Arbeits- und Beschäftigungsgenossenschaften
Genossenschaften: der Gesellschaftsvertrag von morgen?

Lieber gemeinsam brainstormen als allein, zum Beispiel in einer Arbeitsgenossenschaft
Lieber gemeinsam brainstormen als allein, zum Beispiel in einer Arbeitsgenossenschaft | Foto: Helena Lopes - CC0 1.0 Universell

Wir befinden uns im Jahre 2018 in Frankreich, dem Land der Start-ups. Unbeugsame Gallier bieten eine Alternative zu Hyperflexibilität und Überprotektionismus. Sie revolutionieren den Gegensatz zwischen Unternehmertum und Arbeitnehmerstatus. Arbeits- und Beschäftigungsgenossenschaften, in denen Unternehmer zugleich Angestellte sind, bekommen Aufwind.

Von Charlotte Noblet

Sich von Auftrag zu Auftrag hangeln oder für einen Hungerlohn langweilige Jobs annehmen, weil sie „gut für den Lebenslauf“ sind – fünf Jahre lang hat Agnès das mitgemacht, dann hatte sie endgültig die Nase voll: Wirtschaftskrise hin oder her, so konnte sie nicht ihr Leben lang arbeiten! Wie sollte sie aus ihrer unsicheren Situation herauskommen? Warum nicht mithilfe ihrer anderen Leidenschaft, dem Friseurhandwerk? Vor einem Jahr schloss sich Agnès Calu den angestellten Unternehmern von Prisme an, einer Arbeits- und Unternehmergenossenschaft in Marseille. Heute hat ihr Projekt gute Chancen:

 

Was ist eine CAE?

Eine CAE (coopérative d’activité et d’emploi, dt. „Arbeits- und Beschäftigungsgenossenschaft“) ist ein solidarischer wirtschaftlicher Zusammenschluss mehrerer Unternehmer.
Diese Form des kollektiven Unternehmertums sichert Projektträgern den Schritt in die Selbstständigkeit ab. Wer sich einer solchen Genossenschaft mit einem Projekt anschließt, profitiert von einem bestehenden rechtlichen Rahmen, dem Status eines unbefristet angestellten Unternehmers und einer sozialen Absicherung. Verwaltung, Steuerberatung und Buchhaltung werden gemeinsam genutzt. Dadurch können sich die Unternehmer ganz auf ihre Arbeit konzentrieren.

Quelle: www.economie.gouv.fr

„In Genossenschaften haben Unternehmer den sozialen Status von Angestellten, können allgemeine Kosten aufteilen und autonom arbeiten“, fasst Cyrille Rodriguez, CAE-Ansprechpartner der SCOP-Regionalvertretung PACA und Korsika, zusammen. „Heute arbeitet man nicht mehr 40 Jahre im selben Unternehmen. Die Arbeiter müssen immer flexibler werden, und nicht nur in Frankreich beobachten wir eine Uberisierung der Angestellten. Eine Genossenschaft ist eine großartige Antwort auf diese negativen Entwicklungen und die Angriffe auf das Arbeitsrecht: Sie bietet den Unternehmern einen schützenden Rahmen und eine gemeinschaftliche Führungsstruktur, denn nach höchstens drei Jahren werden die Angestellten Teilhaber und entscheiden über die Ziele ihrer Genossenschaft.“

Ein Status, der Freiheit mit Sicherheit verbindet

In Frankreich gibt es über 100 Arbeits- und Beschäftigungsgenossenschaften, in denen laut den beiden französischen CAE-Netzwerken Coopérer pour entreprendre und Copéa über 10.000 Unternehmer unbefristet angestellt sind. „Das bleibt natürlich eine Randerscheinung im Vergleich zu den 100.000 Angestellten von Trägergesellschaften für Freiberufler“, gibt Cyrille Rodriguez zu und fährt dann fort: „Aber in diesen Gesellschaften bekommen Unternehmer für 10 Prozent ihres Umsatzes nur einen Gehaltszettel. Die Genossenschaften hingegen müssen ihren angestellten Unternehmern eine persönliche Begleitung anbieten.“ Und er erklärt: „Den Genossenschaften geht es nicht um Gewinn, sondern um Gemeinschaft und soziale Absicherung. Das ist eine Frage der Lebenseinstellung und der Werte.“

Informeller Austausch stärkt die kollaborative Dynamik in den Genossenschaften
Informeller Austausch stärkt die kollaborative Dynamik in den Genossenschaften | Foto: CC-BY-SA : Charlotte-noblet.eu
Oualid Dellai (42 Jahre) trat einer Genossenschaft bei, nachdem er das Unternehmen kaufte, dessen einziger Angestellter er war. Er wollte nicht mehr „um jeden Preis Umsatz machen“, sondern seine Arbeit im Bereich Beleuchtung mithilfe von Glasfasern für Unternehmen weiterentwickeln:

Knapp ein Jahr später staunt Oualid noch immer: „Durch unsere allgemeine Genossenschaft kann ich direkt mit Firmengründern, Fotografen und Landschaftsgärtnern zusammenarbeiten – und zwar noch besser, als ich es mir je hätte vorstellen können: Wir reagieren gemeinsam auf Projektausschreibungen und entwickeln auch eigene Projekte.“

Gestern das kapitalistische Unternehmen, heute die Genossenschaft?

Seit über 20 Jahren vereinen die Genossenschaften ein individuelles Vorgehen und eine kollektive Dimension. Nachdem sie lange eine Randerscheinung waren, erleben sie heute einen Aufschwung. „Dennoch ist ihr Erfolg nicht allein der Finanzkrise geschuldet. Dass sie immer mehr Bewerber anziehen, liegt auch daran, dass sie viel tiefer greifenden Veränderungen unserer Gesellschaft entsprechen“, schreibt Elisabeth Bost, einer der Köpfe des kollaborativen Denkens in Frankreich, in ihrem Buch Aux entreprenants associés (2016, Éditions Repas).

Die Genossenschaften wirken Arbeitslosigkeit entgegen, aber vor allem schaffen sie wieder ein Verhältnis zur Arbeit, indem sie Eigeninitiative und Solidarität vereinen. Isabelle Berviller (51 Jahre) schätzt es, dass sie ihre neue Tätigkeit so in einem wohlwollenden Umfeld testen konnte:
 

Kollektive Dynamik und Synergieeffekte

Die 64-jährige Monik Vernier ist überzeugt: Die Genossenschaft ist die Zukunft der Arbeitswelt! Die Kostümschneiderin und Schneider-Ausbilderin hat im Lauf ihrer Karriere im staatlichen Bildungssystem tonnenweise Formulare ausgefüllt. „Ich wollte anders arbeiten, ohne Papierkram.“ Im September 2017 erzählte ihre Nichte ihr von den Genossenschaften, und weniger als ein Jahr später bereitet sich Monik nun auf die Teilnahme am FabLab von Prisme vor, das demnächst in Avignon eröffnet und Textilkenntnisse mit digitalen Kompetenzen vereint.

Die Genossenschaft Prisme zählt 35 angestellte Unternehmer, die mit ihren Beiträgen in Höhe von 12 Prozent ihrer Brutto-Marge drei Personen finanzieren. Julie Weirich gehört zum Support-Team: „Ich bin für unsere angestellten Unternehmer da und sorge dafür, dass sie sich wohlfühlen.“ Für Julie passt die Genossenschaft zum Zeitgeist: „Wir müssen oft mehrere Funktionen ausüben, und dank der Genossenschaft funktioniert das ohne administrative Schwierigkeiten. Bei Prisme haben wir ‚Multijobber‘ mit mehreren Berufen wie Agnès, Isabelle und Monik. Ihre unterschiedlichen Kompetenzen bereichern den Austausch sowohl bei offiziellen Fortbildungen als auch lockeren Gesprächen unter den Genossenschaftsmitgliedern.“ 

Durch regelmäßige Weiterbildung werden die Kompetenzen in den Genossenschaften erweitert
Durch regelmäßige Weiterbildung werden die Kompetenzen in den Genossenschaften erweitert | Foto: CC-BY-SA : Charlotte-noblet.eu
Dank dem Gesetz zur Sozial- und Solidarwirtschaft von 2014 (loi relative à l'Économie Sociale et Solidaire de 2014) verfügen die Genossenschaften jetzt über einen sicheren Rahmen. „Wir wissen heute, wie eine Genossenschaft finanziell unabhängig sein kann, wie unsere angestellten Unternehmer selbst Leute einstellen können usw.“, erklärt Prisme-Mitgründer Fabrice Nicol und fügt hinzu: „Die neuen Herausforderungen liegen woanders: Zum Beispiel müssen wir die maximale Größe unserer Genossenschaften festlegen und uns gegenüber Online-Plattformen positionieren.“ Fabrice Nicol hält sich über Genossenschaften auf dem Laufenden, so auch über die belgische Genossenschaft SMart, der zweitweise ein Deal mit Deliveroo gelungen war. Schon 2016 vertrat SMart-Chef Sandrino Graceffa in seinem Buch Refaire le monde du travail das Modell eines universellen Gesellschaftsvertrags auf europäischer Ebene. Wird diese Idee sich durchsetzen können?
 

Bücher zum Thema:

  • Aux entreprenants associés – La coopérative d'activités et d'emploi (2016) von Elisabeth Bost, erschienen bei Editions Repas.
  • Refaire le monde du travail (2016) von Sandrino Graceffa, erschienen bei Editions Repas.

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