechtfertigen können.

Über den Hardcore-Kern existieren Zahlen, sie liegen im zweistelligen Bereich. Wie groß oder wie klein die Gruppe junger Menschen ist, die sich um den Kern schart, weiß niemand. Außer, dass die durchschnittliche monatliche Zahl an Syriengängern seit 2015 deutlich abgenommen hat. Die Herausforderung besteht darin, Informationen vom Milieu an die Zuständigen heranzutragen, wobei hier eine Zusammenarbeit mit Imamen, Eltern, Lehrern und Straßenarbeitern erforderlich ist. Gerade deshalb sind ein vertrauensvolles Klima und ein präventiver Ansatz von enormer Wichtigkeit. Aber ein solches Klima kann nicht erreicht werden, wenn man die Bewohner immer wieder auf die Anklagebank setzt.

Im Übrigen ist in Alt-Molenbeek ein deutlicher Unterschied zwischen der Reaktion auf die Anschläge gegen die Redaktion von Charlie Hebdo und der Reaktion auf die späteren Anschläge von Paris und Brüssel feststellbar. Anfang 2015 verurteilten die Muslime durchweg die Gewalt, viele fühlten sich aber dennoch in ihrer Würde verletzt, weil ihr Prophet mit Karikaturen ins Lächerliche gezogen wurde. Mit den neuen Anschlägen entfällt die Diskussion über freie Meinungsäußerung, und der bloße, willkürliche Terror wird im Allgemeinen eindeutig verurteilt. Auch die Sensibilisierung für die Problematik der Radikalisierung nimmt zu. Das sind ermutigende Zeichen. Wünschenswert wären jetzt noch die Abarbeitung sozioökonomischer Projekte und die Schaffung einer bürgernahen Polizei, die als Verbündeter auch in die tiefsten Winkel des Stadtviertels vordringt.
 
  • Ein Polizeieinsatz nach den Anschlägen von Paris. Die Beziehung zwischen den Viertelbewohnern und der Polizei ist kompliziert. Foto: © Kristof Vadino
    Ein Polizeieinsatz nach den Anschlägen von Paris. Die Beziehung zwischen den Viertelbewohnern und der Polizei ist kompliziert.
  • Solidarität mit den Opfern von Paris auf dem Place Communale. Foto: © Kristof Vadino
    Solidarität mit den Opfern von Paris auf dem Place Communale.
  • Auf dem Place Communale treffen verschleierte auf nicht verschleierte Frauen. Foto: © Kristof Vadino
    Auf dem Place Communale treffen verschleierte auf nicht verschleierte Frauen.
  • Restaurant Tha Moury: Vietnamesischer Koch, marokkanisch-belgischer Besitzer, thailändische Küche. Foto: © Kristof Vadino
    Restaurant Tha Moury: Vietnamesischer Koch, marokkanisch-belgischer Besitzer, thailändische Küche.
  • In der Rue Fin gibt es wie im übrigen Alt-Molenbeek viele heruntergekommene Wohnungen. Foto: © Kristof Vadino
    In der Rue Fin gibt es wie im übrigen Alt-Molenbeek viele heruntergekommene Wohnungen.
  • Anna aus Italien und Christophe aus der Schweiz in ihrem Loft, das ursprünglich eine Druckerei war. Foto: © Kristof Vadino
    Anna aus Italien und Christophe aus der Schweiz in ihrem Loft, das ursprünglich eine Druckerei war.
  • Der Kanal von Charleroi entwickelt sich langsam zum neuen <em>place to be</em>. Foto: © Kristof Vadino
    Der Kanal von Charleroi entwickelt sich langsam zum neuen place to be.