Die Konzeption von Bibliotheken in Frankreich
Mehr als ein architektonischer Spaziergang

Bibliothek in Montpellier
Außenansicht Mediathek Emile Zola, Archtitekten Paul Chemetov, Borja Huidobro ADAGP 2019 | © Olivier Wogensky

Der Architekt und Stadtplaner Paul Chemetov hat in Frankreich rund ein Dutzend Bibliotheken und Mediatheken errichtet. Hier spricht er mit uns über seine Sicht auf die Entwicklung öffentlicher Aufträge, über seine Überlegungen zum Inhalt der aktuellen Bibliotheken und Mediatheken und natürlich über ihre Form, nämlich die Gebäude an sich. Ein Interview.

Von Charlotte Noblet

Sie sind der Architekt von gut einem Dutzend Bibliotheken in Frankreich. Liegt das an einer besonderen Neigung Ihrerseits?

Paul Chemetov
Der Architekt und Stadtplaner Paul Chemetov hat in Frankreich rund ein Dutzend Bibliotheken errichtet. | © Brigitte Lacombe
Ich bin zwar ein begeisterter Leser, aber das ist nicht der Grund, weshalb ich Bibliotheken baue! Es kommt eher daher, dass im Rahmen der öffentlichen Aufträge in Frankreich eine Zeit lang Schwimmbäder, Kulturhäuser usw. durch Bibliotheken ersetzt werden sollten. Dadurch konnte ich 1995 in Évreux meine erste Bibliothek errichten. Dann bewarb ich mich für weitere Bibliotheken und wurde ausgewählt, um sie zu verwirklichen. Deshalb gelte ich heute im französischen System der Bewerbungsverfahren mit Vorauswahl als „Bibliotheksspezialist“, und so kam es zu dieser sehr langen Reihe von Bibliotheken.
 
1995 stellten Sie die Bibliothek von Évreux fertig, 2007 die von Chartres. Wie haben sich die öffentlichen Aufträge Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren entwickelt?


Die Entwicklung der öffentlichen Aufträge sieht man gut am Beispiel der Bibliothek von Montpellier, die wir 2000 fertigstellten. Damals förderte der französische Staat städtische Bibliotheken und Mediatheken mit regionaler Ausrichtung, die sogenannten „BMVR“. Die Bibliothek von Montpellier war ein Versuchsballon. Jetzt werden Teile davon renoviert, und ich bin als Berater des Bauherrn dabei. Heute ziehen Videospielabteilungen in die Bibliotheken ein – für mich das genaue Gegenteil dessen, was eine Bibliothek sein sollte! Als man die Bibliotheken in „Mediatheken“ umbenannte, wurden sie schon um andere Medien als Bücher erweitert, aber Videospiele sind kulturell wirklich unterstes Niveau!
 
Also hat sich die Rolle einer Bibliothek oder Mediathek in den letzten Jahren stark verändert?

Ich kann keine allgemeinen Aussagen machen, aber meiner Meinung nach liegt die Antwort direkt in der Entwicklung der Ministerien. André Malraux, ein Mann der Kultur, oder Jacques Lang, ein Mann des Theaters, verfügten über ein immenses Budget und betrieben wahre Kulturpolitik. Heute hat das Kultusministerium weder denselben Einfluss noch dieselbe Rolle wie André Malraux bei Charles de Gaulle oder Jacques Lang bei François Mitterrand. Die jetzigen Kultusminister sind keine hochrangigen Minister mehr, die den Herrschern etwas ins Ohr flüstern, und die politischen Interessen sind nicht mehr auf die Kultur ausgerichtet. Außerdem haben wir heute ein Ministerium für Kultur und Kommunikation, was in meinen Augen sogar widersprüchlich ist, denn die Kultur „kommuniziert“ nicht. Sie rüttelt auf, stört, hinterfragt, aber sie kommuniziert nicht.
 
Sie sagen, die politischen Interessen hinsichtlich der Kultur hätten sich geändert. Merken Sie das an den Budgets, die Bibliotheken zugeteilt werden?

Die Budgets für öffentliche Bauprojekte sind nicht dieselben wie die von Mäzenen wie Bernard Arnault oder François Pinault. Ihre Bauwerke sind bis zu fünfmal teurer als die der öffentlichen Hand. Natürlich lassen sich die Leute, übrigens auch Architekten, mit optischen Effekten, Kitsch und enormen Ausgaben beeindrucken. Man kann bei den Bibliotheken also eine Art Migration vom Inneren zum Äußeren beobachten. Man lässt die Fassaden schillern auf Kosten des Klimas und des Lichts im Inneren, des Raumgefühls, der Geräusche und Töne, die eine Bibliothek erfüllen. Gehen Sie über Parkettboden? Ist das Licht natürlich oder künstlich? Solche Fragen sind die wirklich wichtigen Faktoren bei einer Bibliothek! Der Rest ist nebensächlich. Es geht nicht nur darum, einen architektonischen Spaziergang zu entwerfen.
 
Aber soll der Architekt einer Bibliothek mit der Fassade seines Gebäudes nicht auch Nutzer anziehen?

Der Architekt ist nicht Gott: Um Nutzer ins Innere einer Bibliothek zu locken, ist eine ganze Kette der Kulturvermittlung notwendig. Aber es stimmt schon, dass die heutige Zeit sehr kompliziert ist. Heute müssen Gebäude wie Slogans wirken. Dabei sollten sie eher wie Aspirin sein: Nicht auf die momentane Wirkung, sondern auf die Nachwirkung kommt es an. Ein gutes Gebäude beeindruckt uns auch 50, 100, 150 Jahre nach seiner Errichtung und manchmal noch viel länger.
 
In seinem Ministerialbericht schildert Erik Orsenna die Entwicklung der Bibliotheken hin zu „Drittorten“ mit Raum für Coworking Spaces, Vertretungen der Arbeitsagentur, Kursen für die digitale Bildung von Senioren … Was halten Sie davon?

Damit verwandelt man die Bibliotheken in Supermärkte! Es ist ja schön und gut, wenn man seine Zugtickets bei Édouard Leclerc kaufen kann, aber mir gefällt eine solche Mischung überhaupt nicht.
 
Bibliotheken als „Supermärkte der Kultur“ sagen Ihnen nicht zu. Aber kommen die Nutzer nicht gerade in die Bibliothek, um Kultur zu konsumieren?

Das müsste man Experten wie den Soziologen Jean Viard fragen, der die Entwicklung der Zeitfenster für Freizeit, des Verhaltens in der Freizeit usw. untersucht. Die Beziehung zur Kultur ist heute sehr schwer zu erfassen. Sie ist nicht mehr einheitlich. Die Meritokratie der Dritten Französischen Republik mit dem Übergang vom Analphabetismus zum Lesen, Schreiben und den vier Grundrechenarten liegt hinter uns. Jean Vilar und das Festival von Avignon, Jeanne Laurent und die Kulturverwaltung, all das gehört einer anderen Zeit an, auch wenn es sich in der heutigen, stärker gespaltenen, stärker zersplitterten Gesellschaft fortsetzt.
 
Beeinflussen die neuen Verhaltensweisen und Nutzungsarten die Anforderungen an unsere Bibliotheken und ihre Gestaltung?

Ich habe meine Bibliotheken unabhängig davon entworfen. Ich kann Ihnen nur von meiner jüngsten Erfahrung aus Montpellier mit dem neuen Unterhaltungsprogramm erzählen, denn Videospiele sind Unterhaltung! Man lernt höchstens über den Umweg eines Quiz, wann Madame de Staël geboren wurde! Unter diesen Umständen versuche ich, der Videospielabteilung einen Platz zwischen den anderen Bereichen zu geben und keine abgeschottete Welt mit schwarzen Vorhängen, erschreckenden Geräuschen usw. daraus zu machen. Wir sind ja nicht in der Geisterbahn! Aber wir sind auch weit von dem entfernt, wie der amerikanische Architekt Louis Kahn eine Bibliothek beschrieb: Für ihn nimmt sich der Nutzer ein Buch aus dem Regal, legt es auf einen beleuchteten Tisch und liest. In seinen Worten spürt man durch das Regal das Material Holz, vielleicht auch den Duft von gebohnerten Dielen. Die Beziehung des Nutzers zum Gegenstand Buch ist nicht dieselbe wie zum Beispiel die des Nutzers zu einem Tablet.
 
Spiegelt sich der bedeutende Platz von Bildschirmen in der heutigen Lebensweise auch in einer Bibliothek wider?

Bisher habe ich noch kein Gebäude errichtet, das ausschließlich digitale Ressourcen anbietet. Denken Sie einmal an die Musik: Auch da gibt es digitale Datenträger, aber Schallplatten haben ihren Platz behalten, und sei es nur unter Sammlern. Obwohl sich die Tonträger weiterentwickeln. Genauso ist es bei Büchern: Sie stehen immer noch in den Regalen.
 
Eine weitere Tatsache: Lesesäle werden immer seltener. Verlangt man von Ihnen, Platz zu sparen, oder wie erklären Sie das?

Ich erkläre gar nichts, sondern stelle fest, dass das eine soziale, politische und kulturelle Angelegenheit ist. Ebenso können Sie feststellen, dass Erwachsene und nicht nur Kinder Comics lesen. Die Abenteuer von Adèle Blanc-Sec oder Corto Maltese können ein Zugang zur Kultur sein und zur Lektüre eines Buchs führen. All das hängt zusammen und wirkt sich aufeinander aus.
 
Schlagen sich die neuen Nutzungsarten in den Wünschen der Bibliothekare bezüglich der Aufteilung des Gebäudes nieder?

Manche Bibliothekare wollen Leser gewinnen, der Mode folgen. Sie wollen auf dem neusten Stand sein und glauben nicht mehr an die alten Bibliotheken. Aber die Wünsche sind sehr individuell. Eins steht fest: Die Gesellschaft ist kultivierter und informierter als die unserer Groß- oder Urgroßeltern, und die Informationskanäle sind zahlreich und manchmal überraschend. Ich stelle also eine Entwicklung der Programme fest und bemühe mich, dass mein Gebäude eben jenen Entwicklungen folgen kann. Ein gutes Gebäude soll zum Beispiel eine Rückkehr zum Lesen ermöglichen und keine große Geisterbahn bleiben, die keine anderen Nutzungsarten mehr findet, wenn die Mode der Videospiele vorbei ist. Zu den Vorzügen eines Gebäudes gehört, dass es nacheinander auf verschiedene Arten genutzt werden kann. Einige meiner Bibliotheken verfügen über diese Eigenschaft und passen sich den jeweiligen Nutzungsarten an, bleiben dabei jedoch ihrer ursprünglichen Ausrichtung treu.

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