Lernerautonomie

© Stéphane Roqueplo
„Es wird die genug darauf hingewiesen werden, wie wichtig es ist, den nötigen erzieherischen Raum zu schaffen, damit sich der Lernende einem Projekt zuwenden kann, das sein eigenes ist, einem Projekt, das eine Geschichte hat, einem Projekt, das Teil seiner Biografie ist […] Autonomie entsteht somit aus einer Arbeit von außen und von innen.“ (« L’arbre du savoir-apprendre »)
Hélène Trocmé-Fabre

In den konstruktivistischen und kognitiven Lernkonzepten wird verstärkt die Autonomie des Lernenden in den Mittelpunkt gerückt.

„[…] [Der] Grundgedanke [der Lernerautonomie] besteht darin, die Lernenden selbst über die Ziele, Inhalte, Methoden, Arbeitstechniken, Evaluationsformen, zeitlichen und räumlichen Umstände ihres Fremdsprachenlernens entscheiden zu lassen.“ („Fachdidaktik Französisch. Tradition. Innovation. Praxis.“)
Andreas Nieweler

Dieser Gedanke ist auf Holec (1981) zurückzuführen. Damit Schülerinnen und Schüler selbstständig werden,
  • müssen sie gewillt und motiviert sein zu lernen,
  • müssen sie bereit und in der Lage sein, Entscheidungen zu treffen,
  • müssen sie fähig sein, erlebte Erfahrungen in verschiedene (emotionelle und kognitive Kontexte) zu übertragen
  • müssen sie Lernstrategien und –techniken (wie z. B. die Mediation, die Übertragung) kennen und einsetzen,
  • müssen sie über einen reflexiven Ansatz verfügen, sodass sie ihre Erfahrungen beständig erneuern,
  • müssen sie in der Lage sein, in ihrem Potenzial zu schöpfen und ihre bisherigen Kenntnisse zu aktualisieren, um in dieses Vorwissen neues Wissen zu integrieren, um so flexibel Aufgaben lösen zu können,
  • müssen sie ihre Schwierigkeiten erkennen und überwinden lernen
  • müssen sie in der Lage sein, im Team lernen und arbeiten zu können.

© Collège Victor Hugo Nanterre



Die Lernerautonomie bleibt keine Utopie, wenn sich die Zeit genommen wird, Schülerinnen und Schüler an das selbstständige Lernen heranzuführen sowie wenn sie die Zeit erhalten, zu fühlen, zu entdecken und zu handeln. Obwohl Lernende eigenständig arbeiten, bedeutet dieses nicht, dass die Schülerinnen und Schülern sich selbst überlassen werden. Hélène Trocmé-Fabre erinnert uns daran, dass der Begriff Autonomie etymologisch auf das Griechische zurückzuführen ist („auto“ – sich selbst und „nomos“ – Gesetz => Führung/Management). „[Bei der Autonomie] handelt es sich also um ein Management unserer eigenen Biografien, unserer Beziehungen zur Umwelt, zu anderen und zu uns selbst. Das setzt voraus, dass wir in der Lage sind, unsere eigenen Handlungen in der uns zur Verfügung stehenden Zeit und mit dem verfügbaren Platz zu managen, uns zu positionieren, uns selbst zu evaluieren und Verantwortung für den Sinn zu übernehmen, den wir der Wirklichkeit geben […] Autonomie macht aus dem Erzieher einen Mediator und einen Architekten des Wissens“ (Hélène Trocmé-Fabre, „Le langage du Vivant“, 2013, S. 77-78).

Lernerautonomie geht somit mit einer veränderten Lehrerrolle einher.

Lehrkräfte

  • sollen Schülerinnen und Schülern als Berater, Mediatoren und Helfer zur Seite stehen und sie in ihren Lernprozessen unterstützen,
  • gehen von der Lernergruppe und deren Lernbiographie aus und beziehen diese in den Lernprozess mit ein,
  • leiten z.B. zur Verantwortungsübernahme durch Schülerinnen und Schüler an
  • machen sie mit Lernstrategien- und techniken vertraut (mit bekannten und mit neuen) und sorgen für Transparenz, indem Lernziele, Bewertungskriterien und ein grober Zeitplan festgelegt werden.

Lernerautonomie ist dabei nicht auf ein Fach beschränkt, sondern spielt in allen Lernsituationen eine wichtige Rolle. Lernerautonomie betrifft einerseits die Schule (hier insbesondere das interdisziplinäre Arbeiten), aber auch das außerschulische Leben („lebenslanges Lernen“).