Aufarbeitung des Kolonialismus Geschichte vergeht nicht

Der für das Massaker an den Herero verantwortliche Generalleutnant Lothar von Trotha mit seinem Stab 1904 in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika;
Der für das Massaker an den Herero verantwortliche Generalleutnant Lothar von Trotha mit seinem Stab 1904 in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika; | Foto (Ausschnitt): © Bundesarchiv

Deutschlands koloniale Vergangenheit bringt bis heute große Verantwortung mit sich. Das zeigt sich in Debatten um ethnologische Sammlungen, Umbenennung von Straßennamen – und in der großen Frage um den offiziellen Umgang mit Schuld.

„Vor hundert Jahren wurden die Unterdrücker – verblendet von kolonialem Wahn – in deutschem Namen zu Sendboten von Gewalt, Diskriminierung, Rassismus und Vernichtung“, sagte die damalige Bundesministerin für Entwicklung und Zusammenarbeit Heidemarie Wieczorek-Zeul am 14. August 2004 anlässlich des 100. Jahrestages der Schlacht am Waterberg in der einstigen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Dort waren 1904 Zehntausende Herero auf Befehl des deutschen Generalleutnants Lothar von Trotha in die wasserlose Omaheke-Wüste getrieben worden, wo viele von ihnen verdursteten. „Die damaligen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde“, sagte Wieczorek-Zeul und entschuldigte sich bei den Herero: „Wir Deutschen bekennen uns zu unserer historisch-politischen, moralisch-ethischen Verantwortung und zu der Schuld, die Deutsche damals auf sich geladen haben.“ Doch es sollte eine weitere Dekade dauern, bis die Bundesregierung das Massaker 2015 als „Völkermord“ bezeichnete. Eine offizielle Entschuldigung oder Entschädigungszahlungen der deutschen Regierung an die Herero stehen bis heute aus.

Die überlebenden Herero hatten bis 1908 in – bereits damals so benannten – Konzentrationslagern Zwangsarbeit leisten müssen. Ein beträchtlicher Teil von ihnen starb an Hunger und Krankheiten. Der von den Deutschen mit genozidärem Vernichtungswillen geführte Krieg in Namibia war neben dem Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) die langwierigste und verlustreichste militärische Aktion in einer ganzen Kette von Gewaltexzessen, mit denen die Deutschen ihre kolonialen Besitzungen überzogen.

Die koloniale Vergangenheit als Randerscheinung

Mit dem Ersten Weltkrieg endete das kurzlebige, keine 30 Jahre dauernde deutsche Kolonialimperium in Afrika, der Südsee und im chinesischen Tsingtau. In der Zwischenkriegszeit wurde dies oft lautstark als „Verlust“ beklagt, die Nationalsozialisten schmiedeten Pläne, die Kolonien zurückzuerlangen. Doch nach 1945 schien die koloniale Vergangenheit in Deutschland für lange Zeit kaum noch Interesse zu wecken. Dies hing zweifellos mit der verbreiteten Neigung zusammen, Kolonialismus und Kolonialherrschaft gleichzusetzen und so Deutschland einen Platz am Rande kolonialer Entwicklungen zuzuweisen. Der deutsche Kolonialbesitz war in der Tat ökonomisch wenig bedeutend und insgesamt von nur kurzer Dauer. Deutschland schien von den imperialen Folgeproblemen, mit denen zum Beispiel Frankreich und England konfrontiert waren, unberührt zu bleiben. Der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und dem Holocaust standen weit oben auf der politischen Agenda, ebenso wie die Westintegration im Kontext des Kalten Krieges. Kolonialer Rassismus und die Ausbeutung Afrikas waren hingegen Themen, welche „die Anderen“ zu „bewältigen“ hatten. Die Bundesrepublik präsentierte sich als gleichsam unbelasteter Partner in der Entwicklungszusammenarbeit, dessen Politik frei von neokolonialen Interessen war.

Eine neue Ära der Aufarbeitung

Erst nach der Wiedervereinigung 1990 weckte der deutsche Kolonialismus ein wenig mehr Interesse. Wie sehr die Politik jedoch weiterhin vermied, im Falle Namibias Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuerkennen, zeigte 2011 die Übergabe von zwanzig Herero-Schädeln an eine hochrangige Delegation aus Namibia in der Berliner Charité. Die Körperteile waren vor dem Ersten Weltkrieg unter erschreckenden Umständen in die deutsche Hauptstadt gelangt – als „Material“ für wilhelminische Rasseforscher. Die Übergabe endete in einem Eklat. Der afrikanischen Delegation mit Namibias Minister für Kultur ging es um mehr als nur die Heimholung ihrer Ahnen. Sie wünschte endlich ein Bekenntnis zu dem Unrecht zu hören, das die Kolonialherren den Völkern Namibias angetan haben.

Im Jahr 2015 kam wieder Bewegung in die Diskussion. Mitte 2015 traten mehr als 150 Vertreter aus Politik und Wissenschaft, Kirchen, Kultur und Verbänden mit dem Appell „Völkermord ist Völkermord“ an die Öffentlichkeit. Bundestagspräsident Norbert Lammert schrieb kurz darauf in der Wochenzeitung Die Zeit, dass die Niederschlagung des Herero-Aufstandes, an den heutigen Maßstäben des Völkerrechts gemessen, ein Völkermord war. Seit Juli 2015 gilt nach Angaben des Auswärtigen Amts folgender Satz als „politische Leitlinie“ für die Bundesregierung: „Der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908 war ein Kriegsverbrechen und Völkermord.“ Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat überdies mit dem CDU-Politiker und langjährigen Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz, einen Sonderbeauftragten für die deutsch-namibische Vergangenheitsbewältigung ernannt, um die Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels der gemeinsamen Geschichte voranzutreiben. Polenz kündigte im April 2016 an, dass am Ende dieses Prozesses „eine Entschuldigung von der deutschen Seite“ stehen werde. Eine deutsche und eine namibische Delegation erarbeite eine Erklärung, die dann von beiden Parlamenten verabschiedet werden soll.

Dass die koloniale Vergangenheit nicht vergeht, offenbart sich auch in den Debatten um das geplante Berliner Humboldt-Forum. Hier wirft der Aspekt des kolonialen Ursprungs der ethnologischen Sammlungen Fragen nach der Legalität und moralischen Legitimität der Erwerbungen auf. In vielen deutschen Städten finden zudem Auseinandersetzungen über die Umbenennung von Straßennamen statt, welche die Namen von Protagonisten des deutschen Kolonialismus tragen.
Ein großes Desiderat ist weiterhin die weitgehende Ausblendung des deutschen Kolonialismus im Schulunterricht. Der Sonderbeauftragte Polenz kündigte jedoch „Projekte einer gemeinsamen Erinnerungskultur“ an – beispielsweise Schulbuchprojekte, die an Erfahrungen der Vergangenheitsaufarbeitung mit Polen und Frankreich anknüpfen. Der Kolonialismus lässt sich nicht aus der deutschen Geschichte wegdefinieren, seine Folgen bleiben präsent.