Ausstellung „La jeune photographie allemande – l’image se fait dans la tête“

Nothing to declare
Nothing to declare | Lars Hübner

Die deutsche Fotografie lebt nicht nur vom exzellenten Ruf ihrer etablierten Vertreter, sondern wird auch in erheblichem Maße von der Dynamik und dem unbedingten Innovationswillen junger Talente getragen. Mit der neuen Reihe „La jeune photographie allemande“ nimmt das Goethe-Institut Paris in Kooperation mit ausgewählten Hochschulen und Akademien die Nachwuchsszene in den Fokus und zeigt aktuelle Tendenzen der zeitgenössischen deutschen Fotografie. Den Auftakt machen vier Absolventen der Weißensee Kunsthochschule Berlin: Lukas Fischer, Christoph Engelhard, Jannis Schulze und Lars Hübner zeigen vom 5. Februar bis zum 20. März 2016 ihre Abschlussarbeiten.
 
Vier unterschiedliche Temperamente, vier unterschiedliche visuelle Sprachen. Was Lukas Fischer, Christoph Engelhard, Jannis Schulze und Lars Hübner miteinander verbindet, wird erst auf den zweiten Blick sichtbar: eine ähnliche Haltung zum Medium Fotografie, ein ähnliches Erkenntnisinteresse. Was sie antreibt, ist weniger das Bedürfnis Kunstwerke zu schaffen, als das Bedürfnis, die Welt und sich selbst besser zu verstehen oder kritisch zu kommentieren. Es geht darum, eigene, in individuellen Erfahrungen begründete Themen zu finden und dafür eine adäquate Bildsprache zu entwickeln. Die meisten ihrer Bilder stehen in einem berichtenden oder erzählerischen Kontext. Das Handwerkliche steht nicht am Anfang, es ergibt sich aus der Konzeption.
 

Die Bilder, die Lukas Fischer während einer Winterreise entlang der polnischen Ostseeküste machte, stellen die grundsätzliche Frage nach der Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt. Die Landschaft rückt ins Bild, wir spüren die Kälte und wir sehen den Nebel, der die Wohnblocks einhüllt. Wir sehen Menschen, die ihre kalten Hände in der Kleidung verbergen, wir sehen einen Mann in der Badehose mit gerötetem Bauch, der gerade in der eiskalten Ostsee geschwommen ist. Wir sehen unbewohnte Sommerhäuser in einem Kiefernwald und abblätternde Fassaden von Wohnblocks der 60er Jahre, Erinnerungen an den Sozialismus und an Solidarnosc: an Glücksversprechungen, die inzwischen so historisch sind wie die der kapitalistischen Moderne. Am Ende fragen wir uns: sind diese Bilder zutreffende Beschreibungen eines Landes und seiner Bewohner oder doch eher Ergebnisse zufälliger Begegnungen und einer subjektiven Sichtweise? Sie  sind, wie alle Fotografien, beides: Dokumente und subjektive, poetische Eindrücke gleichermaßen. Dieser Widerspruch lässt sich so wenig auflösen wie wir die dokumentarischen und subjektiven Anteile einer Fotografie quantifizieren können.
 
Christoph Engelhard beschäftigt sich mit seiner unmittelbaren städtischen Umwelt. Ihn interessiert, was sonst niemand beachtet, weil es so alltäglich und gewöhnlich ist: das, was an den „Rändern unserer Wahrnehmung“ liegt. Auf seinen Wegen durch Berlin entdeckt er immer neue rätselhafte Bilder: Bilder, die er mit mal dem Smartphone mal mit einer Mittelformatkamera aus der Wirklichkeit „ausschneidet“ und so aus ihrem ursprünglichen Kontext löst. Maßstab und Räumlichkeit gehen dabei häufig verloren, und wir können das, was wir sehen, nicht mehr in unsere Erfahrungswelt einordnen: Aus Fotografien werden Bilder. Neben solchen Dekontextualisierungen faszinieren ihn Stillleben, in denen es zu merkwürdigen Begegnungen von Dingen kommt: ein weißes Männerunterhemd liegt neben einer Holzpalette, ein Kaktus paart sich mit einem weißen Männertorso. Engelhards beiläufig entstehende Fotos halten keine Momente in der Zeit fest, schon gar keine moments décisifs, sondern Ausschnitte aus dem Raum, die zu flächigen, grafischen Kompositionen werden. Mit seiner Strategie, aus der Umgebung Bilder herauszuschneiden, unterläuft er den Wirklichkeitsanspruch, den wir der Fotografie so gerne unterstellen.
 
 
Jannis Schulze hat auf ganz andere Weise eine äußerst subjektive Bildsprache entwickelt. Seine zwischen Reportage und Tagebuch angesiedelten Arbeiten vermischen schnappschussartige und präzise komponierte Bilder mit sehr persönlichen Texten und Aussagen von Menschen, die ihm begegnet sind. Die Dramaturgie seiner Bilderzählungen folgt einem subjektiven und intuitiven Muster, das sich einem analytischen Zugriff verweigert. Schulze liefert uns Fragmente einer sich ständig verändernden Erzählung, deren Lücken wir mit unserer Phantasie, unseren Erfahrungen und unseren eigenen Erinnerungen schließen müssen. Schulze bleibt als Fotograf nie distanzierter Beobachter, er taucht immer ein in die Situationen, in denen seine Bilder entstehen. Mit dem von Rainer Maria Rilke geliehenen Titel seines fotografischen Work in Progress „Hiersein ist herrlich“ macht er programmatisch deutlich, worauf es ihm ankommt: auf einen radikal subjektiven und poetischen Blick auf die Welt.
 
 
Lars Hübner findet seine Themen vorzugsweise in weit entfernten Weltgegenden. Das lässt sich biografisch erklären: als Kind hat ihn immer wieder die Wohnung seines Großvaters beeindruckt, in der all die Dinge versammelt waren, die dieser von seinen völkerkundlichen Expeditionen mit nach Hause gebracht hatte. Beim Betrachten von Hübners Bildern stellt sich die Frage, ob sich Fotografen von einer Kultur, deren Verständnis ihnen schon durch sprachliche Hürden erschwert wird, überhaupt ein zutreffendes Bild machen können. Und für uns als Betrachter stellt sich die Frage, wieviel wir über den Gegenstand der Fotografien wissen müssen, um diese Bilder nicht nur nach ästhetischen Kategorien beurteilen zu können. Das offensichtliche Handicap des Fotografen, das darin besteht, dass er in einem begrenzten Zeitraum kaum je zu einem tieferen Verständnis dessen gelangen kann, was sich ihm visuell vermittelt, ist zugleich ein unschätzbarer Vorteil. Der unvoreingenommene Blick des Außenstehenden ermöglicht ihm, eine Distanz zur sichtbaren Welt, die den „Innenstehenden“ unmöglich ist.  So ergeben sich unterschiedliche Lesarten für seine Fotografien: Mit jeder Information, die über das „Offensichtliche“ hinausgeht, verschiebt sich der Blick von einer „naiven“ zu einer kenntnisreichen Betrachtung. Jede dieser Lesearten hat ihre Berechtigung.