Arrival City Interview mit Niloo Sharifi

Niloo Sharifi
© Caitlin Whittle

Niloo Sharifi ist die Kuratorin von Arrival City im Vereinigten Königreich, einem Projekt mit Fokus auf Migration und darauf wie diese Städte prägt. Hier erzählt sie uns von der Einwanderung in Toxteth, Liverpool, dem Viertel mit der ältesten schwarzen Bevölkerung Englands; über der Rolle von Kunst in der zivilen Gesellschaft; und erklärt uns warum Architektur wesentlich ist für die Entstehung eines Gemeinschaftsgefühls.

In Arrival City geht es darum, wie Migration Städte prägt; wie Städte auf Migration vorbereitet sein und diese sogar unterstützen können. Was hat denn in erster Linie Ihr Interesse an dem Projekt geweckt?

Ich bin selbst Migrantin. Ich wurde in Liverpool geboren, bin in den Iran gezogen und dann zurück nach Liverpool. Ich habe Ankommen und Aufbruch aus ein paar verschiedenen Perspektiven erlebt. Liverpool ist nach wie vor eine interessante Stadt zum Ankommen. Es ist eine moderne Ankunftsstadt, vor Allem in Toxteth (Postleitzahl L8), einer Gegend Liverpools, die mit Abstand die höchste Einwandererquote in der ganzen Stadt hat.
Ich wurde tatsächlich in Toxteth geboren und die Gegend, als Startpunkt für viele Migranten, wie auch meine Eltern, war sehr interessant für mich. Sie erfüllt viele von den Bedingungen, um die es im Arrival-City-Projekt geht und welche auf Migranten auch anziehend wirken – zum Beispiel, gibt es bereits ein Netzwerk für Neuankömmlinge, die Gegend ist nah an den Geschäften, die Mieten sind günstig und so weiter.
Aber das, was mich noch mehr fasziniert hat, war die Tatsache, dass der Grundstein für diese Bedingungen bereits von früheren Einwanderungswellen gelegt wurde, da Liverpool auf eine so lange Einwanderungsgeschichte zurückblickt. Es ist die Stadt mit der ältesten schwarzen Bevölkerung Englands, sowie der ältesten chinesischen Bevölkerung Europas. So kann man leicht sehen wie Einwanderer damals empfangen und behandelt wurden, im Vergleich zu heute.

Ihr Fokus liegt auf Toxteth, einer Gegend Liverpools mit einer langen Tradition von hohen Einwandererquoten und ethnischen Konflikten. Erzählen Sie uns mehr von Ihren Plänen mit FACT und für Toxteth Reservoir insbesondere.

FACT [FACT Liverpool] mit dem ich zusammenarbeite, hat schon mehrere laufende Projekte in L8. Unsere Zusammenarbeit fokussiert sich auf Toxteth Reservoir, ein Gebäude, das schon seit Jahren nicht mehr benutzt wird und früher als Sammelbecken mit Wasser gefüllt war. FACT hat schon ein Projekt namens Aurora, welches das Reservoir für Kunstveranstaltungen benutzt, in Zusammenarbeit mit Invisible Flock [einem interaktiven Künstlerkollektiv LINK]. Bei Aurora liegt der Fokus auf der Umwelt, auf Wasser und auf der Wirkung von Wasser auf unser Leben.
Der Grund für die natürliche Affinität zwischen unseren Projekten liegt, zusätzlich zur Lage, auch darin, dass in Liverpool als Hafenstadt die Einwanderungsgeschichte so eng mit der Geschichte vom Wasser verknüpft ist. Das Pilotprojekt, das im Juli losgeht, vor einer größeren Veranstaltung im Reservoir im September [LINK], basiert auf der Geschichte Liverpools als eine Stadt der darstellenden Kunst und des gesprochenen Wortes. Eine Geschichte, die sich auch aus der Einwanderung und den darin enthaltenen gemischten Einflüssen speist.
Es wird Auftritte von einer ganzen Reihe von Künstlern geben: Musikern, Künstlern des gesprochenen Wortes und Schauspielern mit Aufführungen rund um das Thema Migration. Dazu wird ein Marktplatz errichtet. Der Gedanke dahinter ist, den Markt als Ort für den Ideenaustausch zu sehen, zusätzlich zum rein physischen Marktplatz. Beides repräsentiert den kulturellen Austausch, der stattfinden muss, um Einwanderer erfolgreich zu integrieren. Mich hat die Parallele zwischen kommerzieller und kultureller Integration interessiert – beide sind ausschlaggebend für die Langlebigkeit und den nachhaltigen Erfolg einer Einwanderergemeinschaft.

Summer Social: Aurora & Arrival City (2018) - discussion© Brian Roberts
Im Rahmen der ersten Veranstaltung im Rathaus von Toxteth sollen die Bewohner an einer offenen Diskussionsrunde teilnehmen und sich über ihre Vision für die Zukunft des Viertels austauschen. Warum ist das wichtig?

Weil die Geschichte von L8 so kompliziert und facettenreich gewesen ist. Da fühlte es sich falsch an, für mich als Außenstehende - von meinem persönlichen Bezug zur Gegend mal abgesehen - dort reinzuplatzen und den Menschen meine eigene Geschichte aufzuerlegen. Das Schlimmste, was ich tun könnte, wäre zu sagen: Als Ankunftsstadt sieht L8 so und so aus. Ich habe mir gedacht, dass die Wahrscheinlichkeit ein gehaltvolles Ergebnis zu bekommen, höher sein würde, wenn ich mich tatsächlich an die Bewohner wende. Sie werden so viel mehr Perspektiven zu bieten haben, die ich mir dann durch meine persönliche Erfahrung und Forschung erschließen kann. Die Gemeinschaft dort ist sehr engagiert.
 
Was ist denn die Rolle von Kunst in der zivilen Gesellschaft?

Ich mag Kunstwerke sehr, die sich an der Schnittstelle zwischen repräsentativem Gegenstand und praktischem Nutzobjekt befinden. Als ich für die erste Arrival-City-Konferenz mit dem Goethe Institut nach Frankfurt gegangen bin, habe ich einen Vortrag von einem erfahrenen Kurator gehört, der etwas gesagt hat, was mir sofort einleuchtete. Sein Vortrag hieß „Curation and Caring“ und es ging darum, dass die Arbeit eines Kurators, der sich mit Identität und marginalisierten Bevölkerungsgruppen beschäftigt, nicht darin besteht, das Leben von Menschen auf repräsentative Art zu zeigen (z.B.: Fotos von einem Geschäft aufzuhängen, das von Migranten betrieben wird),  sondern vielmehr ein Moment entstehen zu lassen, durch den die Einwanderergemeinschaft Anschluss an die übrige Gesellschaft findet. Ich glaube, ein Themengebiet verarmt schnell, wenn man versucht eine objektive Wahrheit zu einem Thema zu etablieren, das in Wirklichkeit sehr subjektiv ist.
 

die Orte an denen wir uns treffen, prägen unseren Blick auf uns selbst als Personengruppe.



Sie haben auch ein ausgeprägtes Interesse für Architektur und haben gesagt, dass Sie das 8 House vom dänischen Architekten Bjarke Ingels bewundern. Warum ist Architektur denn, Ihrer Ansicht nach, so wichtig, um eine Gemeinschaft aufzubauen?

Ich glaube, die Orte an denen wir uns treffen, prägen unseren Blick auf uns selbst als Personengruppe. Wenn der Wohnort es einem erlaubt mit Menschen in Berührung zu kommen, wenn man das Gefühl hat, dass die Architektur es fast von einem verlangt, mit Menschen zu reden und einen dazu ermutigt andere Menschen zu treffen, hat dies eine Auswirkung auf das Selbstwertgefühl nicht nur des Einzelnen sondern auch der Gemeinschaft an sich. Es kann Einfluss nehmen auf die Art und Weise wie eine Gemeinschaft sowohl sich selbst als auch ihre Perspektiven wahrnimmt.
Der soziale Fortschritt besteht zu einem großen Teil darin, dass man nach etwas strebt, und schlechte Architektur kann die entgegengesetzte Wirkung haben. Wenn es so aussieht als würde man sich im Viertel in dem man lebt, gar nicht dafür interessieren, ob es eine schöne Aussicht gibt, ob man sich eingeengt fühlt, ob nebenan ein völlig heruntergekommenes Haus steht und sich seit Monaten keiner darum kümmert; wenn meine Umgebung so aussieht, fühlen sich irgendwann mein eigenes Leben und meine Perspektiven auch so an. Das merke ich, wenn ich nach London gehe. Da ist irgendwas an der Architektur, das den Leuten einen Schub gibt. Ich sage nicht, dass wir das überall anstreben sollten, aber die hohen Gebäude dort verleihen einem ein Gefühl von Selbstwichtigkeit. Als ich zum ersten Mal nach Berlin gefahren bin, fand ich die Architektur sehr entspannend. Wir haben sehr viszerale Reaktionen auf die Orte an denen wir leben. Das 8 House ist ein Beispiel dafür, wie man Expertise und Fachwissen einsetzt, um durch ein spezifisches Design viszerale Empfindungen hervorzurufen.
Ich glaube, in L8 besteht eine Verbindung dazwischen, wie die Straßen aussehen, und wie die Leute sich bezüglich ihres Lebens und ihrer Ziele fühlen. Ich bin vor Kurzem zurück nach Toxteth gezogen und da ist ein Haus in meiner Straße, vor dem schon seit Wochen haufenweise Müll liegt. An sich ist alles gut, die Kinder spielen immer noch auf der Straße, aber es gibt einem das Gefühl, dass man in der letzten Ecke oder Gasse der Gesellschaft lebt.

das Schlimmste, was Toxteth passieren könnte, wäre Gentrifizierung



Was erhoffen Sie sich für die Zukunft von L8?

Es ist frustrierend, da so viele Leute in diesem Viertel tolle Sachen machen, aber oft kommen soziale Projekte, um ein Viertel zu ändern und verlassen es wieder ganz schnell. Bei den FACT-Projekten hütet man sich aber davor, irgendwo aufzukreuzen und 6 Wochen später wieder weg zu sein. Man ermutigt die Leute weiterhin engagiert zu bleiben und setzt sich für nachhaltige Projekte ein. Es sind viele, die über einen längeren Zeitraum gute Arbeit leisten. Aber alleine können sie nur bedingt etwas erreichen. Also hoffe ich, dass die Aufmerksamkeit, die Toxteth jetzt bekommt, von der Bezirksverwaltung verdoppelt wird, und dass Staatsgelder mit lokaler Expertise und Bemühungen kombiniert werden.
Es wurde zum Beispiel in meiner Straße ein kleines Grundstück von einem Trust übernommen, mit dem Ziel Wohnungen zu bauen und diese an die Gemeinschaft zurückzugeben. Das ist eine tolle Initiative. Meiner Ansicht nach, ist es am Besten, wenn Investitionen zwar von außen kommen, aber die Entscheidungsträger der lokalen Gemeinschaft miteinbezogen werden. Ich glaube, das Schlimmste, was Toxteth passieren könnte, wäre Gentrifizierung. Das ist nämlich im georgianischen Viertel, dem ehemaligen Rotlichtviertel, passiert. Irgendwann ist sein Image aufpoliert worden. Durch die Polizeipräsenz und die steigenden Preise wurden die Bewohner vertrieben und entfernten sich noch mehr von der Stadtmitte. Für mich ist mehr oder weniger das Gegenteil davon gemeint, wenn ich von einer Verbesserung Toxteths spreche. Wenn die Bewohner durch steigende Preise vertrieben werden, ziehen sie einfach um und das Problem verlagert sich woanders hin. Um Stadtviertel  zu verbessern, muss man also andere Methoden finden, bei denen die Macht in den Händen der lokalen Gemeinschaft bleibt.



Arrival City vermittelt ein Bild von Liverpool, und insbesondere von Toxteth, als Einwanderungsstadt. Das Projekt zielt darauf ab, Gespräche über Einwanderung in Liverpool anzustoßen und somit die Gelegenheit zu bieten, die toxische Atmosphäre, die im öffentlichen Diskurs zum Thema Migration herrscht, aufzuzeigen und zu verbessern.