Dezember 2018 Ulrike Almut Sandig: ‚Vom Flirren der Bäume im Licht nichts sagen‘

Buchcover: Dickicht von Ulrike Almut Sandig
Cover © Seagulls Books

The First Blast to Awaken Women Degenerate von Rachel McCrum war eines der am sehnlichsten erwarteten Lyrikdebüts, die in den letzten Jahren in Schottland herausgebracht wurden. McCrum hatte davor schon eine loyale Fanbase dank ihrer kühnen und dynamischen Lyrikperformances und ihr Debütband kombiniert die Energie und Unmittelbarkeit, für die sie bereits bekannt war, mit einer skurrilen und gelegentlich bedrohlichen Sensibilität.

Eine zweite Lyrikerin, die jeglichen Widerspruch von Buch und Bühne zersetzt, ist Ulrike Almut Sandig: Bei ihren imposanten Live-Auftritten verwebt sie ihre komplexen lyrischen Gedichte mit Techno-Musik. Ihr Werk erschien 2018 zum ersten Mal auf Englisch mit der wunderschön gestalteten Übersetzung von Dickicht (ins englische übersetzt von Karen Leeder). Obwohl Sandig und McCrum beide ihre ganz eigene Ästhetik prägen, sind ihre Textsammlungen vereint durch starke Bezüge zu Orten – in der Verwurzelung oder der Entwurzelung. Während McCrums Band zwischen Nordirland und Edinburgh reist, werden Sandigs Gedichte in ‚Nord‘ und ‚Süd‘ getrennt. Ein einzelnes Gedicht ‚in der Mitte des jeweiligen Körpers‘ fungiert als Bindeglied und Schanier zwischen diesen zwei Teilen.

Darüber hinaus leihen McCrum und Sandig aus älteren Texten, um provozierende Seitenblicke auf politische Diskurse zu werfen. Der Titel The First Blast to Awaken Women Degenerate zitiert eine frauenfeindliche Äußerung des schottischen Reformers John Knox (das schottische Äquivalent zu Martin Luther) – allerdings ist das Zitat absichtlich falsch wiedergegeben. McCrums Gedichte verkörpern eine aufrichtige Auseinandersetzung in Protesthaltung mit genderpolitischen Fragen und Themen wie dem Exil und Migration. Sandigs Sammlung wird dagegen von Wäldern und Bäumen bevölkert:

‚ich werde vom Flirren der Bäume im Licht nichts

sagen, auch nicht von den Bäumen an sich‘

Diese starken ersten Zeilen (von einem der ersten Gedichte im Band) geben den Ton der Sammlung an, indem sie von Bertolt Brechts bekannteren Gedichten leihen, die die Faszination mit der Natur als Gegensatz zum sinnvollen politischen Engagement deuten (‚Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!‘). Sandig kehrt diesen Standpunkt stets um, und schreibt ihn dabei neu für unser Jahrhundert, in dem Naturgedichte nicht mehr eine Wirklichkeitsflucht bedeuten, sondern dringend politisch wirken.

Dabei entsteht eine Sammlung, die das Unheimliche, das Spukhafte und das Beunruhigende feiert. Hier sind Gedichte voller Fragen, die die Lesenden immer wieder überraschen mit ihrer skurrilen Sicht, ihrer vorausahnenden politischen Natur und vor allem ihrer schrägen aber stetigen Sinnlichkeit.

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