Liesl Schillinger

Liesl Schillinger © Albrecht von Alvensleben Liesl Schillinger ist Kritikerin, Übersetzerin und Moderatorin und lebt in New York. Sie wuchs in Universitätsstädten im Mittleren Westen auf, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Yale, arbeitete über zehn Jahre beim New Yorker und wurde 2004 reguläre Kritikerin beim New York Times Book Review. Ihre Artikel und Essays sind in The New Yorker, The New York Times, New York, The New Republic, The Washington Post, Vogue, Foreign Policy, The London Independent on Sunday und vielen anderen Publikationen erschienen.

Ihre neuesten Übersetzungen sind die Romane Every Day, Every Hour von Natasa Dragnic (2012, Viking/Penguin) und The Lady of the Camellias von Alexandre Dumas dem Jüngeren (Penguin Classics, 2013). Wordbirds, ihr illustriertes Lexikon der notwendigen Neologismen für das 21. Jahrhundert (Simon & Schuster), erschien im Oktober 2013.

 

Drei Fragen an Liesl Schillinger

War Übersetzerin Ihr Traumberuf? Warum sind Sie Übersetzerin geworden?

Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, der voll mit ausländischer Literatur war, sowohl in Übersetzung als auch in der Originalsprache. Mein Vater unterrichtete russische Sprache und Literatur, meine Mutter unterrichtete Journalismus und Grafikdesign und sie unterrichteten gemeinsam Kurse zur Sowjetunion. Über meine gesamte Kindheit hinweg hießen meine Eltern eine endlose Prozession von ausländischen Professoren, Lyrikern und Journalisten bei uns zuhause willkommen – zusammen mit draufgängerischen amerikanischen Sprachstudierenden aus dem mittleren Westen. Demzufolge kann ich mich an keine Zeit erinnern, in der ich nicht von Fremdsprachen und von der Mystik – und der Realität – fremder Kulturen begeistert war. Auf den Postern in den Gängen des Fachbereichs meines Vaters an der Universität (die von meiner Mutter gestaltet wurden) stand: „Lerne eine andere Sprache; verstehe eine andere Welt“. Ich glaube, dass man durch das Lesen der Literatur aus einer anderen Kultur dieselbe bereichernde Freiheit erlangt – eine andere Welt zu verstehen; egal ob man die Sprache spricht oder nicht. Wenn ich übersetze – aus dem Deutschen, dem Französischen, dem Italienischen oder dem Russischen – ist es mein Ziel, Leserinnen und Lesern dazu zu bringen, in die Empfindung eines anderen Ortes, einer anderen Kultur, einzutauchen. Ich könnte hinzufügen: als ich fünf Jahre alt war beherbergten meine Eltern für ein Jahr einen deutschen Doktoranden in unserem Haus, der Fritz hieß. Fritz sprach mit mir auf Deutsch (mein Babybruder konnte noch nicht so viel reden) und ich war so jung, dass ich es irgendwie gelernt habe. Deutsch verstehen zu können hat mich stolz gemacht… und es hat früh meinen Sinn dafür geschärft, dass es wichtig ist, Fremdsprachen zu verstehen und dass Deutsch äußerst besonders ist. Meine Eltern nahmen einige meiner Gespräche mit Fritz aus dieser Zeit auf. Wenn ich sie jetzt höre weiß ich, dass mein Akzent niemals wieder so gut sein wird wie damals. Wenigstens ist heute aber mein Vokabular größer!      
Welches ist Ihr deutsches Lieblingsbuch und warum?

Eine Literaturkritikerin (die ich seit 1995 bin) aufzufordern, ein Lieblingsbuch zu nennen ist wie eine Mutter darum zu bitten, ein Lieblingskind auszuwählen! Könnte ich vielleicht drei Spitzenreiter nennen (ohne Thomas Mann und Stefan Zweig zu zählen, die ich verehre und immer wieder lese)? Dafür, dass es eine Ära mit Weitsicht, Schärfe und bestechendem Detail auf den Punkt gebracht hat liebe ich Radetzky March (Radetzkymarsch, 1932) von Joseph Roth, das eine Familie während des Niedergangs des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs begleitet. Für Anmut, Witz und Tiefblick bewundere ich Goethes Elective Affinities (Die Wahlverwandschaften, 1809) – ein eleganter und scharfsinniger Roman der seiner Zeit weit voraus war und den man, um kapriziös reduktiv zu sein, als eine überlegte Betrachtung der Gefahren des Partnertauschs beschreiben könnte. Eine wunderschöne Sprache, und Goethes Handlungslinie ruft bei mir Gedanken an einen meiner englischen Lieblingsromane über die zersetzende Kraft des Egos in der Ehe hervor, The Heart of the Matter von Graham Greene. Zuletzt ist noch Jeder Stirbt für Sich Allein von Hans Fallada ein essentielles Werk, ein abschreckender, fesselnder Roman über ein mutiges und verzweifeltes Paar aus der Arbeiterklasse in Berlin, das eine Postkartenkampagne gegen Hitler startete und dafür getötet wurde (was auf einem realen Fall aufbaut). Die US- und die UK-Versionen haben jeweils verschiedene Titel: Every Man Dies Alone und Alone in Berlin. Es ist lustig zu denken dass Leserinnen und Leser britischen bzw. amerikanischen Englisches unterschiedliche Titel bevorzugen – es zeigt den vorsichtigen Balanceakt zwischen Präzision, Intuition und Laune der für die Übersetzungskunst notwendig ist.       
Gibt es ein Buch, das Sie unbedingt übersetzen wollen?

Ich vermute du meinst, ob es ein deutsches Buch gibt, das ich gerne übersetzen würde? Auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt war ich beeindruckt von Romanen und Denkschriften, die unter dem Einfluss des Zuzugs von Immigranten (aus Osteuropa, der Türkei und dem Nahen Osten) entstanden sind, die im letzten viertel Jahrhundert ins Land gekommen sind. Ihre Stimme, ihre Erfahrung bringt die selbe stärkende hybride Lebendigkeit in die deutsche Literatur ein, die ich in der amerikanischen Literatur der letzten Jahrzehnte lobe. Es war diese Energie, diese Fusion von Einflüssen, die mich auf Jeden Tag, Jede Stunde von Natasa Dragnic brachte! Soweit zu einem einzelnen Roman; gerne würde ich irgendetwas von Daniel Kehlmann oder Bernhard Schlink angehen; ich bin aber offen für Vorschläge! Falls jemand etwas ausgezeichnetes und übersehenes aus dem 19. oder 20. Jahrhundert (oder von letztem Monat) kennt, sag mir auf jeden Fall Bescheid…   

Auswahl an übersetzten Titeln

  • Natasa Dragnic: Every Day, Every Hour (Jeden Tag, jede Stunde). Penguin, 2012.