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Berlinale 2020
Von Stockholm nach Grosny: LGBTQI-Kino at its best

Always Amber by Lia Hietala, Hannah Reinikainen | SWE 2020, Panorama
© Story AB

Vor einigen Tagen habe ich zufällig zwei Dokumentarfilme hintereinander gesehen: „Always Amber“ von Lia Hietala und Hannah Reinikainen und „Welcome to Chechnya“ von David France.

Von Gabriele Magro

Eine gefährliche Perspektive

Amber ist nonbinary und lebt in Stockholm. Abgesehen von dem gewaltigen, sinnfreien Erdbeben, das die Pubertät für jeden darstellt, durchlebt sie außerdem das Trauma, sich in ihrem eigenen Körper nicht zu Hause zu fühlen. Das bedeutet Psychiater, Pronomen, Pride und all die anderen Dinge, die uns in den Sinn kommen, wenn wir das Thema aus der Perspektive eines Menschen betrachten, der in einem Erste-Welt-Land lebt. Doch diese Perspektive ist brandgefährlich und sie wird noch viel gefährlicher, wenn man auch Welcome to Chechnya gesehen hat. Der Film berichtet von den 2017 initiierten Pogromen gegen Homosexuelle, zu denen die tschetschenischen wie russischen Behörden damals (billigend) schwiegen. Die Rede ist von Dutzenden gefolterten Frauen und Männern sowie mehreren Toten wie auch von Nichtregierungsorganisationen im Kampf gegen die Bürokratie, damit diejenigen, die vor den Verfolgungen auf der Flucht sind, Visen für die Ausreise und Flüchtlingsstatus erhalten.

Sie fallen nicht vom Himmel

In diesem Zusammenhang kam mir der Gedanke, dass wir, wenn wir die Dinge aus unserer Position betrachten, Gefahr laufen, in eine Falle zu tappen. Nur allzu schnell denken wir dann: 1) Hier bei uns haben sie keinen Grund, zu protestieren. Wären sie in Russland, würde man sie ins Gefängnis stecken. 2) Das passiert nur dort, in diesen rückständigen Ländern weit weg, nicht bei uns, wo wir superfortschriftlich, supertolerant, superzivilisiert sind. Die Falle besteht darin, zu glauben, dass Rechte vom Himmel fallen, und zu vergessen, dass es gerade die Aktivisten sind (die protestieren und Krawall machen und sowieso sind auf dem Gay Pride alle nackt, was für eine Schande, du meine Güte), die Stockholm zu einer Stadt machen, in der sich eine transsexuelle junge Frau sicher fühlt. Oder zu vergessen, dass Transgenderismus in Schweden erst seit 2008 nicht mehr als psychische Krankheit gilt und dass Tschetschenien überall sein kann und erst letzte Woche einen Zwischenstopp in unserer gay-freundlichsten Metropole gemacht hat.

Es ist immer legitim, Rechte einzufordern

Eine besondere Stärke des LGBTQI-Kinos ist seit jeher die Produktion entwaffnend klarer und starker Non-Fiction-Filme. Beide Dokus sind wirklich sehr gut, wenn ihr Gelegenheit habt, seht sie euch an. Wenn man sie noch dazu direkt hintereinander sieht, helfen sie einem außerdem, rhetorische Fallen zu vermeiden – wie Super Mario, wenn er über Schluchten springt, ohne hineinzufallen. Sie erinnern uns daran, dass der harte Kampf um Emanzipation an vielen verschiedenen Fronten gleichzeitig stattfindet, dass Eroberungen nichts Dauerhaftes sind und dass es in Stockholm genauso legitim ist, seine Rechte einzufordern, wie in Grosny.

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