Havarie

Havarie © Argument Verlag Havarie © Argument Verlag

Interview mit Merle Kröger und Philip Scheffner

Ein Kreuzfahrtschiff trifft auf ein Schlauchboot mit Flüchtlingen. Diese Begegnung wird zum Ausgangspunkt für den Roman und den Dokumentarfilm Havarie. Im Interview erzählen Autorin Merle Kröger und Filmemacher von ihrer aufwendigen Recherche, die mit einem YouTube-Video begann.

Der Film Havarie basiert auf einem YouTube-Video. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das Video zum ersten Mal gesehen haben?
 
Merle Kröger: Es war anders als alles, was ich bisher gesehen hatte. Vor allem damals. Vor den ganzen medialen Bildern, die durch die sogenannte ‚Flüchtlingskrise‘ kamen. Da gab es zwei Arten von Bildern: Bilder von westlichen Nachrichten und NGOs und auf der anderen Seite Bilder von Leuten, die geflüchtet sind, und die Videos davon ins Netz gestellt haben. Was uns irritiert hat, ist, dass  das YouTube-Video keins von beidem war. Wir haben uns gefragt: Was ist das für ein Material und von wo aus ist das gefilmt?
 
 
Philip Scheffner:
Genau. Man weiß gar nicht genau: Ist das vom Land aus aufgenommen? Ein Helikopter kann es nicht sein. Erst als dann in dem Video der Schwenk kommt, kapiert man auf einmal: Das ist von einem Kreuzfahrtschiff aufgenommen. Da haben sich uns beiden damals die Haare aufgestellt. Gleichzeitig ist dieses Bild unheimlich ruhig.  Es hat nicht diese Dringlichkeit der anderen Bilder von Flüchtlingsbooten.
 
Was geschah, nachdem Sie das Video gesehen hatten?
 
Philip Scheffner: Wir haben versucht herauszufinden, wer es ins Netz gestellt hat – und warum. Es stellte sich heraus, dass das Video von Terry Diamond stammt, einem zu dem Zeitpunkt 50-jährigen Mann aus Belfast, der auf dieser Kreuzfahrt war.
 
Merle Kröger: Nach zwei Emails  war uns klar, dass er dieses Video nicht aus Sensationslust aufgenommen hat, sondern aus einer solidarischen Haltung heraus.
 
Philip Scheffner: Er war sehr empathisch mit den Menschen, die dort auf dem Boot waren. Das hat mit seiner Geschichte zu tun, mit seiner Erfahrung vom Krieg in Nordirland

Hitnergrund

HAVARIE © Philip Scheffner

 

Ein Schlauchboot treibt auf dem dunkelblauen Mittelmeer. Darauf eine Gruppe Menschen, die nur schemenhaft zu erkennen ist. Das Video ist mit vollem Zoom aufgenommen,manchmal wackelt es und verschwimmt, das Boot gerät am Ende aus dem Blick. Der Passagier eines Kreuzfahrtschiffs hattedas in Seenot geratene Flüchtlingsboot 2012 gefilmt und das Video auf YouTube hochgeladen.
 
Die dreieinhalbminütige Aufnahme diente nicht nur als Inspiration für Merle Krögers Kriminalroman „Havarie“, in dem sie das Zusammentreffen zwischen den Booten aus verschiedenen Perspektiven verarbeitet. Elementar wurde der YouTube-Clip auch für Philip Scheffners gleichnamige Dokumentation, an der Kröger als Drehbuchautorin ebenfalls mitwirkte.
 
Für den Film dehnte Scheffner das dreieinhalbminütige Video auf 90 Minuten aus. Im Sekundenrhythmus treibt das kleine Boot Einzelbild für Einzelbild über den Bildschirm. Unterlegt mit den Funksprüchen zwischen der Seenotrettung und dem Kreuzfahrtschiff sowie mit Gesprächen, die Scheffner und Kröger auf ihrer Recherchereise geführt haben, entsteht so ein Film, der eigentlich ganz anders geplant war
Merle Kröger Foto: Merle Kröger © CrimeFest Merle Kröger lebt als Produzentin, Drehbuch- und Romanautorin in Berlin. Havarie ist nach Cut! (2003), Kyai! (2007) und Grenzfall (2012) ihr vierter Roman. Sie ist außerdem Dozentin der Professional Media Master Class für Dokumentarfilm in Halle.

 
Philip Scheffner Foto: Philip Scheffner © pong film gmbh Philip Scheffner is an artist and filmmaker living in Berlin. Together with Merle Kröger he manages the production company pong, which has produced his films The Halfmoon Files (2007), The Day of the Sparrow (Der Tage des Spatzen, 2010), And-Ek Ghes (2016 with Colorado Velcu) and Havarie, and films by other directors.

Nachdem Sie Terry ausfindig gemacht haben: Wie ging es mit Ihrer Recherche weiter?
 
Philip Scheffner: Wir haben recherchiert, welche Leute noch an dem Ereignis direkt beteiligt waren. Wir haben das Kreuzfahrtschiff kontaktiert und mit der Seenotrettung in Spanien gesprochen. Wir kennen die Namen der Männer, die auf dem Boot waren. Sie sind alle nach Spanien gekommen und wurden innerhalb eines Monats zurück nach Algerien abgeschoben. In Algerien haben wir unsere Recherche irgendwann abgebrochen. Denn dort hätten wir mit Stellen zusammenarbeiten müssen, mit denen wir nicht zusammenarbeiten wollten.
 
Was war zu dem Zeitpunkt Ihr Plan? Wie sollte der Film aussehen?
 
Merle Kröger: Unser Plan war, eine Begegnung im metaphorischen Sinne zu rekonstruieren, bei der wir fünf oder sechs Leute miteinander in Verbindung bringen, die normalerweise keinen gemeinsamen Raum haben, die aber durch dieses Ereignis, die Begegnung des Kreuzfahrtschiffs mit dem Flüchtlingsboot, miteinander verbunden sind. Vom Frachtschiffkapitän, der immer diese Route fährt, bis zu jemandem, der mit einem Schlauchboot das Mittelmeer durchquert hat…
 



Sie hatten schon sehr viel Filmmaterial zusammen, als Sie sich entschieden, das Konzept des Films grundlegend zu ändern. Warum?
 
Philip Scheffner:
Richtig. Wir hatten in Algerien gedreht und in Spanien, in Frankreich und Belfast, auf einem Containerschiff, einem Kreuzfahrtschiff und einem Seenotrettungsschiff. Ganz tolles Material. Und dann sind wir zurückgekommen und wollten den Film schneiden. Das war 2015 ­– der Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise.
 
Merle Kröger: Bei uns schlich sich ein immer größeres Unbehagen ein. Wir hatten das Gefühl: Um uns herum tost die Medienwelt und wir kommen überhaupt nicht auf den Punkt. Da haben wir uns angeschaut und gesagt: Wir müssen nochmal zurück zu dem Bild, das es ausgelöst hat, zum Video von Terry Diamond. 
 
Philip Scheffner: Wir haben uns dann entschieden, uns auf dieses Bild, das für uns der Aufhänger war, und seine Besonderheit zu konzentrieren. All die Sachen, die wir bereits gedreht hatten, haben wir genutzt. Zwar nicht das Bild, aber den Ton.
 
Merle Kröger: Dadurch entsteht ein großer, weiter Raum, der das Publikum nicht zuballert mit Bildern, Geschichten und einer vorgespielten Nähe. In diesem Raum kann man als Zuschauer durchaus auch verloren gehen. Das ist aber ein produktives Verlorengehen, weil man immer wieder eingefangen wird von den ausgewählten Geschichten der Menschen im Film. Das gibt einem den Raum, um überhaupt mal nachzudenken und sich selber zu positionieren.

Wie haben die Leute, die am dem Film beteiligt waren, das neue Konzept aufgenommen?
 
Philip Scheffner: Als wir die Entscheidung getroffen haben, die Bilder nicht zu verwenden, haben wir mit den Protagonisten sehr intensiv über den Film gesprochen. Da gab es zwei Diskussionen: eine mit den Geldgebern und dem Fernsehen, um diese Entscheidung zu vermitteln. Die Diskussion mit den Protagonisten war aber mindestens genauso schwierig. Also wenn Terry Diamond sagt: „Sorry, wie lange wart ihr jetzt bei mir zu Hause in Irland? Eine Woche?“ Und kein einziges Bild davon wird gezeigt! Das ist natürlich schwierig. Das haben wir intensiv per Skype diskutiert und haben Ausschnitte hingeschickt. Und am Ende haben den Entschluss alle mitgetragen und waren dann auch begeistert von den Reaktionen der Leute. Im ersten Moment denkt man vielleicht: Weil mein Bild nicht da ist, bin ich weniger präsent. Aber das ist hier vielleicht sogar andersrum. Dadurch dass man sich die Person vorstellen muss, beschäftigt man sich viel intensiver damit, was er oder sie erzählt.
 
Frau Kröger, Sie haben den gleichnamigen Roman „Havarie“ geschrieben. Der Film ist ein dokumentarisches Essay, er basiert auf Interviews mit realen Personen. Wieviel Fakt und wie viel Fiktion steckt in dem Roman Havarie?
 
Merle Kröger: Alles ist Fiktion. Das Buch ist die Weiterentwicklung einer dokumentarischen Recherche in die Fiktion. Natürlich haben vorher Gespräche stattgefunden. Natürlich gibt es durchaus auch gewollte Verbindungen zum Film. Aus vielen Beobachtungen und Gesprächen entstand am Ende eine Person im Buch. Auch körperlich auf all diesen Schiffen zu sein, hat tatsächlich geholfen. Ob man auf einem Frachtschiff oder einem Kreuzfahrtschiff ist – das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.
 
Der Film wirkt sehr entschleunigt und das Buch sehr temporeich. Ist das dem Genre geschuldet oder war das Intention?
 
Philip Scheffner: Das liegt an der ganz unterschiedlichen Zeitdramaturgie, weil der Film ja wirklich mit den 90 Minuten Realzeit arbeitet. Die spielen bei dem Roman auch eine Rolle, aber es liegt in der Natur der Sache, dass man ein Buch lesen und wieder weglegen kann. Das Buch spielt wiederum mit ganz anderen Ebenen von Zeit, das kann der Film nicht leisten.
 
Merle Kröger: Die innere Dramaturgie der Werke ist unterschiedlich. Während der Recherche hat sich die Situation – diese sogenannte Flüchtlingskrise – unheimlich verschärft. Und ich bin mit einer großen Wut im Bauch zurückgekommen und habe angefangen, dieses Buch zu schreiben. Da war ein ungeheurer Druck, der sich in dem Buch entladen hat. Ich wollte gerne ein Buch schreiben, das die Leserinnen und Leser festhält. Ich wurde einmal gefragt, ob ich meinen Lesern die Komfortzone verweigern wollte. Und ich glaube schon, dass ich das wollte, weil ich sie mir auch verweigert habe.