Korea Zin A Choi

Zin A Choi
Foto: Zin A Choi

Was bedeutet für Sie der Begriff Flüchtling?

Jemand, der den Ort, an dem er lebt, verloren hat.

Ist Flucht vor Armut für Sie weniger legitim als Flucht vor Krieg oder politischer Unterdrückung?

Nein. Armut hängt auch mit der politischen und wirtschaftlichen Situation in dem Herkunftsland zusammen und stellt eine Gefahr für die Weiterführung des Lebens dar.

Und Flucht vor ökologischen Problemen?

Ökologische Probleme wirken sich direkt auf die menschliche Existenz aus. Die Hungersnöte in Nordkorea sind auch auf Umweltprobleme zurückzuführen und viele Menschen sind aufgrund von Hungersnöten zu Flüchtlingen geworden. Sie müssen aufgenommen werden, darüber hinaus sind aber auch Maßnahmen zur Regenerierung der Umwelt nötig.

Wann hört man auf, Flüchtling zu sein?

Wenn sämtliche Staatsgrenzen verschwunden sind.

Gibt es für Sie ein Recht auf Asyl?

Ja. Alle Menschen haben ein Recht darauf, zu leben wo sie möchten, und sollten auch die Freiheit dazu haben. Außerdem gibt es das Recht, in ein anderes Land zu fliehen, wenn im eigenen Land Krieg oder wirtschaftliche Probleme herrschen.

Wenn ja: ist es bedingungslos, oder kann man es verwirken?

Als Ideal sollte ein allgemeines Recht auf Asyl bedingungslos sein. Aber das wird wohl nur schwer zu realisieren sein.

Glauben Sie, dass eine Gesellschaft begrenzt oder unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen kann?

Meiner Meinung nach kann nur eine begrenzte Zahl von Flüchtlingen aufgenommen werden.

Falls begrenzt: worin bestehen diese Grenzen?

Das hängt von dem Grad der Aufnahmebereitschaft der Bürger des Landes ab.

Gibt es in Ihrem Land privilegierte Flüchtlinge, d.h. solche, die Ihr Land eher aufzunehmen bereit ist als andere? Wenn ja, warum?

Ich lebe in Südkorea. Für Menschen, die aus Nordkorea geflohen sind, werden hier besondere Maßnahmen durchgeführt, so gibt es etwa Bildungsangebote für das Leben in der neuen Gesellschaft und Unterstützung bei der Unterbringung. Weil Flüchtlinge aus Nordkorea in ihrem Heimatland systematischer Propaganda ausgesetzt waren, erhalten sie hier gewisse Privilegien.

Werden Flüchtlinge in Ihrem Land aus Ihrer Sicht gerecht behandelt?

Nein, auf keinen Fall. Schon die Bezeichnung "Talbukja" (wörtl. "aus dem Norden geflohene Menschen", hat Konnotationen von "Überläufer") hat meiner Meinung nach eine herabwürdigende Bedeutung. Aufgrund der in der südkoreanischen Gesellschaft existierenden Feindseligkeit gegenüber Nordkorea sowie fehlender Information werden diese Flüchtlinge vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen und diskriminiert.

Wären für Sie Einschnitte im Sozialsystem Ihres Landes akzeptabel, wenn dies helfen würde, mehr Flüchtlinge aufzunehmen?

Zunächst müssen die Menschen in Südkorea davon überzeugt werden, dass noch mehr Flüchtlinge aufgenommen werden müssen. Das muss aus verschiedenen Blickwinkeln bewertet werden, etwa in Bezug auf soziale Gerechtigkeit. Ebenso müssen aber auch politische wie wirtschaftliche, sowie humanistische Aspekte bedacht werden. Wenn Südkorea Flüchtlinge aus Nordkorea aufnimmt und bezüglich deren Lebensweise eine Aussöhnung gelingt, wird sich das – angesichts der bei einer zukünftigen Wiedervereinigung Koreas zu erwartenden gesellschaftlichen Konflikte –, später mit Sicherheit als große Hilfe erweisen.

Was sind für Sie Voraussetzungen für erfolgreiche Integration? Gibt es Mindestanforderungen

- an die Ankommenden?

Initiative. Dass sie versuchen, das für sie neue Gesellschaftssystem zu verstehen und sich ihm anzupassen.

- an die Aufnehmenden?

Toleranz. Dass sie den Menschen, die aus einem anderen System kommen, Verständnis entgegenbringen und auf eine Aussöhnung hinarbeiten.

Kennen Sie persönlich Flüchtlinge?

Ich kenne einen Poeten, der aus Nordkorea geflohen ist, ein absolut rechtschaffener Mensch. Außerdem kenne ich einen sehr umgänglichen und geselligen Nordkoreaner, der ein Restaurant betreibt.

Unterstützen Sie aktiv Flüchtlinge?

Ich versuche, ihnen mit emotionalem Beistand zu helfen. Ich wünsche ihnen, dass sie sich gut eingewöhnen und hier glücklich leben können. Und ich hoffe, dass sie keine schmerzhaften Erfahrungen mit Diskriminierung erleben müssen.

Können Sie sich eine Welt ohne Flüchtlinge vorstellen?

Von so einer Welt kann man nur träumen. Eine Welt ohne Krieg, politische Unterdrückung, religiöse Konflikte. Eine Welt, in der man mit den Leuten zusammenlebt, die man liebt.

Wenn ja: was braucht es dazu?

Die Reduzierung amerikanischer Waffenarsenale. Die Auslöschung des "Islamischen Staates", die Verwirklichung von größerer Gerechtigkeit.

Haben Sie oder Ihre Familie in der Vergangenheit Erfahrung mit Flucht gemacht?

Nein.

Glauben Sie, dass Sie in Ihrem Leben jemals zum Flüchtling werden?

Das ist wohl eher unwahrscheinlich.

- Wenn ja: warum?

Auch wenn auf der koreanischen Halbinsel weiterhin nur ein Waffenstillstand herrscht, fällt es schwer, sich im Alltag darüber bewusst zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier ein Krieg ausbricht.

- Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Ich widersetze mich dem Krieg.

- In welches Land würden Sie fliehen?

Ob es wohl möglich wäre, vor einem solchen Krieg zu fliehen? Falls ja, nach Deutschland!

Wie viel Heimat brauchen Sie?*

Ich lebe in meiner Heimat und mache das Theater, das ich machen möchte. Hier in diesem Land lebt meine Familie, hier sind meine Freunde und meine Arbeit, die mir vertraute Natur, wo ich mich erholen kann. Würde ich diese Dinge verlieren, wäre ich extrem unglücklich.

*Diese Frage ist Max Frischs Fragebogen zu „Heimat“ entnommen.