Oktober 2018 Der nasse Fisch: Politik zum Kokain-Blues

Book cover: Der nasse Fisch von Volker Kutscher
Cover © Sandstone Press

Bekannt ist er zwar als Meister der Thriller- und Spionageliteratur, aber John Le Carrés erste Bücher sind genauso auch Kriminalromane. Sein Debütroman Schatten von Gestern (übersetzt von Ortwin Munch) entfaltet sich um einen fesselnden Mord: Ein paar Tage nach seiner Befragung durch den Geheimdienst wird die Leiche von Samuel Fennan gefunden. George Smiley – der bewusst als Gegenfigur zu James Bond entwickelte Protagonist – zweifelt daran, dass es sich dabei, wie zunächst angenommen, wirklich um Selbstmord handelt. Seine anschließenden Ermittlungen, die er im Alleingang aufnimmt, deuten auf Spionage hin; ausgehend von der noch jungen Deutschen Demokratischen Republik. Eingeholt von seiner eigenen Zeit als Agent in Deutschland vor und während des Krieges begegnet Smiley auch den Geistern seiner Vergangenheit. Wie in Le Carrés besten Werken entwickelt sich in Schatten von Gestern ein packendes Rätsel, dem nach und nach auf den Grund gegangen wird. Das Leben der einzelnen Figuren wird dabei gekonnt gezeichnet vor dem Hintergrund einer seinerzeit gefühllos-kalten, tödlichen Europapolitik.

Auch in Volker Kutschers Der nasse Fisch – der erste Roman in einer geplant neunteiligen Serie um Kriminalkommissar Gereon Rath – ist die Kernhandlung des Romans vor einer drängend politisierten Kulisse inszeniert: Wir sind im Jahr 1928. In den Berliner Nachtclubs wird zum Kokain-Blues getanzt, während draußen auf den Straßen Kommunisten, Polizei und Faschisten gegeneinander kämpfen. (Kaum überraschend, dass das Buch 2016 verfilmt wurde. Es ist derzeit unter dem Namen Babylon Berlin erstmalig im deutschen free-TV zu sehen.) Als ein Mann, den er flüchtig kennt, in der Leichenhalle der Polizei auftaucht, entscheidet sich auch Gereon Rath, Ermittlungen in eigener Sache aufzunehmen. Die Folgen? Ein spannendes Machtspiel aus Intrigen und tödlicher Gefahr gemischt mit Verwicklungen mit einem Mafia-Boss, russischen Exilanten und Hobby-Soldaten, den Braunhemden.

Kutschers Bild des sich wandelnden Berlins wurde ohne Frage sorgfältig recherchiert; das Buch ist immer wieder von der Atmosphäre der Hauptstadt der Weimarer Republik durchdrungen: Die Stadt ist dabei nicht nur bloßer Spielort, sondern wird zum eigenständigen Charakter in der Handlung. Zudem bewahrt Neil Sellars scharfsinnige Übersetzung (Hut ab an Sellar, der das häufig essentielle Hin und Her zwischen duzen und siezen reibungslos ins Englische überträgt) genügend Klang und Geschmack des Deutschen, ohne je zu übertreiben.

Sowohl seinen Trinkgewohnheiten nach zu urteilen, als auch den Leichen in seinem Keller, erinnert Rath zwar eher an Ermittler wie John Rebus, aber seine Bemühungen, letztlich das Richtige in einem scheinbar zunehmend kompromittierenden System zu tun, lassen einige Bücher von Le Carré anklingen. Das politische System – und die verhassten Sozialdemokraten, die in der Regierung sitzen – beeinflussen zweifellos die Polizeiarbeit (was zu einer folgenreichen Konfrontation zwischen Polizisten und kommunistischen Demonstranten am Anfang des Buchs führt). Dabei begegnet Rath, wie Smiley, Vorgesetzten, die lieber Fehler vertuschen als interne Heuchelei und Verrat zu gestehen.

Die Serie folgt dem Aufstieg des Nationalsozialismus durch die Augen von Gereon Rath und Kutscher wiedersteht der Versuchung, seinen Protagonist_innen die Einsicht der Rückschau zu geben: Die Angst und Paranoia der Figuren im Angesicht des Kommunismus und ihre einhergehende Nachlässigkeit, der rechten Bewegung entgegen zu stehen, bietet einen faszinierenden (wenn auch qualvollen) Blick auf eine Gesellschaft, die durch soziale, finanzielle und politische Instabilität zerrüttet ist.
 

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