Pop 2016 Welt in Klammern

Haiyti

Deutscher Popmusik fehlt die politische Botschaft: Das beklagte Udo Lindenberg 2016 – und nahm selber ein sentimental-unpolitisches Alterswerk auf. Die Böhsen Onkelz klangen wie der Soundtrack für AfD und Pegida, während die jungen Indie-Gitarrenrocker sich ins Neo-Biedermeierliche flüchteten und der Schlager das Frauenbild der Fünfzigerjahre reanimierte. Künstlerische und politische Utopien fand man auch in diesem Jahr nur in der Clubmusik und im elektronischen Pop.

Kurz vor Ende des Jahres wurden dem deutschen Pop dann noch die Leviten gelesen, von einem seiner prominentesten Gründerväter und Veteranen. Warum sei die junge Generation bloß so unpolitisch? So fragte Udo Lindenberg im November in einem Interview: „Es gibt viele, die äußern sich prinzipiell gar nicht, die sagen, wir sind reine Entertainer, wir machen nur Unterhaltung“ – wie schön wäre es dagegen, „wenn von Helene Fischer auch mal ein Statement käme gegen Rechtspopulismus“. Es sei wichtig, eine klare Haltung zu zeigen, „gerade in diesen besorgniserregenden Zeiten“.
 
Hat Lindenberg recht? Gab es tatsächlich keinen politischen Pop in diesem politisch ereignisreichen, unruhigen Jahr? Es gab ihn – allerdings nicht so, wie Lindenberg sich das vielleicht vorstellen würde. Eines der erfolgreichsten deutschen Alben 2016 war Memento, das von den Fans sehnsüchtig erwartete Comeback der Frankfurter Rockgruppe Böhse Onkelz. Dabei handelt es sich um ein unzweifelhaft hochpolitisches Werk, bloß dass es sich eben nicht gegen den Rechtspopulismus positioniert, sondern vielmehr dessen Stichworte aufgreift und sie positiv artikuliert, von der Eliten-Verachtung über das Gefühl, zu den gesellschaftlich Abgehängten zu gehören, bis hin zur daraus begründeten Ablehnung der Demokratie. „Ein elitärer Kreis / erbarmungsloser Wesen“, heißt es etwa in dem Stück „Markt und Moral“, „pisst uns in die Tasche / und erzählt uns, dass es regnet / Vertraut der Demokratie / Ich frag’ mich, wie“. Das könnte man allerdings als den Soundtrack für AfD und Pegida betrachten.
 
Ebenso wie die Musik von Freiwild, der zweiten großen erfolgreichen deutschsprachigen Rockgruppe des Jahres. Freiwild stammen zwar aus Südtirol, wurden aber im April vom Bundesverband der deutschen Musikindustrie mit einem Echo in der Kategorie „Rock Alternative National“ ausgezeichnet. Stärker noch als die Böhsen Onkelz, verbinden Freiwild die neurechte Wir-sind-Opfer-des-Systems-Rhetorik mit einem aggressiven Patriotismus: „Ich dulde keine Kritik / an diesem heiligen Land, das unsre Heimat ist“, heißt es etwa in dem Stück Südtirol, mit dem sie auch beim Publikum ihres Berliner Konzerts besondere Begeisterungsstürme entfachten. Nach Protesten linksstehender Gruppen wie Kraftklub hatten sie ihre Teilnahme am Echo im Jahr 2013 noch zurückgezogen. Diesmal bekamen sie von der Musikindustrie und dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgiebig Gelegenheit dazu, ihren Kritikern zur Hauptsendezeit den Mittelfinger zu zeigen; auch darin kann man ein Zeichen der gesamtgesellschaftlichen Verschiebung nach rechts erkennen.

RÜCKZUG INS PRIVATE

Den deutschsprachigen Indierock beherrschten wiederum eine in der Tat unpolitisch-diffuse Melancholie und ein Rückzug ins Private. Die erfolgreichsten Vertreter dieses Neo-Biedermeier waren AnnenMayKantereit aus Köln, die im Februar ihr Debütalbum Alles Nix Konkretes veröffentlichten. In straßenmusikartig-authentisch klingenden Liedern kündet ihr Sänger Henning May mit männlich-rauer Stimme beispielsweise von dem Wunsch danach, mit seiner Freundin in eine Zwei-Zimmer-Altbauwohnung zu ziehen. Die gefühlige Befindlichkeitsmusik etwa von Tim Bendzko (der in diesem Jahr ein neues Album mit dem Titel Immer noch Mensch veröffentlichte) überführen AnnenMayKantereit gewissermaßen in die Ästhetik eines diskurslos gewordenen Diskurspop.
 
Was nicht heißt, dass es in diesem Jahr nicht auch überraschende neue, gute und schroffe deutsche Rockmusik gegeben hätte. Da wäre zum Beispiel Harieschaim, das Debüt des Neo-Postpunk-Sängers Max Gruber und seiner Band Drangsal, auf dem Gruber zu kalten Beats mit hallender Stimme über existenzielle Unbehaustheit, Lust am Schmerz und sexuelle Dominanzfantasien singt. Oder das Münchener Quintett Friends of Gas, das seinen minimalistisch-repetitiven Postpunk mit den stoisch-dringlichen Textfragmenten der Sängerin Nina Walser verbindet. Während der Sänger der Stuttgarter Gruppe Die Nerven, Max Rieger, als Solokünstler unter dem Namen All Diese Gewalt, die schroffen Klänge und splittrigen Abstraktionen des Postpunk in weiche, fließende Formen fügt: Sein Album Welt in Klammern war sozusagen auch die beste deutsche Progressive-Rock-Platte des Jahres.

RHETORIK DER VERGÄNGLICHKEIT

Musikalisch weitaus konventioneller, aber enorm erfolgreich, war das neue Album von Udo Lindenberg: Stärker als die Zeit handelt von der Erinnerung an die eigene Biografie, von Freuden und Leiden und dem Glück darüber, dass er immer noch lebt. In Liedern wie Muss da durch oder Wenn die Nachtigall verstummt blickte Lindenberg, der im Mai seinen 70. Geburtstag beging, aber auch dem eigenen Tod schon einmal ins Auge. Erstaunlicherweise erfreute sich – wie man bei seinen ausverkauften Stadionkonzerten beobachten konnte – diese alterswerkhafte Vergänglichkeitsrhetorik gerade auch bei Teenager-Hörern und Hörerinnen großer Beliebtheit. Ähnliches galt für die große andere spirituell beseelte Platte des Jahres: Von Mensch zu Mensch von dem Gothic-Schlager-Star Unheilig, der sich nach einer zweijährigen (!) Abschiedstournee damit nun angeblich endgültig von seinen Fans verabschiedete.
 
Das – abgesehen von den Böhsen Onkelz – meist erwartete Comeback-Album 2016 stammte von dem Hamburger HipHop-Trio Beginner. Auf Advanced Chemistry schlossen sie in musikalisch rundum gelungener Weise an die Ästhetik ihres Hauptwerks aus den Neunzigerjahren an: HipHop-Beats mit wildem Gescratche verbinden sich mit Dancehall-beeinflussten Reggae-Rhythmen und dem charismatisch genäselten Hamburger Dialekt von Jan Delay. Der avancierteste deutschsprachige Rap der Stunde kam hingegen aus Österreich, von den ironisch-minimalistischen, ultraverlangsamten Cloudrappern wie Young Hurn. Oder von der wiederum hyperaktiven Hamburger Rapperin Ronja Zschoche alias Haiyti, die auf ihrem Mixtape Toxic mit Punk-haftem Gestus weibliche Autonomie und Durchsetzungskraft beschwor. Das zweite wichtige politische HipHop-Album des Jahres kam von dem Frankfurter Rapper Megaloh. Auf Regenmacher versuchte er etwa in dem Stück Wohin, sich in die Perspektive eines Flüchtlings zu versetzen: „Sie sagen, ich bin illegal hier / ich habe kein Recht / ich such nur nen Platz, um zu leben / ich habe kein Recht“.
 
Ansonsten war auch im Jahr 2016 das erfolgreichste Mainstream-Genre der deutsche Schlager. Dessen unangefochtene Königin, Helene Fischer, sorgte zwar nur einem postum zusammengemischten Duett mit Elvis Presley für Aufsehen und Kontroversen. Dafür brachte ihre wichtigste Konkurrentin, Andrea Berg, mit Seelenbeben eines der erfolgreichsten Alben heraus und spielte eine ausverkaufte Hallentournee. Roland Kaiser, der sich - ganz im Lindenberg’schen Sinne - bereits im vergangenen Jahr ausdrücklich gegen die Pegida-Bewegung positioniert hatte, spielte sein „Kaisermania“-Festival in Dresden vor 50.000 Besuchern. Und auf Veranstaltungen wie der Lange-Schlagernacht-Festivalreihe jubelte ein junges Publikum ihm ebenso zu wie Newcomern wie Vanessa Mai.

FRAUENBILD DER FÜNFZIGERJAHRE

Letztere schickte sich 2016 an, den Schlager-Diven-Thron von Helene Fischer zu übernehmen. Während ihr Disco-Schlager sich ähnlich modern gab, war das in den Texten von Vanessa Mai zur Erscheinung gelangende Frauenbild allerdings weit konservativer. Weibliche Autonomie wird hier ganz durch die Sehnsucht der Frau nach einem Mann ersetzt, von dem sie sich Liebe, Schutz und Befriedigung erhofft. Gerade im Kontrast mit Helene Fischer und der ihrerseits – auch sexuell – dominant auftretenden Andrea Berg wirkt Vanessa Mai wie eine restaurative Figur; beseelt von einer Sehnsucht nach den Fünfzigerjahren, wie man sie ja auch in den restaurativen politischen Strömungen der Gegenwart findet.
 
Musikalischer Futurismus und der unbedingte Wille zu Innovation waren auch 2016 wieder am ehesten in der elektronischen Musik zu finden. Die erfolgreichste Elektropop-Platte des Jahres gelang dem Berliner Trio Moderat: Auf III übersetzten sie die avantgardistischen Klubmusikstile der letzten Jahre in ein massengängiges Song- und Hallenkonzertformat. Auch die aktuell avancierteste elektronische Musik kam aus Berlin, vor allem von dort lebenden internationalen Künstlern. So brachte die aus Kuwait kommende Produzentin Fatima Al Qadiri mit Brute ein hochpolitisches Album heraus, in dem sie Techno-Beats und nahöstliche Sounds mit O-Tönen von Demonstrationen mischte. Und in den Berliner Clubs oder auf Festivals wie dem Atonal oder dem CTM konnte man jungen DJs und Produzenten sowie Produzentinnen wie Whybe, mobilegirl, Pan Daijing, Dis Fig, Group A oder M.E.S.H. bei der Erschaffung eines globalisierten Post-Internet-Pop zuhören. Neueste Clubmusik aus der US-amerikanischen und europäischen Tradition verschränken sie bruchlos und selbstverständlich mit traditionellen und neueren afrikanischen, karibischen und asiatischen Tanzmusikstilen: eine vollständig deterritorialisierte und dadurch in allen musikalischen Kulturen und Stilen gleichermaßen beheimatete Musik. Wenn man 2016 ein progressiv-politisches Statement gegen den neuen Mainstream der Restauration suchte, wurde man hier am besten fündig: bei einer Musik, die ganz von der Schönheit einer wahrhaft globalisierten, grenzenlos gewordenen Popkultur kündet und lebt.