Hans Leyendecker „Ich möchte hart, aber fair sein“

Hans Leyendecker
Hans Leyendecker | Foto (Ausschnitt): © Alessandra Schellnegger, SZ

Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“ gilt als einer der profiliertesten Investigativ-Journalisten Deutschlands. 2015 wurde er dafür vom „Medium Magazin“ mit dem Preis für sein Lebenswerk geehrt.

Herr Leyendecker, was ist für Sie ein investigativer Journalist?

Ein investigativer Journalist pflegt sein Netzwerk, recherchiert, analysiert, schreibt und versucht, sich der Wahrheit zu nähern. „To investigate“ bedeutet nachforschen, ermitteln. Gemeint ist eine aktive Suche nach bisher unbekannten Informationen. Kennzeichen des investigativen Journalismus sind Themenfelder von hoher gesellschaftlicher Relevanz.

1982 recherchierten Sie für das Magazin „Der Spiegel“ die Geschichte „Wohin flossen die Flick-Millionen?“, die noch heute als Musterstück investigativen Journalismus in Deutschland gilt. Worum ging es dabei?

Es ging um eine Steuerbefreiung für den Flick-Konzern, die damals größte deutsche Unternehmensgruppe in Familienbesitz. Flick hatte damals buchstäblich die halbe Republik inventarisiert, um Unterstützung für eine Steuerbefreiung zu erhalten. Minister, Parteien, Verbände erhielten viel Geld. Fast gleichzeitig wurde eine Parteispenden-Affäre sichtbar, die vor allem die bürgerlichen Parteien betraf: Diese hatten Geld am Staat vorbei ins Ausland geschafft. Die Parteien versuchten, den Skandal durch einen geplanten Straferlass von Steuerbetrügern zu vertuschen. Dieses Vorhaben scheiterte auch deshalb, weil der Spiegel davon erfuhr.

Gute Quellen, schlechte Quellen

Wie kann man sich die Recherche an einer solchen Geschichte konkret vorstellen?

Man geht von einer Information aus und versucht dann an Unterlagen zu kommen; man sucht die Widersprüche, versucht eine Reihe neuer Quellen zu erschließen. Man nähert sich dem Objekt der Recherche von außen und versucht, immer tiefer ins Innere vorzudringen. Am Ende müssen die recherchierten Fakten den Betroffenen vorgelegt werden. Denn was sie zu den Vorwürfen sagen, muss wiedergegeben werden.

Sie arbeiten seit fast vierzig Jahren als investigativer Journalist. Haben Sie Fehler gemacht?

Mir ist mindestens ein großer Fehler passiert. Es ging um eine Titelgeschichte für den Spiegel im Jahr 1993 über den Zugriff der GSG9, einer Anti-Terror-Einheit der deutschen Bundespolizei, auf Mitglieder der linksextremistischen Terrorgruppierung Rote Armee Fraktion (RAF). Es kam zum Schusswechsel, ein Polizeibeamter und ein Terrorist starben. Als dann gemutmaßt wurde, der Terrorist wäre im Affekt erschossen worden und hätte nicht, wie in der offiziellen Version, Selbstmord begangen, habe ich zu früh eine große Geschichte gemacht und mich auf Quellen verlassen, deren erste Aussagen sich später nicht verifizieren ließen. Der damalige Bundesinnenminister ist zurückgetreten, der damalige Generalbundesanwalt musste gehen, und eigentlich hätte auch ich gefeuert werden müssen. Es wäre richtig gewesen, zunächst eine kleine Geschichte zu machen – und dann weiter zu recherchieren.

Von Papier- zu Datenbergen

Wie muss man sich die Arbeit eines investigativen Journalisten in den 1980er- und 1990er-Jahren vorstellen – karierte Hemden, Zigaretten und große Papierberge?

Ja, es war schon anders. Es gab kaum ernsthafte Konkurrenz. Man hatte Zeit. Ich erinnere mich gut an meine Kollegen Dirk Koch, Spiegel-Büroleiter in Bonn, dem der Ruf vorausging, er gehe durch geschlossene Türen. Er fuhr Porsche, ging zur Jagd, hatte ein Gut in Irland. Der Spiegel, für den ich arbeitete, war eine eigene Welt. Dennoch glaube ich, dass heute der recherchierende Journalismus systematischer betrieben wird. Vor allem ist er besser geschrieben als früher.

Weil jüngere Kollegen besser ausgebildet sind?

Sie sind anders, viel internationaler. Und sie waren in frühen Jahren schon sehr erwachsen. Wichtig ist, dass sie professionell sind, ohne rasende Verfolger zu sein. Die Jungen in unserem Rechercheteam bei der Süddeutschen Zeitung sind hervorragende Journalisten und gute Charaktere.

Wie hat das Internet die Arbeit investigativer Journalisten verändert?

Zum Guten wie zum Schlechten. Mit Hilfe des Internets kann man weltweit auf Fachleute stoßen, die einem früher verborgen geblieben sind. Das Internet ist eine große Chance. Wir erleben es manchmal, dass Menschen in Übersee unsere Geschichten lesen und sich dann als Informanten anbieten. Aber das Internet befördert auch entfesselte Skandale. Die Probleme der Medien mit dem Vorwurf der „Lügenpresse“ haben auch damit zu tun, dass Leute im Internet ihre eigene Wahrheit suchen, mag sie auch noch so falsch sein.

Journalismus 2020

Hat sich auch die Art verändert, wie Informanten oder Behörden ermittelnden Journalisten gegenübertreten?

Die Behörden sind professioneller geworden. Und unter den Informanten sind glücklicherweise viel weniger Leute als früher, die einem Unterlagen verkaufen wollen. Ich habe nie für Informationen bezahlt. Aber es kann schon Gründe geben, das zu machen. Und die großen Informanten unserer Tage offerieren mehr Material als früher. Denken Sie an Edward Snowden.

Welche Rolle spielen neue Technologien für Sie persönlich?

Ich habe noch Informanten, die Papier schätzen, besitze kein Kryptohandy, um meine Telefonate abhörsicher zu verschlüsseln, und lege mir auch keines zu. Bislang ist trotzdem noch keiner meiner Informanten aufgeflogen.

Hat sich Ihre Einstellung zu Ihrer Arbeit im Laufe der Zeit verändert?

Manche meiner Kollegen sagen, ich sei mit den Jahren ruhiger, abwägender, auch skeptischer geworden. Was ich bestätigen kann, ist eine zunehmende Skepsis mir selbst gegenüber. Gut und Böse, Schwarz und Weiß – das kann nicht das Muster sein. Hart, aber fair, das möchte ich sein.

Wie könnte investigativer Journalismus in Zukunft – sagen wir im Jahr 2020 – aussehen?

Er wird mehr werden, weil man nur überleben wird, wenn man eigene, wirklich exklusive Geschichten anbietet.
 
Hans Leyendecker, geboren 12. Mai 1945 in Brühl, gilt als einer der profiliertesten Investigativjournalisten Deutschlands. Von 1979 bis 1997 arbeitete er für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, für das er unter anderem 1982 geheime Parteispenden des Flick-Konzerns aufdeckte. Die Flick-Affäre gilt bis heute als einer der spektakulärsten Polit- und Wirtschaftsskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte. 1997 wechselte Leyendecker als leitender politischer Redakteur zur Süddeutschen Zeitung, wo er heute das Investigativressort leitet. Er war maßgeblich an der Aufdeckung geheimer Spendenkonten der Partei CDU im Jahr 1999 beteiligt, und ist Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche.