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Mata Kastrisiou, Griechenland
Giorgos Romanos: Der Ire und der Judäer

Europas Schönheit entspringt aus dem Trauma und der Erinnerung, die jedes Land mit sich trägt, findet Mata Kastrisiou, und stellt diesen allegorischen Song vor.

Von Mata Kastrisiou

Ende der 1990er-Jahre brachte unser Schulchorleiter uns diesen Song mit ("Ο Ιρλανδός κι ο Ιουδαίος", Der Ire und der Judäer), der die Geschichte eines Iren und eines Judäers erzählt, die zusammen wanderten, weil sie einen Ort erreichen wollten, an dem eine Hochzeit stattfand. Wie genau ihr Weg zusammen endete, werden wir nie erfahren, welches Gelöbnis sie ablegten, wer sie eingeladen hatte, das werden wir nie erfahren. Wir hatten gerade die Geschichte Europas gelernt, in unseren Köpfen ging vieles durcheinander, wir hatten auch die Karte auf Papier gezeichnet, in unseren Köpfen durchquerte das seltsame Paar den Kontinent und trennte das Papier in zwei Hälften.

Ich erinnere mich an zwei Freunde, die als junge Leute zu einer Tour aufbrachen und die wir nun in diesem Song treffen, stark gealtert, mit eingetrocknetem Speichel um den Mund, bucklig, so wandern sie durch ein weites Land mit einer riesigen Sonne über ihren Köpfen.
Irgendwann wird die Zeit in der Geschichte unterbrochen, das seltsame Paar kommt mitten in der Wüste vor einem Tor mit der Inschrift „Ende – Anfang“ an. Die beiden Freunde gehen hindurch und finden sich auf einem großen Marktplatz mit Dutzenden von Sprachen wieder, der Schmuck wird auf Spanisch, die Fische auf Griechisch verkauft und hier ist ein adretter Affe und die Schlaflieder werden auf Französisch verkauft und die Sterne auf Polnisch.

Der Ire und der Judäer, irgendwie verloren in der Musik und in den Gerüchen und irgendwie benommen, halten einen Passanten an und fragen ihn, wo nun die berühmte Hochzeit sein soll, wie weit sie noch zu gehen haben und wie genau sie sich vor den Gästen so schmutzig und müde zeigen könnten, so gealtert und mit den vom Schweiß verklebten Haaren.

Und dann streckt der Passant – seine Identität werden wir nie erfahren, welche Prophezeiung er zu überbringen hat, ebenfalls nicht – seine Hände aus und zeigt ihnen nur wenige Meter entfernt zwei tote Tauben, die auf dem Boden liegen. Mit warmer Haut, seidigen Federn, geschlossenen Lidern, in Todesstille. Der Todeskampf endet, jede Hochzeit findet statt, wo wir die Schüsse nicht länger abwehren. Und der Passant sagt: „Siehe da die Braut, siehe da der Bräutigam.“ Und der Schreiber des Songtextes, Nikos Gatsos, schreibt: „Dann weinten die Augen des Iren, die Augen des Judäers weinten auch.”
 



Im Chor war damals ein Moment Pause. Wir konnten nicht viel sagen. Die Altistinnen meinten „Tauben symbolisieren Frieden“ und die Soprane sagten „sie haben die Tauben getötet“ und die Bässe „sie töteten den Frieden“.

Und der Komponist des Songs, Manos Hadjidakis, machte eine lustige Melodie mit arglosen Blasinstrumenten und mit viel Rhythmus dazu. Wie hätte es sonst für Kinder möglich sein können, dieses Klagelied zu singen, dasselbe Lamento, das seit Jahrhunderten geschieht.

Viele Jahre nach der Schulzeit und dem Chor hat die Allegorie dieses Songs heute in meinem Gedächtnis viele Transformationen durchlaufen. Die Allegorie von Frieden und Krieg, die offensichtlich in dem Songtext steckt, hat eine andere Interpretation für mich und die jüngste Geschichte meines Landes hat dazu beigetragen.

In den letzten zehn Jahren wurde Griechenland aufgefordert, als Land über seine bisher geleistete Arbeit Rechenschaft abzugeben und seine Identität in einen Kontext „einzupassen“, der nicht nur seinen wirtschaftlichen Status, sondern auch die Art und Weise definiert, wie es Kultur, Land, Gewohnheiten und Verhalten organisiert und sogar die Extroversion seiner Landsleute.

Heute droht den beiden Tauben, der Braut und dem Bräutigam, nicht der Tod durch Schüsse, aber sie werden aufgefordert, die Erinnerung und den Eindruck ihrer Geschichte festzuhalten gegen die Tendenz, die die Länder Europas im Namen der Einheit, eines gemeinsamen Weges und Wohlstands gleichschalten (homogenisieren) will.

Europa, das auch seinen Kopf beugen sollte, muss zugeben, dass wir nicht identische Exponate eines perfekten Zoos sein müssen, um das Recht auf Existenz weiter zu behalten.
Im Gegenteil, wir können zusammen wandern, auch wenn einige von uns wie der große Ire aussehen und andere wie der dicke Judäer, voller Leidenschaften und Unterschiedlichkeiten und Fehlern und alten Wunden.

Selbst wenn wir uns alle einig sind, dass unser Wunsch die Koexistenz der Völker ist, erfordert es Mut und Vertrauen, um die Angst zu überwinden, die diese Vielfalt erzeugt.

Lasst uns nicht perfekt sein, Europas Schönheit entspringt aus den Stacheln, dem Trauma und der Erinnerung, das jedes Land mit sich trägt. Um einen großen Tisch herum trinken und singen und lieben wir uns alle, und dann fangen wir aus dummen Gründen an zu kämpfen und dann schneidet sich jemand an einem zerbrochenen Glas seinen Finger und dann lieben wir uns wieder.

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