Das „goldene Dreieck“ - Paris Klassen-Reise

Pferderennbahn in Paris-Auteuil, Defilée elegant gekleideter Besucher
Pferderennbahn in Paris-Auteuil, Defilée elegant gekleideter Besucher | frei von Urheberrechten

Nicolas Jounin, Professor für Soziologie an der Universität Paris 8 Saint-Denis, führt nun schon seit drei Jahren seine Studenten im ersten Semester Soziologie ins „goldene Dreieck“ der französischen Hauptstadt. In seinem Buch „Voyage de classes“ (dt. „Klassen-Reise“), einer Mischung aus ethnologischer Studie und Soziologie-Handbuch, das im Verlag La Découverte erschienen ist, lädt er uns ein, den Blick von den sogenannten „Banlieues“, den „Problemvierteln“ und „sozialen Brennpunkten“ abzuwenden und ihn stattdessen auf einen erstaunlich wenig beachteten Forschungsgegenstand zu richten: die Viertel der Reichen und Schönen.

Nicolas Jounin, Soziologe Nicolas Jounin, Soziologe | © Charlotte Terret Es mag provokant erscheinen, das 8. Arrondissement als Ghetto zu bezeichnen, doch wenn man einmal darüber nachdenkt, stellt man fest, dass das Wort viel eher auf das goldene Dreieck von Paris zutrifft als auf die Stadt Saint-Denis, denn letztere entspricht weitaus mehr demfranzösischen Durchschnitt. Wie erklären Sie sich, dass dies bisher niemandem aufgefallen ist?

Das Gleiche könnte man auch über den Begriff „Banlieue“ sagen. Verwaltungstechnisch gesehen bezeichnet er die verstädterten Bereiche außerhalb von Paris. Aber im allgemeinen Sprachgebrauch meint man damit sozial schwache Gebiete, man denkt an Arbeiterklasse, ethnische Minderheiten, diverse Gefahren und fremde Bräuche. Diese Exotisierung der sozial schwachen Viertel trägt dazu bei, dass ihre EinwohnerInnen nicht als Teil der politischen Gemeinschaft wahrgenommen werden, und ist letztlich die Ursache für eine extreme  Benachteiligung, vor allem, was öffentliche Einrichtungen und Dienste betrifft. Der räumliche Zusammenschluss und das Unter-sich-bleiben der Reichsten hingegen werden selten als Separatismus – um hier nicht das dumme Schimpfwort „Kommunitarismus“ zu gebrauchen – betrachtet, ein Sich-Absondern, wie es den BewohnerInnen der „Banlieues“ vorgeworfen wird. Warum fällt diese unterschiedliche Bewertung niemandem auf? Dies könnte wohl am ehesten eine soziologische Studie über die JournalistInnen und andere Meinungsmacher beantworten, die entsprechende Bilder produzieren.

In Ihrem Buch wundern Sie sich darüber, dass es ungleich weniger Studien zu den „Reichen“ als zu den „Armen“ gibt. Dennoch sind die Reichen und die Armen zwei Seiten derselben Medaille. Wie erklären Sie sich das?

Das hat historische Gründe. Die Sozialwissenschaften sind im 19. Jahrhundert entstanden:  Bürgerliche haben begonnen, die Proletarier zu untersuchen, Kolonialmächte die Kolonien, Männer die Frauen. Die Herrschenden wenden die Analyseinstrumente, mit denen sie andere studieren, selten bei sich selbst an. Heute ist die Ethnografie, die Feldforschung zwar vielseitiger, sie verfolgt jedoch eher das Ziel, die Lebensweise, den Glauben und die Bräuche der schwächsten Gruppen zu rekonstruieren (oft mit dem moralischen und politischen Wunsch, sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern).

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist zudem der Einfluss von Studien zu spüren, die unter der Schirmherrschaft (oder zur Unterstützung) des Sozialstaats und des urbanen Planstaats durchgeführt wurden. Diese Initiativen sind hauptsächlich auf die Ärmsten ausgerichtet, sei es zu ihrer Unterdrückung oder Unterstützung. Denn Studien zu diesen Bevölkerungsgruppen  werden institutionell viel eher unterstützt.

ein zusätzliches privileg

Könnte man bezüglich der Reichen von „Unsichtbarmachung“ sprechen? Also von einer „positiven“ Unsichtbarmachung im Gegensatz zu jener, unter der Menschen leiden, die aus ethnischen, geschlechtlichen oder anderen Gründen ausgegrenzt werden?

Klassen-Reise Klassen-Reise | © éditions La Découverte Die Reichen und/oder Mächtigen sind nicht unbedingt unsichtbar, sondern vielmehr nicht spezifiziert, nicht etikettiert, und das ist ein weiteres Privileg. Sie erscheinen weniger wie eine eigene – sehr eigene – Kategorie der Gesellschaft, sondern eher wie „normale“ Individuen. In vielen Kinofilmen zum Beispiel geht es um Personen, die in sehr eleganten Stadtvierteln und wohlhabenden Verhältnissen leben, ohne dass dies thematisiert wird; für die FilmemacherInnen ist das einfach ein „normaler“ Rahmen der Handlung. Ein Film, der in einer sozial schwachen Banlieue spielt, wird jedoch fast immer als Film „über die Banlieue“ bezeichnet.

Wenn man Ihr Buch liest, entsteht der Eindruck, dass die Umkehrung der soziologischen Perspektive auch zu einer erkenntnistheoretischen Umkehrung führt, da die Beobachtung der Reichen keine Selbstverständlichkeit ist. Außerdem geht es oft um den Blick und das Beobachten als Teil Ihres Berufs. Auf welche Schwierigkeiten sind Sie und Ihre Studenten bei der „Beobachtung der Reichen“ gestoßen?

Die erste Schwierigkeit besteht darin, eine fremde Welt mit klaren, präzisen Begriffen darzustellen, sodass der erste Eindruck einer Beschreibung weicht, die man einem beliebigen Leser mitteilen kann. Am Anfang, wenn sich die StudentInnen zum Beispiel in Luxusboutiquen umsehen, benutzen sie Adjektive wie „außerordentlich“, „übertrieben“ oder auch „bling-bling“. Ein solches Vokabular kommuniziert vor allem ihre Empfindungen (durch das Zusammentreffen ihrer sozialen Prägung mit dieser Umgebung, die nicht für sie geschaffen wurde) und keine detaillierte Beschreibung. Ziel des Kurses und der Untersuchung ist es, nach und nach objektivere Beschreibungen zu produzieren, bei denen der anfängliche Ausdruck von Emotionen nur noch als Einstieg dient. Das sind zum Beispiel Beschreibungen von Räumen, indem man die Größe der Regalfächer in einem Bekleidungsgeschäft in der Rue de la République von Saint-Denis mit der Größe der Regalfächer bei Chanel in der Avenue Montaigne vergleicht.

Die zweite Schwierigkeit ist, dass die StudentInnen während ihrer Recherche von ihren „Untersuchungsgegenständen“ immer wieder auf ihren vermeintlichen Platz in der Gesellschaft hingewiesen werden. Dabei muss vermieden werden, dass diese Situation zu negativen Gefühlen führt, andererseits darf man dies aber auch nicht ignorieren, denn es ist immanenter Teil der Untersuchung.  Ich habe den StudentInnen die methodologische Aufgabe gegeben, sorgfältig die Reaktionen festzuhalten, die ihre Anwesenheit hervorruft, weil sie von einem Teil der untersuchten Personen als ungewöhnlich wahrgenommen wird. Dieses genaue Achten auf die Störungen, die die Anwesenheit des/der Forschenden in einem zu untersuchenden sozialen Milieu hervorruft, ist ebenso notwendig, wenn die StudentInnen von Paris 8 in den reichen Vierteln forschen, wie wenn die StudentInnen der École normale supérieure sich in die sozial schwachen Banlieues begeben. Aber ihre Anwesenheit hat nicht die gleiche politische Dimension und auch nicht die gleichen praktischen oder emotionalen Konsequenzen.

Verstehen heißt nicht entschuldigen

In einem ganz anderen Zusammenhang hat ein französischer Politiker gesagt: „Erklären heißt schon ein wenig entschuldigen zu wollen.“ Über diese Behauptung kann man sicher diskutieren, doch sie wirft die Frage auf, inwiefern erklären auch bedeutet, dass man sich seinem Forschungsobjekt annähert oder sich mit ihm identifiziert. Haben Sie sich Ihrem Forschungsobjekt und seiner Welt angenähert?

Ich möchte mir einen kleinen Exkurs erlauben: Ich würde mit größtem Interesse eine soziologische Studie lesen, die „erklären“ kann, warum diese „sozialistische“ Regierung so viele Ideale aus dem politischen Umfeld verleugnet hat, aus dem sie hervorgegangen ist, warum sie so beharrlich gegen die Interessen der sozialen Schichten gekämpft hat, die sie an die Macht gebracht haben, und warum sie schließlich, mit diesem kurzen Satz, den Sie zitiert haben, die Inhaltslosigkeit ihrer Politik kompensieren wollte, indem sie sich weigert, Lebensumstände verständlicher zu machen. Wie kommt man zum Beispiel von der Aussage „Mein Feind ist das Finanzwesen“ zu einem Arbeitsgesetz, das rechtswidrige und für die Arbeitnehmer nachteilige Unternehmensvereinbarungen erlaubt? Wie lässt sich erklären, dass die französische sozialistische Partei zunächst versprochen hat, Belege für Ausweiskontrollen* einzuführen, und nun – nachdem es nachgewiesenermaßen diskriminierende Kontrollen gab – auf Beschluss des Premierministers hin die Entscheidung wieder zurücknimmt? Wie lässt sich eine solche Kursänderung erklären – mit der sozialen Herkunft dieser Führungsriege, mit ihren Beziehungen zu dieser oder jener Randgruppe der anderen führenden Klassen oder mit dem Filter des politischen Apparats, der ein solches Personal hervorgebracht hat? Das würde ich gern verstehen, aber ich sehe nicht ein, warum wir es deshalb „entschuldigen“ sollten.
 
* Der Beleg für Ausweiskontrollen sollte aus zwei Teilen bestehen, wobei einer für den kontrollierenden Polizisten und ein zweiter für die kontrollierte Person gedacht war. Das Dokument sollte weder ethnische noch sonstige persönliche Informationen zur kontrollierten Person enthalten, sondern zielte vor allem auf die Auswertung in Bezug auf die Zahl der stattgefundenen Kontrollen, der jeweiligen Begründungen sowie der Effizienz der Ausweiskontrollen ab.