CTM-Festival 2016 Tiefes Zuhören

Hatsune Miku wiegte sich zu hypermodernen, wässrig-schlierigen Elektrobeats, ein 16-jähriges, blauhaariges Mädchen mit quietschend hoher Stimme und eine holographische Animation zur Eröffnung des CTM Festivals 2016
Hatsune Miku wiegte sich zu hypermodernen, wässrig-schlierigen Elektrobeats, ein 16-jähriges, blauhaariges Mädchen mit quietschend hoher Stimme und eine holographische Animation zur Eröffnung des CTM Festivals 2016 | Foto (Ausschnitt): CTM / Udo Siegfried

1999 wurde das CTM Festival als musikalische Ergänzung zur Medienkunst-Veranstaltung Transmediale gegründet. Inzwischen hat sich das Berliner Festival zu einem international wichtigen Ort für experimentelle Klänge von Pop bis Avantgarde entwickelt. 2016 stand das Festival unter dem Motto „New Geographies“.

Hatsune Miku ist einer der größten Popstars Japans, mit 100 Millionen Youtube-Zugriffen, zahlreichen Alben, Stadionauftritten und einem Repertoire von rund 100.000 Songs. Beim Berliner CTM-Festival erlebte man sie gleich an zwei ausverkauften Abenden im Haus der Kulturen der Welt. Sie wiegte sich dabei zu hypermodernen, wässrig-schlierigen Elektrobeats, ein 16-jähriges, blauhaariges Mädchen mit quietschend hoher Stimme – unter anderem. Denn im begleitenden Film hörte man sie plötzlich mit einem tiefen, männlichen Timbre. Hatsune Miku existiert nur als holografische Animation, geboren als Werbefigur für einen Stimmsynthesizer, geschlechtsneutral, nirgendwo zu Hause, ewig jung, ihre menschliche Stimme ist eine vollsynthetische Illusion.

Pop und Experiment

Das CTM-Festival nennt sich im Untertitel Festival für abenteuerliche Musik und Kunst.  Längst hat es die ursprüngliche elektronische Begrenzung zugunsten von jedweder musikalischer Avantgarde hinter sich gelassen. Seit 2005 bezieht man auch „verwandte Künste“ mit ein und liefert zudem in Workshops und Gesprächsrunden den Rahmen zur jeweils akuten Diskussion.
Hatsune Mikus Auftritt verkörpert den Geist des CTM fast idealtypisch: Still Be Here, so der Titel der Produktion, wurde von einer internationalen Gruppe von Künstlern aus digitaler Kunst, Film, Performance und Avantpop realisiert – als Soundtrack zu einem vielschichtigen, mehrstimmigen Klang- und Bild-Essay über Pop, Markt, Körper und kollektive Sehnsucht.

Das Thema „New Geographies“ war über solch kunstimmanente Projekte wie  die Hatsune-Miku-Produktion hinaus  auch inspiriert von den aktuellen globalen Konflikten und Migrationsbewegungen. Pauline Oliveros, die 83-jährige Grande Dame der elektronischen US-Musik und Erfinderin des „Deep Listening“ gab zum Beispiel eins ihrer drei Konzerte für die Flüchtlingshilfe. Mehr noch wollten die Festivalorganisatoren jedoch den Reichtum und die Fruchtbarkeit transkultureller Prozesse aufzeigen. Jan Rohlf, einer der Festivalgründer, schrieb in seinem Geleitwort, man höre eine „globale Polyphonie, die vielfältige Perspektiven braucht“. Deshalb habe das Festival, beraten vom ko-kuratierenden, berlinerisch-libanesischen Produzenten und Labelmacher Rabih Beaini, besonderen Wert auf Positionen jenseits der etablierten Sphären gelegt. Denn Sounds aus Afrika, Asien oder Südamerika, so die These  der Ausstellung Seismographic Sounds, nisteten sich dank Internet und Sample längst auch in den bisher dominanten Popkulturen ein – die sie sich wiederum großzügig aneigneten.

Queerer Hip-Hop, Techno aus dem Kongo

Auch dank öffentlicher Fördermittel und institutioneller Unterstützung etwa der Goethe-Institute  gehört das Festival heute weltweit zu den renommiertesten seiner Art und kann sich auch einmal, wie im September 2015, als CTM Siberia nach Nowosibirsk exportieren. In Berlin erkennt man den Erfolg nicht zuletzt an den langen Schlangen: Ein junges Publikum interessiert sich dabei für neue Clubsounds wie die Footwork-Beats der Produzentin Jlin oder den schillernden Rap Le1fs, des derzeit prominentesten Protagonisten des queeren Hip-Hop. Ebenso stoßen die giftigen Noises und brutalen Bässe von Tara Transitory auf Interesse, die sich namensgerecht als nicht nur musikalische, sondern auch „identitäre“ Nomadin bezeichnet und wie ein elektronischer Schamane im Publikum tanzte. Ein eher traditioneller Avantgardist wie der rumänische Komponist Iancu Dumitrescu kann sein Hyperion Ensemble und seine mikrotonalen Spektralkompositionen in der randvollen Technoinstitution Berghain dirigieren.

Im Theatersaal des HAU (Hebbel am Ufer) gab es DJ-Sets mit schwedisch-kongolesischem Techno oder mit obskurem thailändischem Pop und arabischen Klängen, die der US-amerikanische Musiker Alan Bishop auf seinem Label Sublime Frequencies von Seattle her veröffentlicht – und der außerdem selbst in dem ägyptischen Trio Dwarfs of East Agouza spielt. Man lernte auch, ohne jede Vorbildung Verbindungen zu erkennen zwischen den traditionellen Gesängen des libanesischen Tarab-Veteranen Karim Abdel Shaar und einem Auftritt des kanadisch-libanesischen Musik- und Visuals-Duos Jerusalem in My Heart. Zu Bildern  von alten Hotels, Laubbäumen und ausgebombten Hochhäusern erklangen wehmütiger Synth-Pop oder barsch verzerrte Geräusche – aber in den Gesangspassagen sah man die ausladende Gestik und hörte die Vokallinien von Shaar.

Geografien als Lebenswelten

Deutlich wurde, dass die Festivalmacher unter Geografien nicht allein konkrete Bewegungen  über nationale oder regionale Grenzen hinweg verstanden. Es ging dabei ebenso um Lebenswelten, beispielsweise um die schwule Eroberung des homophoben Hip-Hop-Territoriums oder die Trance-Analogien von etwa javanischer Tradition und jener der Sixties oder der expressionistischen Lärmschule eines Peter Brötzmann. Der Komponist Rabih Beaini inszenierte gleich zur Eröffnung den Clash zweier Improvisations-Quartette, den er gleichzeitig dirigierte und an seinem Mischpult manipulierte – und damit eine Art Vexierspiel aus Freejazz-Freiheit und elektromodernistischer Strenge anzettelte.

„Identität interessiert mich nicht“, erklärte zum Beispiel Maurice Louca, ein gefeierter ägyptischer Elektro-Produzent und Teil der Dwarfs of East Agouza, auf einem Panel zu den „Neuen Stimmen im Nahen Osten“. Seine ägyptischen Sounds seien kein Beitrag zur Landesgeschichte, er sei schlicht ein moderner Komponist, der sich des naheliegenden, verfügbaren Materials bediene. Und sein Kollegen Alan Bishop meinte achselzuckend, dass ihm die Archivpflege eher egal sei und ergänzte: „Ich will einfach, dass die Welt diese verschollenen, tollen Sounds hört“. 

Das gemeinsame Motiv der meisten Festival-Künstler bestand darin, sich der Festlegung zu entziehen. Auch die Gegensätze Avantgarde und Pop, Mainstream und Underground, verlieren, so ein Grundgedanke, im global verbreiteten Nischentum an Bedeutung. Am Ende stehen frei schwebende Formen und Figuren wie Hatsune Miku, die überall für ganz verschiedene Positionen stehen können, bis in alle Ewigkeit unverändert, aber immer anders.

Das Netz als Symbol

Die „neuen Geografien“ erwiesen sich dabei als ein forderndes, anregendes, sich ständig verschiebendes Territorium. Sehr einleuchtend traf dies die Installation Deep Web des Elektro-Produzenten Robert Henke und des Lichtkünstlers Christopher Bauders. In der monumentalen Architektur des Heizkraftwerks Mitte, einem 100 mal 50 mal 30 Meter großen Betongewölbe, ließen sie bunte Laserstrahlen auf bewegliche Milchglaskugeln treffen, die vom Sound betrieben permanent neue Verbindungslinien und Netze vorschlugen, neue Orte und Territorien umrissen, neue Konstellationen bildeten. Man konnte es sich als Heimat Hatsune Mikus vorstellen, aber auch als Sinnbild für das ganze Festival – unbeschwert kitschig in seiner Buntheit, kühl-elegant und laut-romantisch entwarf es einen Raum großer Offenheit und Möglichkeiten.