Klimawandelleugner
„Klima ist auch nur Wetter“

Ist doch schön, wenn allen etwas wärmer wird, oder? Sandsturm in Australien.
Ist doch schön, wenn allen etwas wärmer wird, oder? Sandsturm in Australien. | Foto (Detail): © Adobe

Von alternativen Fakten und Verschwörungstheorien: ein Einblick in die Welt der Klimawandelleugner.

Viel ist von Lüge die Rede. Viel von den Freiheiten Anderer, die einem ihren Willen aufzwängen. Von Fremdbestimmtheit, von Kommunismus und von faschistoidem Denken „jener da oben“, die „uns da unten“ knebeln und knechten: „Nichts glauben – selbst prüfen“ lautet das Motto von wahrheiten.org. Laut dieser Internetseite ist fast alles Lüge: Geld, Klima, Krebs, die Evolution, die BRD. Im Menü kann man wählen zwischen Informationen über die „Impf-Lüge“, die „9/11-Lüge“ – und die „Klima-Lüge“ – die, so der Untertitel, „größte Lüge des Jahrhunderts?“.

Die Welt jener Menschen, die den Klimawandel als Erfindung geheimer Zirkel und nicht als ökologische Tatsache sehen, ist eine, in der Fakten eine eher untergeordnete Rolle spielen. Es ist aber vor allem eine Szene, die sich zunehmend organisiert. Wahrheiten.org ist nur eine von vielen Webseiten, Blogs und Online-Communities, auf denen sie sich vernetzt. In den USA versuchen eine ganze Reihe von konservativen Think Tanks, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel zu widerlegen. Und in der britischen Organisation Global Warming Policy Foundation sind sogar zahlreiche Oberhauspolitiker der britischen Konservativen vertreten. So schaffen es die Ansichten der Klimawandelleugner weltweit bisweilen bis in die erste Reihe der Politik: Vor dem Bundestag leugneten AfD-Politiker*innen wiederholt den von Menschen gemachten Klimawandel. Und in Österreich war es vor allem die FPÖ, aus deren Reihen dieser in steter Regelmäßigkeit bestritten wird. Im September 2019 sprach FPÖ-Chef Norbert Hofer mit Blick auf Greta Thunberg von einer „Zöpferl-Diktatur“ – und erntete unter anderem auf dem österreichischen Portal unzensuriert.at viel Lob für seinen angeblichen Mut, das zu sagen, „was viele denken“.

Klimadebatte? Welche Klimadebatte?

Wenn Edgar Gärtner auf Greta Thunberg zu sprechen kommt, nennt er sie „ein armes Mädel“, das von der Politik und den Eltern missbraucht werde. Edgar Gärtner ist Buchautor, Redner und sitzt im Fachbeirat der Klimaskeptiker-Organisation EIKE – „Europäisches Institut für Klima & Energie“. Anders als der Name vermuten lässt, ist EIKE kein wissenschaftliches Institut. Die Organisation sieht sich als Plattform von Menschen, die die Behauptung eines „menschengemachten Klimawandels“ ablehnen, auf der Homepage ist von einem „Schwindel gegenüber der Bevölkerung“ die Rede. EIKE ist einer der zentralen Akteure der deutschen Klimawandelleugner und richtet eine jährliche Konferenz aus, auf der sich die Szene trifft.
Noch selten habe eine junge Frau so viel Wirkung und Sichtbarkeit gehabt, sagt die Geografin Sarah Kessler mit Bezug auf Greta Thunberg. Es stoße Menschen aus verschiedenen Richtungen sauer auf, dass ausgerechnet eine junge Frau, die so stark aus jeglicher Konvention und Hierarchie in Bezug auf politische Diskurse ausbricht, so viel Aufmerksamkeit erhält. Noch selten habe eine junge Frau so viel Wirkung und Sichtbarkeit gehabt, sagt die Geografin Sarah Kessler mit Bezug auf Greta Thunberg. Es stoße Menschen aus verschiedenen Richtungen sauer auf, dass ausgerechnet eine junge Frau, die so stark aus jeglicher Konvention und Hierarchie in Bezug auf politische Diskurse ausbricht, so viel Aufmerksamkeit erhält. | Foto (Detail): © picture alliance / REUTERS Edgar Gärtner bleibt ruhig und gelassen, wenn er über vermeintliche Netzwerke in „Großfinanz, Politik und Industrie“ redet. Er legt seine Sicht der Dinge dar: Eine Klimadebatte gebe es nicht – weil es keine Debatten gebe. Den Weltklimarat IPCC sieht er als Instrument der „Gleichschaltung“, in das Personen von Regierungen entsandt und auch wieder abberufen würden, und in dem Lobbygruppen die Richtung vorgeben. Sehr bald kommt er zu dem Punkt, an dem er sagt, dass Debatten von „ganz oben abgeblockt“ würden, dass die „Großfinanz“ Debatten über den Klimawandel unterbinde, dass ein unterbewusst suizidaler Trieb die Menschen auf die Straße treibe und dass Europa schon demnächst zur Kolonie Chinas werde.

Edgar Gärtner leugnet nicht, dass sich das Klima verändert, er freut sich darüber: „Weil die Heizrechnung niedriger ist.“ Woran er zweifelt, ist, wer dafür verantwortlich ist. Und ihm missfällt, was seiner Ansicht nach hinter der Klimapolitik steckt: eine Lobbypolitik, durch die die deutsche Autoindustrie und damit Arbeitsplätze vernichtet würden.

In den sozialen Medien und in einschlägigen Foren ist es ein argumentativer Katzensprung von der „Klientel-Klima-Politik“ der „Öko-Mafia“, die uns „ausnimmt wie Weihnachtsgänse“, hin zur US-Großfinanz, die unter anderem auf dem rechten Blog freiewelt.net als der große Gewinner der Klimapolitik dargestellt wird. Der Klimaschwindel – wie die Ökomafia uns abzockt, lautet der Titel eines Standardwerks unter Klimawandelleugnern. Auf den einschlägigen Seiten vermengt sich derartiges dann oft auch mit antisemitischem, antidemokratischem und medienfeindlichem Unterton.

Getrieben von Misstrauen

Das Spektrum der Klimawandelleugner – oder „Klimawandelskeptiker“, wie sich viele nennen – ist weit: Es reicht von Wirtschafts- und Industriekreisen, in denen in erster Linie Eigeninteressen die Triebfeder sein dürften, über Think Tanks und politische Zirkel aus dem neoliberalen, neurechten und rechtspopulistischen Lager bis zur Gruppe derer, die sich zu Verschwörungstheorien hingezogen fühlen. Manche leugnen den Klimawandel komplett, andere nicht, sehen ihn aber entweder als nicht menschengemacht oder das Problem als nicht lösbar. Manche misstrauen offiziellen Zahlen, andere zweifeln nur an den Gegenmaßnahmen. Ihr gemeinsamer Nenner: Sie positionieren sich politisch gegen Klimapolitik.

Sarah Kessler untersucht an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wieso gerade der Klimawandel als Thema so sehr polarisiert. Sie sieht eine kontinuierliche Spirale an polarisierten Debatten, in die sich der Klimawandel einreiht: erst die Griechenlandkrise, dann das Flüchtlingsthema und schließlich CO2. Und sie stellt fest, dass es in diesen Debatten zwei Diskussionsstränge gibt, die kaum miteinander in Berührung kommen: einerseits einem gesetzten Diskurs in TV-Talkshows, Massenmedien und der breiten Öffentlichkeit und andererseits einen, der sich hauptsächlich in sozialen Medien oder einschlägigen Foren abspielt. Immer wieder trete da ein Motiv zutage, das die Akteure in diesen Foren antreibe: Dass eine politische Elite über die Köpfe der Bürger hinweg entscheide und dabei selbst inkonsequent agiere. All das in einer Thematik, so Kessler, die unglaublich komplex sei und zu deren Lösung ein Einzelner kaum etwas beitragen könne, und zu einem Problem, das nicht sichtbar oder spürbar sei. Die Folge: tief sitzendes Misstrauen und Verlustängste.

In der Politik sind es vor allem Vertreter*innen aus dem rechten Spektrum, die Argumente der Klimawandelleugner aufgreifen. Darunter ist neben der österreichischen FPÖ auch die deutsche AfD-Fraktion: Parteichef Meuthen nennt sich selbst zwar keinen Klimaleugner, wohl aber einen Zweifler. Klimaschutzpolitik hält die Partei für einen „Irrweg“ und stellt in ihrem Programm die Annahmen des Weltklimarats IPCC zumindest in Teilen in Frage. Für die Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Alice Weidel, ist das Gremium „keine naturwissenschaftliche, sondern eine politische“ Organisation, weshalb es sich bei der Debatte „um nichts anderes als Lobbypolitik“ handele.