Innovation in französischen Bibliotheken
„Die Bibliothek geht neue Wege, um soziale Bindung herzustellen“

BiblioFab
BiblioFab | © SA Bibliofab

Um den Bedürfnissen ihrer Nutzer gerecht zu werden, erschaffen die französischen Bibliotheken innovative Angebote: Zugang zu neuen digitalen Ressourcen, Mitbestimmung, veränderbare Räume … Das Ziel: unterschiedliche soziale Schichten und Generationen an einem Ort zusammenzubringen

Von Aurélie Le Floch

Digitale Innovation: neue Nutzungsarten, neues Angebot

In den 2000er Jahren war die Verbreitung des Internets ein Wendepunkt für die öffentlichen Bibliotheken. Inzwischen geben Bibliothekare in den sozialen Netzwerken Lesetipps, und die Nutzer verfügen über zahlreiche Medien, um Informationen und kulturellen Input zu erhalten. Dabei bleiben die Bibliotheken ein Zugangspunkt zum Internet und zur Einführung in die Medien, und sie gehen neue Wege, um die digitalen Ressourcen möglichst vielen Menschen zu erschließen: Verleih von E-Books, E-Readern und Tablets, Bereitstellung von Räumen für digitale Kreativität (siehe Kasten) usw.
Die Möglichkeiten durch die neuen Technologien sind ein wichtiger Aspekt der Innovation, doch sie nimmt auch andere Formen an.

Den Bedürfnissen aller Zielgruppen gerecht werden

Seit gut zehn Jahren ist die Bibliothek nicht mehr nur ein Ort, den man besucht, um Bücher auszuleihen und in Ruhe zu lesen. 2017 waren nur 39 % der Nutzer öffentlicher französischer Bibliotheken dort für die Ausleihe registriert. Doch zugleich steigt die Besucherzahl, und die Zielgruppen haben unterschiedlichere Bedürfnisse. Um diese zu erfüllen, schaffen die Einrichtungen veränderbare Räume, in denen verschiedenste Aktivitäten und nicht nur klassische Veranstaltungen wie Lesungen oder Begegnungen mit Autoren stattfinden können.

Die Médiathèque de la Canopée la fontaine im Forum des Halles im Zentrum von Paris wird von Jugendlichen aus der ganzen Stadt, jungen Pariser Berufstätigen, Familien und Studenten ebenso wie sozial schwachen Bevölkerungsschichten (Migranten, Obdachlosen) besucht. Die Räume sind darauf ausgerichtet, unterschiedlichste Erwartungen zu erfüllen. Die Abteilungen Science-Fiction und Urbane Kulturen verfügen über Regale auf Rollen und verwandeln sich in einen Vorführungssaal, während ein ruhigerer Bereich der Zeitungslektüre vorbehalten bleibt. Mit rund 300 Veranstaltungen im Jahr spiegelt das Programm die diversen Zielgruppen wider: Bürgertreffen, Gesellschaftsspiele, Konversation auf Französisch als Fremdsprache, 3-D-Werkstätten, Kalligrafie, Comic-Café usw.
Eingangsbereich der Médiathèque de La Canopée-La Fontaine
Eingangsbereich der Médiathèque de La Canopée-La Fontaine | © Médiathèque de La Canopée-La Fontaine

„Die Bedürfnisse der Leser zu erfüllen bedeutet auch, dass wir unsere Öffnungszeiten anpassen, damit Berufstätige nach der Arbeit oder am Sonntag Bücher ausleihen können“, erklärt die Leiterin Sophie Bobet. Mit ihrem Team engagiert sie sich sehr für die inklusive Aufnahme aller Zielgruppen, zum Beispiel durch einen Empfang für Taube oder das Programm für Migranten, die Französisch lernen. Außerdem sind die Räume darauf ausgerichtet, die Eigenständigkeit der Nutzer zu fördern: „Zusätzlich zur Automatisierung der Ausleihe sind unsere Neuheiten schon sehr kurz nach ihrem Erscheinungstermin auf Tischen ausgelegt wie in einem Buchladen.“ All das soll dazu beitragen, dass sich verschiedene soziale Schichten und Generationen einen Raum teilen und dort zusammenkommen.

Die Bibliothek als „Drittort“

Heute ist die öffentliche Bibliothek ein „Drittort“, „ein Ort, der allen offen steht, zwischen dem privaten Raum, in dem man wohnt, und dem öffentlichen Raum, in dem man arbeitet“, erklärt Nicolas Beudon, Bibliotheksverwalter, Berater und Dozent. „Die moderne Bibliothek muss zu ihrer Umgebung passen, sie wird von verschiedenen Zielgruppen besucht, die sie auf neue Arten nutzen, als Ort der Begegnung und des Gesprächs.“

Die 2011 eröffnete Médiathèque Phileas Fogg in Saint-Aubin-du-Pavail, 20 km von Rennes, gehörte zu den ersten französischen Einrichtungen, die nach dem Modell des „Drittorts“ entworfen wurden. „Sie ist ein pluralistischer Ort, der im Dorf soziale Bindungen schafft“, erläutert der Verantwortliche Gildas Carrillo. „Ehrenamtliche und Nutzer gestalten die tägliche Arbeit mit und bringen ihren Interessen entsprechend Vorschläge ein. In unserem veränderbaren Raum finden Musik- oder Kreativworkshops statt, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen …“ Jedes Jahr kümmern sich auch gut dreißig Freiwillige um den Empfang der Leser, die Organisation von Veranstaltungen und die Kommunikation. „Ein Teil des Teams erneuert sich regelmäßig, je nach Verfügbarkeit der Ehrenamtlichen, sie bringen neue Ideen mit, und so bleiben wir nicht nur unter uns … Manche Jugendliche engagieren sich, nachdem sie gesehen haben, dass ihre Eltern teilnehmen!“, so Gildas Carrillo begeistert.

In Plouescat, einer Küstengemeinde des Finistère (3.500 Einwohner), eröffnete die Mediathek L’Atelier im Juli 2018. Sie ist 35 Minuten von Morlaix und 45 Minuten von Brest entfernt. Vorher hatten viele Dorfbewohner, auch die Schüler, überhaupt keinen Zugang zu kulturellen Medien. Hier ist die generationenübergreifende Dimension besonders deutlich: „Wir empfangen zur selben Zeit Jugendliche, die Videospiele spielen, und das Senioren-Strickcafé“, erzählt die Kulturverantwortliche Patricia Louédec. In ihrer Einrichtung entstehen durch die Innovation auch unerwartete Verbindungen: „Durch die Automatisierung der Ausleihe können wir uns auf den Kern unseres Berufs konzentrieren, nämlich die Beratung der Leser.“

Rege Mitbestimmung

Die Beteiligung der Nutzer am Leben der Bibliothek kann unterschiedliche Formen annehmen. „Der Reichtum einer Bibliothek besteht nicht nur in den Dokumenten, sondern ist auch mit ihren Nutzern, ihrem Know-how und ihren Kenntnissen verbunden, die sie mit anderen teilen können“, erklärt Nicolas Beudon. Die Leser werden zu Ideengebern für die Bibliothekare, wie in Saint-Aubin-du-Pavail, wo die Teilnehmerinnen der Nähwerkstatt die Anschaffung von Titeln vorschlugen, die sie interessierten. In der La Canopée werden sie gebeten, andere Leser mithilfe kurzer Kritiken zu beraten, die auf den Umschlägen der Neuerscheinungen platziert werden.

In Plouescat sorgen Vereine dafür, dass die Mediathek das ganz Jahr hindurch lebendig ist. „Der Verband Ludi Breizh organisiert ein dreitägiges Gesellschaftsspiele-Festival. Er gewährleistet, dass die Ausleihtheke immer besetzt ist, und der Sonntagnachmittag ist den Spielen gewidmet. So können wir unseren Fundus nutzen, der schon 350 Spiele umfasst!“ Zu den weiteren Projekten, die die Mediathek beherbergt, zählen ein Webradio und ein Chor. Wir haben auch eine Saatgutbank und ein Amphitheater – eine offene Bühne für junge Talente“, fügt Patricia Louédec hinzu.
In manchen Fällen geht die Beteiligung der Öffentlichkeit so weit, dass sie sogar am Bau mitarbeitet oder das Bibliotheksgebäude weiterentwickelt: Brainstorming, Erstellung von Entwürfen … Die Nutzer werden aktiv einbezogen und besuchen den Ort dadurch später umso öfter.

Wie sieht die Rolle der Bibliotheken von morgen aus?

Angesichts der gegenwärtigen Veränderungen kann man sich fragen, in welche Richtung sich die immer vielfältigeren Funktionen einer Bibliothek entwickeln werden. „Traditionell spielt die Mediathek eine Rolle der Demokratisierung der Kultur für bildungsferne Schichten“, erinnert Sophie Bobet. „Aber heute ist sie auch ein Ort der Wiederentdeckung sozialer Bindungen. Wir bemühen uns, diese beiden Schienen zu verfolgen, indem wir unsere Zielgruppen zu etwas anderem führen als dem, was sie ursprünglich gesucht haben.“ In Plouescat gehen die Einwohner, die zum Blutspenden gekommen sind, mit Büchern nach Hause, und die Schüler diskutieren und lesen Mangas, während sie auf den Schulbus warten. „Jede Bibliothek muss prüfen, ob ein bestimmtes Angebot vor Ort sinnvoll ist“, bemerkt Cyrille Jaouan, Bibliothekar und Verantwortlicher für digitale Medien in der Mediathek Marguerite Duras (Paris, 20. Arrondissement). „In ländlichen Gebieten zum Beispiel ist die Bibliothek manchmal der einzige Zugangsort zu einem Computer und bedeutet eine sehr wichtige Unterstützung bei Verwaltungsvorgängen.“
Experimentierfreudige Bibliothekare bestehen in jedem Fall auf dem Recht, sich zu irren, als konstruktiver Methode, um innovative Projekte auszuarbeiten: „Testen, auswerten, etwas anderes versuchen … Das fördert den Teamgeist des Personals! Wir lernen neue Arbeitsweisen kennen, überraschen die Nutzer mit unseren Vorschlägen, und letztendlich nehmen sie die Neuerungen an“, schließt Sophie Bobet.
 
Digitales in der Mediathek: von Einführungskursen bis zum BiblioFab

„Heute ist die Bibliothek eine Eingangstür zur digitalen Kultur, auf die kein Bürger mehr verzichten kann. Wir organisieren verschiedene Werkstätten, um die digitale Inklusion zu fördern“, erklärt Cyrille Jaouan. In der Mediathek Marguerite Duras werden die wöchentlichen Einführungskurse in die Informatik und die sozialen Netzwerke von Senioren sehr geschätzt. Zudem werden auch Einzeltermine angeboten, um den Nutzern die Funktionen ihrer Smartphones oder E-Reader zu erklären. Die Mediathek bietet auch Kreativkurse an, um anders zu lernen: „Die Werkstätten zur 3-D-Modellierung stehen allen offen“, so Cyrille Jaouan. „Wir haben uns von FabLabs inspirieren lassen und BiblioFab ins Leben gerufen, ein mobiles FabLab, damit möglichst viele Menschen diese Welt entdecken können.“ Das Modul wird von verschiedenen Bibliotheken nacheinander genutzt und umfasst einen Computer, einen 3-D-Drucker, ein Ausschneidewerkzeug, Roboter, ein Lernprogramm und Bücher zum Thema. Entgegen gängigen Erwartungen interessiert das BiblioFab sehr unterschiedliche, aus sämtlichen Generationen bestehende Zielgruppen. In Einführungskursen können sie erste Informatikkenntnisse erwerben, zwei Programme kennenlernen und mit einem kleinen, selbst hergestellten Gegenstand nach Hause gehen. „Vor allem tauschen sich die Teilnehmer untereinander aus, während sie etwas kreieren, und das ist großartig“, bemerkt Cyrille Jaouan. Nachdem sie erfahren haben, was mit den Geräten möglich ist, beginnen manche sogar ein eigenes Projekt in einem FabLab in ihrem Viertel.

 

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