Sechs Deutsche Autoren in London Trendspotting

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Trendspotting | Foto: Sounds Right

Waves of Difference war der Titel einer Veranstaltungsreihe anlässlich des 10. Jubiläums des Queen Mary's Centre for Anglo-German Cultural Relations (CAGCR). Die Veranstaltungen stellten sechs deutsche Autoren vor, die in der Vergangenheit das zehnwöchige CAGCR Residenzprogramm für Schriftsteller absolviert haben und dessen zehnjähriges Bestehen ebenfalls gefeiert wurde. Am 20. Mai kamWaves of Difference im Goethe-Institut London mit Lesungen, Interviews und einer Podiumsdiskussion zu einem feierlichen Abschluss. Die BBC-Journalistin Rosie Goldsmith führte die Interviews mit den Schriftstellern Matthias Politycki, Angela Krauß, Terézia Mora, Gregor Sander, David Wagner und Michael Wildenhain und moderierte die Diskussionsrunde.
 

Finden Sie heraus, was die Autoren über ihre Erfahrungen als Teilnehmer des Residenzprogrammes in London und über die aktuelle deutsche Literaturszene zu sagen haben!


Terézia Mora betonte, dass das Residenzprogramm Autoren - denen womöglich ansonsten die finanziellen Mittel fehlten - eine einzigartige Möglichkeit biete, einen längeren Zeitraum in einer ausländischen Stadt zu verbringen. So könnten sie das Alltagsleben als Stadtbewohner ausprobieren. Dank dieser Aufenthaltsmöglichkeit in London würde die Vorstellungskraft der Autoren durch eine Reihe von Eindrücken und Erfahrungen geprägt und sich anschließend in deren schriftstellerischen Tätigkeiten wiederfinden. Michael Wildenhain, zum Beispiel, las aus seiner noch nicht fertig geschriebenen Erzählung Brixton Calling vor – eine anschauliche Beschreibung von Eindrücken und Gerüchen des Straßenmarktes in Brixton. (‚Ein überwältigender Gestank, eine immense Vielfalt an Fischen, Meeresfrüchten, drapierten Seeungeheuern, Kreaturen, welche ihn, wenn er ihre Tentakel erblickte, und daneben ihre abgetrennten Köpfe in den Plastikeimern sah, zusammenzucken ließen‘). Matthias Politycki hingegen trug aus seinem Gedicht London für Helden: the Ale Trail vor. Darin beschreibt er eine abenteuerliche Kneipentour, bei der eine Vielzahl von typisch britischen Bieren getestet wurden, wie zum Beispiel Bierarten mit dem Aroma von ‚Ziegen‘ oder ‚alten Putzlappen‘, und andere Geschmacksrichtungen die dem deutschen Bierliebhaber sicherlich rätselhaft bleiben werden.

Die Vielfalt der Themen, die sich in den Texten der Autoren wiederspiegelten, veranschaulichte, dass es keine leichte Aufgabe ist, in der zeitgenössischen deutschen Literatur eindeutig Trends aufzuzeigen. Angela Krauß las ein empfindsames und philosophisches Gedicht aus ihrem Gedichtband Ich muß mein Herz üben / I must train my heart (2009) vor. Während David Wagners Leben / Lives (2013) die Dilemmas eines Menschen, der eine überlebenswichtige Organspende benötigt, thematisiert. Das Leben des Protagonisten in Gregor Sanders Was gewesen wäre / What might have been (2014) ist durchwachsen von Erinnerungen an eine verlorene Liebe zu Zeiten der ehemaligen DDR. Und Terézia Moras Das Ungeheuer / The Monster (2013), wofür sie den Deutschen Buchpreis erhalten hat, zeichnet die Verzweiflung eines trauernden Ehemannes infolge des Suizids seiner Frau nach.

Die Autoren teilten verständlicherweise den Wunsch nicht mit einem bestimmten, kurzlebigen ‚Trend‘ innerhalb der zeitgenössischen deutschen Literatur assoziiert zu werden, noch wollten sie sich darauf festlegen, was solche Trends sein könnten. Nichtsdestotrotz wurde die Verbreitung von literarischen Arbeiten, die als ‚Enkelkinder Literatur‘ bezeichnet werden können, als ein aktuelles Phänomen genannt. Diese Generation setzt sich in ihrem literarischen Schaffen gezielt mit dem Leben ihrer Großeltern auseinander, wie diese mit der Diktatur unter Hitler umgegangen sind und welche Konsequenzen daraus für ihre Leben entstanden. Bei den thematischen Trends in der zeitgenössischen deutschen Literatur kommentierte Matthias Politycki sei der Blick auf die 1990er Jahre vorbei. Die Welt habe sich stark verändert und Schriftsteller reisen mehr, sehen mehr und es hat dazu geführt, dass sie sich weniger auf Deutschland fokussieren, sondern eine internationale und offene deutsche Literaturszene entstanden sei.