Serbien Dragan Velikić

Dragan Velikić
Foto: Milovan Milenković

Was bedeutet für Sie der Begriff Flüchtling?

Ungerechtigkeit, Schwäche, die Notwendigkeit zu helfen, ungeachtet dessen, ob die Flucht aus Kriegen, allgemeiner Armut oder Klimaveränderung herrührt.

Ist Flucht vor Armut für Sie weniger legitim als Flucht vor Krieg oder politischer Unterdrückung?

Nein, all dies sind gleichermaßen legitime Gründe dafür, sein Land zu verlassen.

Und Flucht vor ökologischen Problemen?

Dies ist ein weiterer legitimer Grund. Wir haben kein Recht, jemand anderem die Möglichkeit vorzuenthalten, die wir selbst uns nicht vorenthalten haben.

Wann hört man auf, Flüchtling zu sein?

Man hört in dem Moment auf, Flüchtling zu sein, in dem man in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen, wenn die eigene Existenz von den eigenen Entscheidungen und der Fähigkeit abhängt, diese in die Tat umzusetzen.

Gibt es für Sie ein Recht auf Asyl?

Für mich gibt es das. Es gehört in den Bereich der Menschenrechte. Jeder, der kein Verbrechen irgendeiner Art, Gewalt oder Diebstahl begangen hat, hat das Recht, um Asyl nachzusuchen, wenn er sich in seinem Herkunftsland nicht sicher fühlt.

Wenn ja: ist es bedingungslos, oder kann man es verwirken?

Das sollte bedingungslos sein.

Glauben Sie, dass eine Gesellschaft begrenzt oder unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen kann?

Eine solche Grenze gibt es sicherlich, aber sie liegt viel höher als die Öffentlichkeit es glauben würde.

Falls begrenzt: worin bestehen diese Grenzen?

Zehn Prozent an Flüchtlingen im Vergleich zu der Anzahl von Bürgern in dem Land, das Zuflucht bietet, ist die Zahl, die ohne Konsequenzen für die aufnehmende Gesellschaft absorbiert werden kann, vor allem, wenn wir von den demokratischen Gesellschaften der Europäischen Union sprechen.

Gibt es in Ihrem Land privilegierte Flüchtlinge, d.h. solche, die Ihr Land eher aufzunehmen bereit ist als andere? Wenn ja, warum?

Serbien ist nicht länger ein Land, in dem bestimmte Flüchtlinge privilegiert sind. Leider gibt es im Land immer noch eine Anzahl serbischer Flüchtlinge aus Kroatien, die in vorübergehenden Unterkünften leben und mit vorläufigen Ausweispapieren ausgestattet sind. Doch das heißt nicht, dass die Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, die versuchen, in die Europäische Union zu gelangen, an zweiter Stelle kommen. Das ist keine Frage der Propaganda, sondern die Frage der unbestrittenen Tatsache, dass Flüchtlinge aus Asien und Afrika, die 2015 und 2016 serbischen Boden betraten, in Serbien eine sehr viel menschlichere und organisierte Behandlung erfahren als in einigen Ländern der EU, wie etwa Bulgarien und Ungarn.

Werden Flüchtlinge in Ihrem Land aus Ihrer Sicht gerecht behandelt?

Wir können hier nicht verallgemeinern. In Serbien haben viele Leute Flüchtlingen Unterstützung angeboten, aber es gibt auch solche, die dagegen waren.

Wären für Sie Einschnitte im Sozialsystem Ihres Landes akzeptabel, wenn dies helfen würde, mehr Flüchtlinge aufzunehmen?

In Serbien werden die Einschnitte im Sozialsystem bereits seit einem Vierteljahrhundert praktiziert. Aus diesem Grund ist dies kein Moment für zusätzliche Belastungen, doch gibt es sicher andere Quellen, die Mittel zur Verfügung stellen können, um Flüchtlingen zu helfen.

Was sind für Sie Voraussetzungen für erfolgreiche Integration? Gibt es Mindestanforderungen

- an die Ankommenden?

Was die Flüchtlinge anbetrifft, so sollten sie die Gesetze und Bräuche der Gesellschaft akzeptieren, von der sie Hilfe erwarten.

- an die Aufnehmenden?

Was diejenigen anbelangt, die Asyl gewähren, so sollten sie mehr Verständnis für die Situation zeigen, in der die Flüchtlinge sich befinden.

Kennen Sie persönlich Flüchtlinge?

Ja. Einige kamen nach der Operation Sturm der kroatischen Streitkräfte im August 1995 an, als mehr als zweihunderttausend serbische Bürger aus Kroatien ausgebürgert wurden.

Unterstützen Sie aktiv Flüchtlinge?

Ja, gelegentlich.

Wie wird sich die Flüchtlingssituation in Ihrem Land entwickeln?

a) in den nächsten zwei Jahren?

Das wird nicht allein die Sorge der Nichtregierungsorganisationen und der Zivilgesellschaft sein, sondern vor allem die des Landes. Eine neue Welle von Flüchtlingen, die aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und den Ländern Afrikas kommt, droht - wegen der restriktiven Politik Ungarns und Bulgariens - Serbien in ein Flüchtlingslager zu verwandeln, für dessen Unterhalt mehr Hilfe von der Europäischen Union erforderlich sein wird.

b) in den nächsten zwei Jahrzehnten?

Für Serbien ist jeder Plan, der ein Jahrzehnt als Maßstab impliziert, komplett unrealistisch.

Können Sie sich eine Welt ohne Flüchtlinge vorstellen?

Ich kann mir eine solche Welt vorstellen. In Wirklichkeit jedoch hat diese Art von Welt nie existiert, seit die Juden aus Ägypten flohen.

Wenn ja: was braucht es dazu?

Das wäre zunächst einmal eine Welt, in der der Krieg keine Konstante wäre. Doch Zivilisationen verschwinden, entwickeln sich und hören auf zu existieren wegen des kontinuierlichen Wandels, in dem Kriege eine vorrangige Rolle spielen. Die menschliche Rasse hat noch nicht die Stufe des Bewusstseins erreicht, auf der sie das Leben auf der Grundlage von Gerechtigkeit und Gleichheit organisieren würde.

Haben Sie oder Ihre Familie in der Vergangenheit Erfahrung mit Flucht gemacht?

Ich habe diese Erfahrung gemacht. Im Verlauf der Bombardierung Jugoslawiens durch die NATO war ich Flüchtling in Budapest. Ich bin mir sehr bewusst, wie wichtig die bedingungslose Hilfe eines Einzelnen ist, auch wenn es sich um eine Geste einer Person handelt, die oft anonym bleibt.

Glauben Sie, dass Sie in Ihrem Leben jemals zum Flüchtling werden?

Das kann ich nicht im Voraus wissen.

- Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Diese Art der Vorbereitung ist nutzlos.

- In welches Land würden Sie fliehen?

Österreich.

Wie viel Heimat brauchen Sie?*

Diese Menge lässt sich nicht in Maßeinheiten ausdrücken. Genau wie Freiheit ist Heimat entweder vollständig vorhanden, oder sie existiert nicht. Heimat ist dort, wo ich mich zufrieden fühle.

*Diese Frage ist Max Frischs Fragebogen zu „Heimat“ entnommen.