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Artificial Intelligence Art
EURO(RE)VISION

EURO(RE)VISION
© Libby Heaney

Stell dir vor, Merkel und May würden am Eurovision Song Contest teilnehmen!
Inspiriert von Dada Gedichten untersucht die Künstlerin Libby Heaney mit Hilfe der Videoinstallation Euro(re)vision die Beziehungen zwischen künstlicher Intelligenz, Politik und Popkultur. Im Interview erzählt sie uns, was sie zu dieser künstlerischen Videoinstallation inspiriert hat.

Merkel oder May, wer gewinnt Euro(re)vision dieses Jahr?
Zumindest diesen Wettbewerb hat May gewonnen …
Sie wirkt viel ausdrucksvoller und versucht es sogar mit ein paar Tanzeinlagen (auch wenn sie dabei gnadenlos scheitert). Merkel mag eine bessere Führungspersönlichkeit sein, in diesem Song Contest kann sie mit ihrer fast reglosen Mimik jedoch nicht punkten.

Erzähl’ uns etwas über dein Projekt. Was ist Euro(re)vision?
Euro(re)vision ist eine Videoinstallation, bei der Theresa May und Angela Merkel auf dem Euro(re)vision Song Contest Dada-Gedichte vortragen. Ich habe Deep Learning Face-Swap-Algorithmen benutzt, die mich während meines Vortrags so aussehen lassen, wie die beiden Politikerinnen. Die Dada-Gedichte wurden von drei Machine Learning-Algorithmen verfasst, die Sprache auf der Ebene von Zeichen und Symbolen verarbeiten können und die ‘falsch’ auf politische Debatten im House of Commons und Bundestag trainiert wurden.

Wie bist du auf die Idee gekommen, Merkel und May an einem dadaistischen Liederwettbewerb teilnehmen zu lassen?
Ich befasse mich in meiner Kunst schon seit einiger Zeit mit der Frage, wie man mit Machine-Learning-Algorithmen ‘gutes Rauschen’ erzeugen kann. ‘Gutes Rauschen’ zu erzeugen bedeutet, diese Systeme auf eine Art einzusetzen, für die sie nicht gemacht sind – sie zu schütteln, bis sie fast kaputt gehen, um zu sehen, was dabei herauskommt, um uns selbst neu zu sehen. Mir gefällt die Idee, aus politischen Debatten Unsinn zu erzeugen, eine Art Dada-Lautgedicht als Kritik der momentanen politischen Rhetorik. Dieses dadaistische Lied als May und Merkel vorzutragen, war der logische nächste Schritt. Der Austausch von meinem Gesicht mit Mays oder Merkels lässt uns die Ethik des maschinellen Lernens und seine Verbindungen zur Politik hinterfragen, da wir mittlerweile in einer Welt leben, wo man Politikern mithilfe von künstlicher Intelligenz Worte einfach in den Mund legen kann. Ich wollte aber auch eine positive Zukunftsvision schaffen, nicht nur kritisch sein. Kurz vor Ende des Liedes verschmelzen die englische und deutsche Sprache und May und Merkel tragen gleichzeitig die gleichen Worte vor. Mir gefällt die Vorstellung einer Vereinigung durch neue hybride Sprachen.

by Libby Heaney
Wie sind die Aufnahmen entstanden?
Zuerst habe ich mir stundenlang politische Reden von May und Merkel angesehen und ihre Gesten erfasst, um eine Art Bewegungsbibliothek zu schaffen, auf die ich für die Performance zurückgreifen konnte (ich habe mir auch einige von Mays Tänzen angeschaut). Lulus Eurovision Beitrag von 1969, Boom Bang A Bang, war auch ein Einfluss auf Mays Auftritt. Damals wurde Lulu durch eine Volksabstimmung zur Interpretin des Liedes für Eurovision gewählt, statt ein bekannterer Künstler wie etwa Elton John. Als sie den Wettbewerb mit dem Lied gewonnen hatte, sagte Lulu: "Ich weiß, dass es ein schlechtes Lied ist, aber ich habe gewonnen, also ist es mir egal." Merkels Auftritt und auch Josh Brains Gitarrenarrangement für die Installation sind teilweise von Nicoles Ein bisschen Frieden, dem Eurovision-Gewinner von 1982, inspiriert.
Echo Ru Yi half mir bei den Filmaufnahmen vor einem Greenscreen. Ich habe dann zwei Deep Learning Face-Swap-Modelle benutzt, um mein Gesicht in Mays oder Merkels zu verwandeln – jedes Modell musste ungefähr einen Tag lang darauf trainiert werden, mich als May oder Merkel zu ‘sehen’. Dann zerteilte ich das gesamte Filmmaterial in Einzelbilder, entfernte aus jedem mein Gesicht und tauschte mithilfe des Face-Swap-Modells mein Gesicht mit ihrem aus. Zuletzt baute ich alle Einzelbilder wieder in das Video ein und habe es danach geschnitten. Es war ein langwieriger Prozess.

Bist du ein Eurovision Fan?
Ja, es ist lustig! Aber (wie du vielleicht gemerkt hast) - nehme ich es nicht besonders ernst…

Was bedeutet dir Europa?
Ich bin pro-europäisch. Ich habe mein Erasmus Jahr in Freiburg verbracht und als Künstlerin und Physikerin in vielen Ländern gelebt. Ich finde es extrem wichtig, Brücken zu bauen statt Mauern. Was hier momentan wegen dem Brexit passiert macht mich sehr unglücklich. Ich hoffe darauf, dass humorvolle Kunst, so wie Euro(re)vision, vielleicht einige der Einschnitte heilen kann, die im Vereinigten Königreich zwischen Leave und Remain Wählern entstanden sind.
 

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