Juli 2019 Der Russe ist einer, der Birken liebt: Wir Kinder vom Nirgendwo

Book Cover: All Russians Love Birch Trees - Citizens of Nowhere
Cover © Other Press

Ich habe Deborah Levys Heiße Milch (übersetzt von Barbara Schaden) an einem brütend heißen Nachmittag während eines unverhofften Urlaubs gelesen. Der Roman ist fast hypnotisch, so träge und verführerisch wie ein langer Tag am Strand, mit demselben Vermögen, einem unerwartet weh zu tun. Levy erfasst perfekt das Prekäre am Jungsein zwischen den Kulturen im 21. Jahrhundert: Die griechische Britin Sofia – die sich in Spanien um die kranke Mutter kümmert – arbeitet in einem Hipster Café, statt ihre Promotion zu schreiben. Aus dem Café klaut sie Filzstifte, um Zitate aus der Ethnographie an die Wand ihres Zimmers zu schreiben. Als der Bildschirm ihres Laptops kaputt geht, erkennt sie: „Mein Laptop enthält mein gesamtes Leben und weiß mehr über mich als irgendwer sonst. Was ich damit sagen will: Wenn er kaputt ist, bin ich’s ebenfalls.“
 
Olga Grjasnowas Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt hat viel mehr Bewegung als Heiße Milch, sowohl geographisch als auch metaphorisch, zeichnet aber ebenso feinfühlig die Rastlosigkeit und Unsicherheit einer bestimmten Generation von jungen Europäer*innen. Mascha, eine russische Jüdin, ist in Aserbaidschan aufgewachsen und im Alter von 14 Jahren zusammen mit ihrer Familie nach Deutschland geflohen. Dabei entflieht sie einem Trauma, weigert sich jedoch stets, dieses Erlebnis als Schlüssel ihrer Identität anzuerkennen – ein Erlebnis, das im Verlauf des Romans immer mehr an Bedeutung gewinnt. Ihre Freund*innen haben ähnlich vielfältige Backgrounds und müssen erkennen, dass sie trotz Intelligenz und Vielsprachigkeit nie so geschätzt sein werden, wie ihre westeuropäischen Kommiliton*innen. Als Mascha – inzwischen an der Uni und fließend in fünf Sprachen – den Menschen verliert, den sie liebt, versucht sie zunächst „die Leere in [ihr] mit Vokabeln zu füllen“, flieht dann aber nach Israel, wo Konflikte an der Tagesordnung stehen.
 
Obwohl die Handlung durch Maschas Trauer getrieben ist, dominiert sie den Roman nicht. Leichtigkeit wird sowohl durch die Fürsorge ihrer Freund*innen erzeugt als auch durch eine trockene Ironie, die die Absurditäten der Trauer herausstreicht. Während sie im Wartezimmer eines Krankenhauses sitzt, blättert Mascha in einer alten Ausgabe der Vogue: „Dann riss ich die erste Seite aus, faltete sie zusammen und steckte sie in meine Tasche. Ich riss die Seite drei aus, faltete sie zusammen und steckte sie in meine Tasche. … Für Seite hundertsieben gab es keinen Platz mehr in meiner Tasche.“

Ihre Mutter hingegen beginnt, ihre vielen Verwandten zu nummerieren, um sie auseinander halten zu können.
 
Durch die wechselhaften Biographien von Mascha und ihren Bekannten schafft Grjasnowa einen deutlich nuancierteren Sinn für Politik und Geschichte als in politischen Parolen oder – wie häufig im Roman – betrunkenen Gesprächen möglich wären. Dadurch geraten die Narrative über Identität, Grenzen und Zugehörigkeit, die wir zu kennen glauben, aus dem Gleichgewicht. Im Gespräch mit einem besonders unausstehlichen Professor urteilt Mascha abschätzig:

„Ich würde ihm auch nicht sagen, dass Menschen, die ohne fließendes Wasser leben, nicht zwangsläufig ungebildet sind … Sein Multikulturalismus fand in Kongresshallen, Konferenzgebäuden und teuren Hotels statt. Integration war für ihn die Forderung nach weniger Kopftüchern und mehr Haut, die Suche nach einem exklusiven Wein oder einem ungewöhnlichen Reiseziel.“
 
Es gibt Momente, in denen erkennbar wird, dass Der Russe ist einer, der Birken liebt ein Debüt ist: Da hat Mascha überraschend schnell die Uni abgeschlossen oder etwas am Zeitrahmen ist nicht ganz stimmig. Trotzdem ist es ein bemerkenswertes, antreibendes Buch und – in einer Zeit, in der Nationalismen immer präsenter werden – ein äußerst wichtiges.

Olga Grjasnowa liest am 22. August beim Edinburgh International Book Festival. Weitere infos sind unter dem oben stehenden Link zu finden.
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