Britisch-deutsche Beziehungen im Fokus Awkward cousins

Anne McElvoy im Gespräch
Foto: @Vayamedia © Goethe-Institut London

Anhaltende Missverständnisse und interessante Gemeinsamkeiten: In ihrer Brady Lecture reflektiert Journalistin Anne McElvoy über die deutsch-britischen Beziehungen und widmet sich der Frage, warum die „verrückten Briten“ und „ordentlichen Deutschen“ miteinander auskommen müssen.

“Wir leben in außerordentlich schwierigen und angespannten Zeiten”. So beschrieb Anne McElvoy die momentane globale geopolitische Lage. Am 21. November hielt sie eine ebenso unterhaltsame wie aufschlussreiche Brady Lecture unter dem Titel: ‘Awkward cousins: From Deutschland 83 to Brexit and beyond. Why crazy Brits and tidy Germans need to get along.’

McElvoys Vortrag  und die anschließende Diskussion - moderiert von dem Journalisten und früheren Mitherausgeber der Financial Times Quentin Peel - befassten sich mit dem überraschenden Ergebnis des britischen Referendums von 2016 zum Austritt aus der Europäischen Union.

Die Brady Lecture findet alljährlich am Goethe-Institut London statt. Die Veranstaltung steht im Gedenken an den Akademiker und Rundfunksprecher Philip Brady, dessen Arbeit für BBC German, den BBC World Service und das britische Radio über 30 Jahre lang zum Kulturaustausch zwischen Deutschland und Großbritannien beigetragen hat. McElvoy – britische Journalistin für den Economist und den London Evening Standard, die auch BBC Reporterin ist – setzte diese Tradition fort, indem sie von ihrer ganz eigenen Erfahrung deutsch-britischer Beziehungen aus der Perspektive einer Journalistin und selbsterklärten ‘Germanophilen’ sprach, die während DDR Zeiten, bei der Wiedervereinigung und in der heutigen BRD aus Ostdeutschland Bericht erstattete. Am Beispiel des Mauerfalls 1989 zeigte sie auf, wie schnell und unerwartet sich politische Gegebenheiten ändern können. Sie rief dazu auf, weniger Gewicht auf die defensiven Narrativen zum “Brexit” zu legen und sich stattdessen auf die vielen anderen Verbindungen zwischen den beiden Ländern zu konzentrieren, um zu einem ganzheitlicheren und somit optimistischeren politischen Ausblick zu gelangen.
 
McElvoys Vortrag war sowohl ein nostalgischer Trip zurück zu den Bildern und Klängen aus ‘Deutschland ‘83’ – der Musik von Peter Schilling und Udo Lindenberg, Bildern der unbehaglichen Körpersprache zwischen britischen und deutschen Spitzenpolitiker*innen – wie auch eine scharfsinnige Analyse der anhaltenden Missverständnisse zwischen Deutschland und Großbritannien. Sie sprach von der insularen DDR Mentalität in Ostdeutschland, wo man sich mithilfe von propagandistischen Lehrbüchern und und leicht erhältlicher Literatur aus dem 19. Jahrhundert wie etwa Sherlock Holmes ein Bild von England machte als  “absteigendes Land in einem dem Untergang geweihten kapitalistischen System”. McElvoy erzählte auch von ihren eigenen kulturellen Schwachpunkten als junge Studentin und englisches Au-Pair - wie sie lernte, ihre Schuhe in deutschen Häusern auszuziehen und sich an Nacktheit in der Öffentlichkeit zu gewöhnen.
 



Die Auswirkung solch kleiner aber wesentlicher Unterschiede auf die Diplomatie entgeht McElvoy als politischer Berichterstatterin nicht: ihr Vortrag befasste sich im Folgenden mit den heiklen Beziehungen zwischen Helmut Kohl und Margaret Thatcher, Gerhard Schröder und Tony Blair und zuletzt Angela Merkel und Theresa May. Bei dieser letzten Koppelung lassen sich einige interessante Parallelen zu den deutsch-britischen Beziehungen der 80er und 90er Jahre ziehen. Insbesondere fühlt sich McElvoy durch Merkels neuerdings prekäre Position als deutsche Kanzlerin und führende Kraft in der EU in ihrer vierten Amtszeit an die unerwarteten Ereignisse erinnert, die 1990 zu Thatchers Rücktritt führten.
 
Über das politische Klima der 80er sagt sie, “die Menschen hatten wirklich das Gefühl, am Rande des Untergangs zu stehen”, ein Gefühl, das auch die heutige kollektive Geisteshaltung stark bestimmt. Wenn man es anerkennt, so McElvoy, dann könnte dieses gemeinsame Gefühl den Anstoß für einen pragmatischen Zugang zu Großbritanniens Austritt aus der Europäischen Union geben, bei dem ein erneuter Fokus auf Zusammenarbeit das kontraproduktive “Brexit-Trauergesicht” ersetzt. Letzteres könne, wie McElvoy befürchtet, den Bemühungen zur Erhaltung der deutsch-britischen Verbindung nur schaden. McElvoy beschrieb die demokratische Wahlentscheidung zum Austritt aus der EU als einen Aufstand “der Geführten gegen die Führenden”. Ein “missgestimmter Brexit muss keine selbsterfüllende Prophezeiung sein, solange wir es nicht zu einer Beeinträchtigung der deutsch-britischen Beziehungen durch den Brexit kommen lassen.”
 
  • Brady Lecture 2017 - Audience Foto: @Vayamedia © Goethe-Institut London
  • Brady Lecture 2017 - Presentation Foto: @Vayamedia © Goethe-Institut London
  • Brady Lecture 2017 Anne McElvoy and Quentin Peel Foto: @Vayamedia © Goethe-Institut London
  • Brady Lecture 2017 - Reception Foto: @Vayamedia © Goethe-Institut London
  • Brady Lecture 2017 - Reception II Foto: @Vayamedia © Goethe-Institut London