November 2019 Juli Zeh: Corpus Delicti - Ein Prozess

Book Cover: Vintage
Cover © Vintage

Dass dystopische Romane deutlich mehr gekauft wurden in den Monaten nach der Wahl von Trump, ist allgemein bekannt und wird gerade von ernsten jungen Männern mit Bärten leidenschaftlich proklamiert.  Da ich zu der Zeit Buchhändlerin war, kann ich die Wahrheit der Aussage bestätigen – obwohl bärtige junge Männer gerne vergessen, dass die Verfilmung mehrerer solcher Romane zur selben Zeit vielleicht auch ein Faktor war. Ein solches Buch war Der Circle von Dave Eggers (übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann), das in der nahen Zukunft spielt. Der titelgebende „Circle“ hat Facebook und Google geschluckt und das Internet monopolisiert; die Vision dieser Firma von Gesellschaft und Zusammenleben wirft die Frage auf, wo Transparenz endet und Überwachung beginnt.
 
Vielleicht hast du Der Circle gern gelesen, vielleicht fandest du es auch manchmal etwas unbeholfen. Vielleicht dachtest du – wie ich – dass das Buch auch hundert Seiten kürzer hätte sein können. So oder so, solltest du auf jeden Fall Corpus Delicti von Juli Zeh deinem Bücherregal hinzufügen. Deutschland, 2050: Die ordinäre Erkältung ist seit den zwanziger Jahren eliminiert, jedes Versagen, sich gegen Krankheiten zu schützen, ist ein Verbrechen und es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen mit inkompatiblen Immunsystemen sich nicht ineinander verlieben können.
 
Mia Holl gerät in Konflikt mit der „Methode“ – so nennt sich der Staat – nachdem ihr Bruder für ein Verbrechen verurteilt wird, bei dem sie fest glaubt, dass er unschuldig ist. Was als Bagatelldelikt beginnt – das Versäumnis, ihre monatlichen Schlafberichte und Urinproben einzureichen – führt zum radikalen Hinterfragen des Staats, an den sie immer geglaubt hatte. Ähnlich wie Der Circle bildet Juli Zehs Roman ein System ab, das „glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat“. Diese Dystopie allerdings nimmt eine wahrhaft utopische Idee als Ausgangspunkt: Wer würde nicht gerne leben, ohne Angst und Schmerz je gekannt zu haben? Der Roman bildet ab, dass es nicht unsere Glaubenssysteme selbst sind, die zu Bösem führen, sondern das Ausmaß, wie eifrig wir diese Überzeugungen verteidigen.
 
Der Roman glänzt aber neben seinen Ideen vor allem durch seine Figuren und ihre streitenden, flirtenden, liebenden Beziehungen, die immer glaubwürdig kompliziert sind. Alle Figuren (mit der Ausnahme von Mias Strafverteidiger namens Rosentreter) verfügen über ihre ganz eigene Anziehungskraft: Mia betrachtet ihren Bruder stets ambivalent – „Dabei dachte sie heimlich, dass Moritz vielleicht nicht ganz richtig im Kopf, aber unwiderstehlich sei.“ – und aus einem ähnlichen Blickwinkel wird auch Mias gewissenhafte Richterin gezeichnet, ebenso Heinrich Kramer, der charismatische Befürworter der „Methode“ und schließlich auch Mia selbst.
 
Dystopische Romane bauen zwar häufig auf Science-Fiction und alternativer Geschichtsschreibung, aber ihre Darstellungen von Menschen sind oft bedrückend nah angelegt an Ideen von Realismus und Rationalismus. Corpus Delicti dagegen erhält Tiefe und Empathie durch die Phantasie, die Moritz und Mia teilen. Wenn das Buch ein Plädoyer für Einfühlsamkeit und Phantasie und gegen fanatischen Rationalismus sein soll, ist es selbst sein überzeugendstes Argument.

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