Marc Chagall
Geschichtenerzähler über das entstehende Europa

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Marc Chagall, der französische Maler russisch-jüdischer Herkunft, gehörte zur Avantgarde der Vorkriegszeit in Frankreich. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs begann für ihn eine Odyssee.

Marc Chagalls verkörpert den „ewigen Juden“. Bevor er im Jahre 1914 seinen ersten Erfolg in Berlin feiert, kommt er mit dem sprudelnden Pariser Leben in Berührung. Seine Bilder spiegeln das Ende des zaristischen Russlands, den französischen Rationalismus und die deutsche Romantik wider. Die Eindrücke der unterschiedlichen Länder begleiten den russisch-stämmigen Künstler sein ganzes Leben. Beide Weltkriege, aber insbesondere der Erste, haben sein Schicksal gezeichnet.

„Zweifellos hat nie jemand meine Augen derart mit Licht überflutet“, schrieb der Dichter Louis Aragon über Marc Chagall. Ganz ähnlich bestaunen heute die jährlich 180.000 Besucher Marc Chagalls Werke im Musée Marc Chagall in Nizza. Zwölf der 17 Bilder, aus denen seine biblische Botschaft besteht und die Chagall in der Zeit zwischen 1954 und 1967 produziert, hängt er im Jahre 1973 dort persönlich auf. Das Nizzaer Museum ist das erste, welches Chagall zu seinen Lebzeiten mit seinem Namen würdigt.

Seine frühesten Inspirationen schöpft der heute weltweit bekannte Künstler aus seiner Geburtsstadt Witebsk im heutigen Weißrussland, wo er 1887 in eine bescheidene, jüdische Familie hineingeboren wird. Zurückgezogen wächst er in einem ländlichen und kulturfernen Umfeld auf. Schließlich zieht er zum Studieren nach Sankt Petersburg, von wo aus ihm eine Studienfahrt nach Paris finanziert wird.

1910-1914: Paris und das Licht der Freiheit

In Paris ist man von seinem folkloristischen Stil und seinem Wissen über die russisch-orientale Farbenwelt fasziniert. Hier lernt Chagall den Fauvismus, Kubismus und den Surrealismus kennen. Er bezieht ein Atelier in der Künstlerkolonie La Ruche, wo Robert Delaunay, André Salmon und Chaim Soutine zu seinen direkten Nachbarn zählen. Der junge Russe lässt sich von den aktuellen Modeströmungen zwar beeinflussen, schließt sich aber keiner von ihnen selbst an. Apollinaire ist von Chagalls eigener Symbolsprache berührt und empfiehlt ihn an den Mentor des deutschen Expressionismus, Herwarth Walden, weiter. Er ist der Besitzer der Galerie Der Sturm.

1914: Als Europäischer Maler in Berlin

Die Berliner Kunstgalerie Der Sturm organisiert im Jahre 1914 die erste Einzelausstellung von Chagall und verhilft ihm zu europaweiter Anerkennung als Maler. Während der Ausstellung lebt der junge Künstler in Deutschlands Hauptstadt. Doch er sehnt sich nach Bella Rosenfeld, seiner russischen Verlobten, die er 1909 kennengelernt hat, und beschließt, für einige Monate nach Russland zurückzukehren.

1914-1918: Mach Liebe, nicht Krieg in Russland

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs hindert Chagall daran, nach Paris zurückzukehren, denn die Grenzen werden geschlossen. Chagall beschließt, Bella zu heiraten: „Der Krieg brach aus, und ich habe Hochzeit gehalten“, erzählt er im Rückblick. „Ich machte mobil, aber in eine ganz andere Richtung.“
Chagall malt zu dieser Zeit viel im Truppenstandort Witebsk: Auf seinen Bildern sieht man Soldatentransfers, Verletztentransporte und die Ankunft der von der Frontlinie Vertriebenen. Der Maler prangert die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf die Bevölkerung an und entwickelt zahlreiche Symbolfiguren vom „ewigen Juden“, meist über Häusern schwebend wie auf dem Bild Über Witebsk (1915-1920). Die Werke illustrieren Judenverfolgungen, denn die Juden wurden von der russischen Armee der Spionage verdächtigt.

1917: Ein russischer Revolutionär ohne Anpassungswillen

Mit der bolschewistischen Revolution von 1917 und der Verfügung über Gleichberechtigung für russische Juden erhält Marc Chagall einen Bürgerstatus. Der Künstler ist von der neuen Gesellschaftsordnung begeistert, wovon sein Bild Der Reisende (1917), Symbol des in großen Schritten voranschreitenden Kommunismus, zeugt. Von der sowjetischen Machtaneignung ist er unterdessen enttäuscht. „Weder das Russland der Sowjets noch das Zarenreich brauchen mich“, schreibt er in seinen Memoiren Mein Leben. Die Gemälde, die Chagall für das Kamerny-Theater in Moskau anfertigt, werden von den Sowjets entfernt, da die von der jiddischen Mythologie inspirierten Motive der Ideologie nicht angemessen waren. 1920 wurde Chagall von der Kunsthochschule in Witebsk entlassen, die er zuvor selbst gegründet hatte. Chagall hat Russland also nicht aus politischen Gründen verlassen, sondern aus künstlerischen.

1923: Zwischen zwei Weltkriegen – ein friedlicher Zeitgenosse in Paris

Nach dem Ersten Weltkrieg reist Chagall erneut nach Berlin. Seine Bilder wurden während seiner Abwesenheit verkauft, doch aufgrund der Inflation macht er keinerlei Gewinn daran. Der Maler beschließt, sich endgültig mit Frau und Kind in Paris niederzulassen.

Sein Atelier in der Künstlerkolonie La Ruche wurde indessen geplündert, was ihn dazu anregt, einige seiner Gouachemalereien wie Der Viehhändler oder Die Geburt (1912) noch einmal zu malen. „Chagall bürgert auch seine Tiere in Frankreich ein“, erklärt der Kunsthistoriker Pierre Schneider. Die jüdischen Fabeltiere werden von weltlichen Tieren wie der Ziege oder dem Hahn ersetzt.
Chagall ist erneut auf Erfolgskurs, aber der Zweite Weltkrieg zerstört das fragile Gleichgewicht: Seine Werke werden als entartet bezeichnet und Chagall wird dazu gezwungen, nach Amerika auszuwandern.

Chagall verkörpert die Figur des autodidaktischen Malers, des emigrierten Russen und des ewigen Juden, erschüttert von der Geschichte des 20. Jahrhunderts, was sich in dem 1964 entstandenen Meisterwerk zeigt – Das Leben, welches bis zum 6. Oktober 2014 im Musée Marc Chagall in Nizza zu sehen ist. In dem riesigen Gemälde spiegelt sich die kollektive und persönliche Geschichte eines Künstlers wieder, der seinen Wurzeln immer treu geblieben ist.

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