Oktober 2019 Stefan Zweig: Die Welt von gestern

Book Cover: Pushkin Press
Cover © Pushkin Press

Erinnerungen eines Europäers

Das Werk Stefan Zweigs, einer der beliebtesten und meist übersetzten Autoren der deutschen Sprache im frühen 20. Jahrhundert, hat in den letzten Jahren eine ungewöhnliche Renaissance erlebt. Bis dato in der englischsprachigen Lesewelt weitgehend vergessen, wurden seine Bücher kürzlich neu ins Englische übersetzt und kamen vermehrt ins Gespräch, als Filmemacher Wes Anderson Zweigs Werk als Inspiration für seinen Film Grand Budapest Hotel nannte.
 
Ich selbst lernte Zweig durch seine Autobiographie kennen. Die Welt von Gestern: Erinnerungen eines Europäers ist ein faszinierendes Zeugnis der Aufgewühltheit Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und zeitgleich ein enttäuschter Liebesbrief an den Kontinent, an den Zweig so leidenschaftlich glaubte. Zweig kartografiert weniger das eigene Leben, als seine Position in einer historischen Generation: geboren in eine jüdische Familie in einer scheinbar sicheren Welt in Österreich-Ungarn; verfangen in der Begeisterung neuer Kunstbewegungen um die Jahrhundertwende; ein Reisender, mit, dank seiner Freundschaften überall in Europa, seltener Stimme der Vernunft mitten im fieberhaften Nationalismus des Ersten Weltkriegs; ein Zeitzeuge der Absurditäten von Inflation und Verzweiflung nach dem Krieg; und später ein früher Geflüchteter, der dem Faschismus entkommen ist.
 
Die ersten Kapitel von Die Welt von Gestern erzählen von der kultivierten Wiener Bürgerlichkeit. Dabei erinnerte mich die Faszination des jungen Stefan mit dem literarischen Leben Europas – zu meiner Überraschung – an Philip Pullmans Das Banner des roten Adlers (übersetzt von Reinhard Tiffert). Dieser spannende Jugendroman spielt in einem winzigen, fiktionalen deutschen Königreich und durch ihn lernte ich nicht nur die Politik von Bismarck und Österreich-Ungarn kennen, sondern auch eine bestimmte kosmopolitische Idee von Europa, laut der das Denken in mehreren Sprachen völlig normal ist. Als ich Zweigs Beschreibungen der Wiener Kaffeehäuser und Theater und des dem Habsburger Reich innewohnenden Internationalismus las, war ich wieder dreizehn, träumte von Großstädten, Mitteleuropa und Kaffee-begleiteten Debatten bis tief in die Nacht. Ein gewisser Zauber wird auch erzeugt durch Zweigs Freundschaften mit den herausragendsten Künstlern seiner Zeit und den dadurch bedingten Auftritten von Rilke, Joyce, Freud und vielen anderen.
 
Der Ton des Buchs ändert sich allerdings, wenn die Erzählung das Jahr 1914 erreicht und ähnelt ab hier den brillanten autobiographischen Essays von Marilyn Robinson. Zweig ist mit französischen Freunden in Belgien, als der Krieg erklärt wird, und seine Verzweiflung über den Zerfall des Kontinents, den er liebt, wird durch den extremen Patriotismus, dem er zuhause begegnet, noch gesteigert. In der Folge durchlebt er ungestüme Zeiten im Europa des 20. Jahrhunderts und seine Berichte davon sind gleichzeitig faszinierend und ernüchternd. Faszinierend, teils durch die Position, die ihm sein Ruhm ermöglicht: Auch nachdem seine Bücher 1933 verbrannt wurden, beispielsweise ist eins seiner Libretti für kurze Zeit das einzige Werk eines Juden, das auf deutschen Bühnen gespielt wird. Ernüchternd sind seine Berichte zu lesen aufgrund der Parallelen mit unserer Welt in den letzten Jahren. Die Darstellung wachsender Nationalismen, schamloser, autoritärer Politik und vor allem die Blindheit Zweigs und seiner Landleute dem Faschismus gegenüber, machen die Memoiren zu einer unbequemen aber notwendigen Lektüre.

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