Marc Perelman im Gespräch Nein, die Olympischen Spiele bewirken keine Annäherung zwischen Paris und der Vorstadt

Marc Perelman
Marc Perelman | Foto (Ausschnitt): privat, alle Rechte vorbehalten

Am 13. September 2017 bestimmt das IOK (Internationales Olympisches Komitee) die Gastgeberstadt der Olympischen Spiele 2024 und vielleicht auch 2028. Paris mit Seine-Saint-Denis gehört, wie auch Los Angeles, zu den Kandidaten. Was bedeutet ein solches Sportevent für die Einwohner des 93. Departements? Der Architekt und Philosoph Marc Perelman sieht diese Frage kritisch.

Marc Perelman, Sie sind ausgebildeter Architekt. Sind Sie für oder gegen die Ausrichtung der Olympischen Spiele (OS) in Paris und Seine-Saint-Denis 2024?

Ich bin ganz klar dagegen.

Aber viele Menschen, darunter auch der Präsident Emmanuel Macron, glauben, dass eine so gigantische Sportveranstaltung das Image des Departements Seine-Saint-Denis aufbessern kann …

Ja, aber sehen Sie sich den vorherrschenden Diskurs über den Sport einmal genauer an: Er wird als ein großes Ereignis präsentiert, das den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert und das Departement aufwertet. Diesen Diskurs finden wir in allen politischen Strömungen, ob von rechts oder links. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die OS die Franzosen ein Vermögen an Steuergeldern kosten (Mme Hidalgo hat sich übrigens zu Beginn ihres Mandats 2014 gegen die OS in Paris ausgesprochen); sie führen zu tiefgreifenden Veränderungen der Stadt und der Landschaft und beschleunigen das Projekt „Grand Paris“, das kein demokratisches Projekt ist. All diese Ausgaben, nur um zwei Wochen lang ein Sportereignis zu veranstalten, und dann auch noch im August!

Laut Tony Estanguet, dem Co-Präsidenten der OS 2024, und den Mitgliedern des Bewerbungskomitees haben die Olympischen Spiele das Ziel, „die urbane Verbindung zwischen Paris und Seine-Saint-Denis zu verstärken“. Kann dieses Ereignis die Einwohner einander näherbringen?

Nein, die OS bewirken keine Annäherung zwischen Paris und der Vorstadt. Sie finden im August statt, und zu jener Zeit verlassen die Einwohner Paris. So war es auch 2012 in London. Die Bewohner, zumindest die reichen Londoner, sind aus der Stadt „geflüchtet“, um durch die Spiele nicht gestört zu werden. Die Belegungsrate der Hotels erwies sich als recht schwach. Und es wurde ein Rückgang des allgemeinen Konsums festgestellt. Der Massentourist ist kein Großeinkäufer. Genau das droht auch Paris. Die Leute werden die Stadt verlassen und ihre Wohnungen vermieten, um sich durch die Spiele etwas dazuzuverdienen.

Aber mittelfristig könnten die neuen Sportzentren in Seine-Saint-Denis Leute anlocken. Welcher Teil der Bevölkerung wird Ihrer Ansicht nach am meisten davon profitieren?

Jedenfalls nicht die Einwohner von Seine-Saint-Denis. Der Bau des olympischen Dorfs dient zunächst einmal nur den Athleten. Die Zimmer werden an ihre Bedürfnisse angepasst. Sobald die OS vorbei sind, muss man alle Zwischenwände einreißen, um familientaugliche Wohnungen zu schaffen. Patrick Braouezec, der ehemalige Abgeordnete und Bürgermeister von Saint-Denis und Präsident der Plaine Commune, ist zwar eindeutig für die Ausrichtung der OS, hat aber auf das große Risiko hingewiesen, dass sich eine neue Bevölkerungssicht in diesem Dorf ansiedelt. Er hat verstanden, dass das nicht die Einwohner von Seine-Saint-Denis sein werden (die selbst umgesiedelt werden müssen), sondern eine gentrifizierte Bevölkerungsschicht, die hohe Preise pro Quadratmeter bezahlen kann.

Und die Schwimmbäder, Sporthallen, Stadien …   

Die Neubauten werden nur von Hochleistungssportlern genutzt werden. Nach den OS werden diese Gebäude leer stehen. Sehen Sie sich zum Beispiel das Stade de France an: Dort finden kaum Wettkämpfe statt, und wenn, dann nie für die Anwohner, sondern immer nur für Spitzensportler. Die Regierung steckt das Geld für die Aufwertung von Seine-Saint-Denis allein in den Bau dieser Sportstätten – die der Bevölkerung absolut keinen Nutzen bringen.

Was sind dann die Auswirkungen für die Bevölkerung?

Ich glaube, sie lässt sich täuschen von den schönen Reden des Komitees über die olympischen Werte und Ideale (Völkerverständigung, Respekt, Fair Play, Kultur, Bildung usw.), die sämtliche Stadträte wiederholen. Alle stellen den Sport als ein Mittel des sozialen Aufstiegs dar. Das ist eine weit verbreitete Illusion, eine Propaganda, die sich kaum überbieten lässt. Hunderttausende Jugendliche glauben, dass sie durch den Fußball ein Zidane werden können. Aber leider kann das nur einem einzigen von ihnen gelingen. Ich glaube, dass die Sportbegeisterung, der Wahnsinn, der 1998 herrschte (als die französische Mannschaft mit Zinedine Zidane Fußballweltmeister wurde, Anm. d. Red.), immer noch weiterlebt, und das finde ich sehr beunruhigend. Denn das Erwachen aus dem Traum kann hart sein. Irgendwann begreifen die Leute, dass die Regierung Geld für den Bau und die Ausstattung von Sportstätten ausgegeben hat, die ihnen nichts bringen. Sie werden zig Kilometer von ihrem Zuhause vertrieben, damit ein olympisches Dorf entstehen kann, das zu einer Zone der fortgeschrittenen Gentrifizierung wird. Genau das ist mit dem Viertel Stratford in London geschehen, 2004 in Griechenland oder auch in Brasilien 2016, wo aufgrund der OS in Rio Favelas zerstört wurden, die allerdings hässlich waren, aber deren Bewohner zig Kilometer weit ausweichen mussten.

Wie könnte man denn das Geld, das man für diese Sportstätten ausgeben würde, besser einsetzen, um Seine-Saint-Denis aufzuwerten?

In Seine-Saint-Denis gibt es viele Probleme, ein großer Teil der Bevölkerung lebt in prekären Verhältnissen, die öffentlichen Verkehrsmittel reichen nicht aus. Ganz zu schweigen von Mitteln für die Gesundheit beispielsweise, denn die Krankenhäuser stehen vor dem Bankrott. Statt schwindelerregende Summen für Spitzensportstätten auszugeben, deren Instandhaltung später auch noch ein Vermögen kostet, sollte man lieber darüber nachdenken, was der Bevölkerung zusteht und tatsächlich fehlt.

Kennen Sie Beispiele für positive Auswirkungen der OS auf eine Stadt?

Ja. In Barcelona 1992. Die Katalanen hatten das Franco-Regime hinter sich, und es war nötig, das Bild einer neuen Demokratie erschaffen. Es gab eine sehr starke, spürbare Bewegung. Ein ganzes Stadtviertel wurde erneuert und zu einem ziemlich beeindruckenden Sportzentrum umgebaut. Die Folgen für die Stadt waren also insgesamt positiv. Aber heute ist der olympische Park bereits veraltet, und seine Pflege ist teuer. Außerdem haben die OS nicht dazu beigetragen, das Problem der Arbeitslosigkeit unter jungen Spaniern zu lösen.
 

Marc Perelman wurde 1953 geboren und ist ausgebildeter Architekt. Er war Dozent an der Universität Lille I und unterrichtet aktuell an der Universität Paris-Nanterre. In seiner kritischen Sporttheorie untersucht er die Gesetze des modernen Sports und seine soziopolitischen und ideologischen Funktionen.