Das kulturelle Leben in Belgien nach der Finanzkrise
„Wir arbeiten seit 13 Jahren mit demselben Budget."

German Jazz Nights in Brüssel
German Jazz Nights in Brüssel | © Caroline Lessire

Nachdem verantwortungslose Spekulationsgeschäfte im Jahr 2008 den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers ausgelöst hatten, schlitterte Europa in die schlimmste Wirtschafts- und Finanzkrise seit 1929. Diese Depression hatte sowohl konkrete als auch weniger klar erkennbare Auswirkungen auf die ungezügelte Schaffenskraft der belgischen Künstler.

Von Astrid Jansen

In einer Krisensituation wird das Wohlbefinden der Bevölkerung oftmals zugunsten von Wirtschaft und Sicherheit zurückgestellt. Der Betrag, den die föderale Regierung vor zehn Jahren für die Bankenrettung bereitstellte, entspricht dem Budget, das für zwei Jahrhunderte Kulturpolitik zur Verfügung steht. Im Kulturbereich sind die Nachwirkungen dieser Depression besonders spürbar: Die öffentliche wie auch die private Kaufkraft gingen zurück, kulturelle Vereinigungen lösten sich auf und die Underground-Kultur sowie die alternative Kulturszene sind vom Aussterben bedroht. „Der Kultursektor hat sich an den Markt angepasst und verstärkt auf eine weniger gewagte, sicherere Programmgestaltung gesetzt“, erläutert Eric Corijn, Professor für Sozial- und Kulturgeografie an der VUB und Co-Leiter des Masterstudiengangs POLIS. Andererseits wurde als Reaktion auf diese Situation die Bewegung Hart boven Hard und ihr französischsprachiges Pendant Tout autre Chose ins Leben gerufen. „Diese Bürgerbewegungen bildeten ein Bündnis innerhalb der Zivilgesellschaft, um auf die Sparpolitik und den Aufstieg der Rechten zu reagieren.“ Kostia Pace, Leiter der Jazz Station, kann die politischen Entscheidungen nachvollziehen: „Durch verstärkte Kontrollen konnten manche Exzesse eingedämmt werden“, aber er bedauert, dass dadurch „eine weniger vielschichtige und weniger freie Kultur geschaffen wurde“.

Sind die Auswirkungen einer Finanzkrise auf die Kultur messbar?

Kulturzentrum Les Riches Claires
Kulturzentrum Les Riches Claires | © Bartomeo La Punzina
Aufgrund der Besonderheiten des Kultursektors sind diese Folgen nur schwer quantifizierbar, denn „im Kulturbereich steht nicht die wirtschaftliche Rentabilität im Vordergrund“, betont Eric De Staercke, Leiter des Kulturzentrums Riches-Claires. „Die Anzahl der Zuschauer steigt, wir verzeichnen einen Zuwachs. Doch die Infrastruktur ist veraltet, nicht für Personen mit eingeschränkter Mobilität geeignet und der Backstage-Bereich ist in manchen Fällen sanierungsbedürftig. Die Auswirkungen der Krise haben sich vor allem in Bezug auf die Gehälter sowie in der Tatsache gezeigt, dass bei den Produktionen weniger Risiken eingegangen werden. Ein gutes Bespiel für die erfolgte Rückentwicklung ist der RTBF, der den Künstlern heute ein geringeres Arbeitsentgelt bietet als 2008“, fährt er fort. Auch staatliche Kulturstätten und wissenschaftliche Einrichtungen mussten ihre Ausgaben reduzieren und sich nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten umsehen. „Ich bin 2012 zu Bozar gestoßen. Seitdem wurden die Auswirkungen der Krise durch die Zeit und andere Ereignisse wie die Anschläge oder Einschränkungen bei der Mobilität verwässert“, erklärt Jérémie Leroy, Finanzleiter von Bozar, und führt weiter aus: „Es ist schwierig, eine Verbindung zwischen diesem sehr finanzbezogenen Ereignis und dem Kulturbetrieb herzustellen.“ Bozar basiert nämlich auf einem ganz besonderen Finanzierungsmodell und hat eine überzeugende Partnerschaftsstrategie entwickelt, sodass die Zuwendungen weniger als 50 % des Budgets ausmachen.

Das Motto in der Föderation Wallonie-Brüssel: Bestehendes erhalten

2013 kündigte die Föderation Wallonie-Brüssel einen 1-prozentigen Schnitt quer über alle Vereinbarungen und Programmverträge an. „Hinzu kommt, dass die Zuwendungen im gesamten Kultursektor seit 2011 nicht mehr an den Index angepasst und die Kultureinrichtungen gebeten wurden, ihr Budget möglichst wirtschaftlich einzusetzen“, erläutert André-Marie Poncelet, Generalverwalter für Kultur im Ministerium der Föderation Wallonie-Brüssel. „Für die lokalen Behörden stellte Kultur kein Luxusgut dar und durch diese Einsparungen konnten die bestehenden Akteure erhalten werden. Doch diese Entscheidung hatte ihren Preis: In den letzten zehn Jahren war der Ausbau der kulturellen Aktivitäten rückläufig, Innovationen stagnierten und neue Projekte wurden nicht unterstützt“, gesteht der Verwalter ein. Matteo Segers, Leiter der Vereinigung der Kulturzentren der französischsprachigen Gemeinschaft Association des Centres culturels de la Communauté française, weist darauf hin, dass „in dem Bestreben gehandelt wird, die Anerkennung neuer Kulturzentren aufzuschieben.“ 2018 führte die Ministerin für Kultur, Alda Gréoli, zwar ein System für die Kostenerstattung ein, die Indexanpassung wurde allerdings nicht wieder in Kraft gesetzt. Matteo Segers schätzt, dass dem Kultursektor zwischen 2011 und 2017 ein Verlust von „2,7 Millionen Euro“ entstanden ist. Die Auswirkungen sind im Allgemeinen sehr vielschichtig und unterscheiden sich von Kulturzentrum zu Kulturzentrum. „Es wurde nicht auf unmittelbare Sparmaßnahmen gesetzt, sondern eher eine Politik der Schadensbegrenzung verfolgt“, folgert der Leiter der Vereinigung der Kulturzentren. Im Bereich der darstellenden Kunst wurden zum heutigen Tag 236 Programmverträge neu aufgesetzt und „ungefähr vierzig neue Akteure erhalten in den nächsten fünf Jahren strukturelle Förderungen“, führt André-Marie Poncelet aus.

Flandern hat die Krise mit voller Wucht getroffen

Die Genossenschaft Smart rechnete im Jahr 2015 damit, dass „die Einsparungen im Kulturbereich auf flämischer Seite 32 Millionen Euro betragen werden“. Die Regierung hatte gerade beschlossen, die Zuwendungen für Theater- und Tanzeinrichtungen um 7,5 % zu kürzen. „Wir arbeiten seit 13 Jahren mit demselben Budget. Wenn man die derzeitige Inflation berücksichtigt, entspricht das einer Kürzung von mindestens 30 %“, erklärt Jos Verbist, Leiter des Theater Antigone. „Die Kultur ist von der Bereitschaft der Politik abhängig, Geld für Kultur ausgeben zu wollen, und die derzeit amtierenden Verwalter wollen keine Mittel für kulturelle Projekte bereitstellen.“ Nach den Wahlen im Jahr 2012 hat die Rechtsregierung in Flandern „in aller Stille eine radikale Sparpolitik eingeführt, die drastische Kürzungen im Sozial- und Kulturbereich zur Folge hatte. Es kam zu Einschnitten bei allen Arten von Förderungen“, schildert Eric Corijn. Während die Maßnahmen in Wallonien und Brüssel alle Bereiche betrafen, wurde in Flandern von Fall zu Fall entschieden. Doch in Flandern „wird das wirtschaftliche Potenzial kultureller Einrichtungen besser genutzt. Eine riesige Anzahl verschiedenster Aktivitäten wird zentral verwaltet. Im Süden des Landes fehlt es an einer ganzheitlichen Perspektive und das Konzept der ‚Gütergemeinschaft‘ ist weniger präsent“, erläutert Eric De Staercke.

Den Kurs beibehalten

Kostia Pace
Direktor und Programmleiter der Jazz Station in Brüssel, Kostia Pace. | © Raymond Dakoua
Einige Einrichtungen haben die Krise dank guter Kommunikation und Solidarität überstanden. „Doch dafür mussten Opfer gebracht werden. In der neuen Wirtschaftswelt stehen Preise, Einkünfte, Vorlieben und verbundene Güter im Mittelpunkt. Die Kultur ist ein Teil der Wirtschaft, aber sie darf nicht davon abhängig sein“, findet Kostia Pace, der dabei zusehen musste, wie in den letzten sechs Jahren zahlreiche kleine Kulturstätten verschwanden. Wagemutige Projekte werden immer von autonomen Einrichtungen von bescheidener Größe ins Leben gerufen. Eric De Staercke ist allerdings der Ansicht, dass die Liberalen solchen aufstrebenden Kultureinrichtungen keine Priorität beimessen, denn „die Politiker versuchen, alle Schöpfungen in den konventionellen Theatern zu konzentrieren. Wir erleben derzeit die Entwicklung von Theater-Supermärkten. Das wird nicht funktionieren, denn die belgischen Künstler sind dazu berufen, nach ihrem eigenen Tempo zu arbeiten.“ Abschließend ist festzuhalten, dass sich die Kultur stets an die wirtschaftlichen Gegebenheiten angepasst hat. Wie Kostia Pace so schön sagte: „Die einzige Möglichkeit, der Dunkelheit der Krise zu entfliehen, besteht darin, ihr das Strahlendste entgegenzusetzen, das die Menschheit zu bieten hat: die Kunst.“

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