Tony Crawford

Tony Crawford © Tony Crawford Tony Crawford wurde in Milwaukee geboren und studierte Vergleichende Literaturwissenschaft mit Französisch in Los Angeles. Heute lebt er in Berlin. Seine Übersetzungsarbeit wurde vom New Books in German Emerging Translators Programme, dem No Man’s Land Magazin aus Berlin und dem DAAD/IMLR Encounters Wettbewerb gewürdigt.

 




 

Drei Fragen an Tony Crawford

War Übersetzer Ihr Traumberuf? Warum sind Sie Übersetzer geworden?

Als junger Mann hatte ich keine eindeutige Berufung. Aber ich hatte ein gewisses Talent für Sprache, ein Talent für mehrere Sprachen, wie sich letztlich herausstellte. Jetzt besteht meine Arbeit daraus, Bücher zu lesen, Ideen zu verbinden und mit Wörtern zu spielen, man könnte also sagen, dass ich das was mir immer schon am meisten mochte zum Beruf gemacht habe.
Welches ist Ihr deutsches Lieblingsbuch und warum?

Ein Buch? Ich bin besonders voreingenommen, wenn es um autobiographische Erzählungen geht. Nicht, weil sie wahr sind – jeder lügt – sondern wegen ihrer besonderen Eindringlichkeit; das Interesse des Erzählers für das Erzählte ist unabdingbar. Und das gibt dem Narrativ, unabhängig vom Stil, eine gewisse Unmittelbarkeit, macht ihn menschlich, mitfühlend, direkt. Außerdem ist das Leben der vielleicht beste Erfinder von Handlung: Die Realität kommt mit unwahrscheinlichen Wendungen davon, die ihre eigene Unvermeidlichkeit schaffen und dabei jeder Glaubwürdigkeit trotzen. Genau wie die menschliche Existenz an sich. Ich mag Fritz Mühlenwegs Umherirren und seine Begegnungen in der Wüste Gobi; ich mag Christa Wolfs nachdenkliche Zeit an der Pazifikküste in Los Angeles; ich mag Oskar Maria Grafs verruchten Dilettantismus in der bayrischen Zwischenkriegszeit.  
Gibt es ein Buch, das Sie unbedingt übersetzen wollen?

Ich bin sicher das gibt es. Es ist erzählerisch, seine Diktion und Stil sind jedoch poetisch; es hat europäischen Umfang; es ist persönlich, dringend und politisch; es kann zeitgenössisch oder historisch sein, in jedem Falle blickt es aber in die Vergangenheit und in die Zukunft, nach innen und nach außen, in einem vereinenden Geist.
Bis ich es gefunden habe nehme ich eine Übersetzung von Franz Jungs Memoiren, Der Weg nach unten. Jung war ein Duellant, ein Deserteur, ein Pianist, ein Pirat, ein Dadaist, ein Journalist, ein Revolutionär, ein Unternehmensberater, ein Theaterproduzent, ein Geheimagent, ein Schwindler… Ein verzweifelter Mann, hin und hergerissen zwischen revolutionärer Hoffnung und einem angeborenen selbst-erfüllenden Pessimismus, er ist niemand, den ich gerne persönlich kennen würde. Wie seine Romane – wie sein Leben – ist seine Autobiografie ein Versuch aus einer Welt schlau zu werden, die gänzlich verrückt geworden ist.

Auswahl an übersetzten Titeln

  • Navid Kermani, God is Beautiful (Gott ist schön). Polity Press, 2015.
  • Navid Kermani, Between Quran and Kafka (Zwischen Koran und Kafka). Polity Press, 2016.
  • Navid Kermani, Upheaval (Einbruch der Wirklichkeit). Polity Press, 2017.